Plakette gefälscht – 62-Jährige aus Enger beschuldigt Unbekannten namens „Hotte“
Gerichtsposse um Tüv-Schwindel

Bünde/Enger (WB). Kurioser Prozess vor dem Bünder Amtsgericht: Weil sie die Tüv-Plakette ihres alten Opel mit einem schwarzen Stift frisiert haben soll, muss sich eine 62-Jährige wegen Urkundenfälschung verantworten. Die Frau aus Enger schiebt die Schuld aber einem Unbekannten mit Spitznamen „Hotte“ in die Schuhe.

Dienstag, 07.07.2020, 07:56 Uhr aktualisiert: 07.07.2020, 13:40 Uhr
Mit einem Stift war die Jahreszahl auf der Tüv-Plakette des alten Opels der Engeranerin geändert worden. Foto: Daniel Salmon

Wie die Vertreterin der Staatsanwaltschaft in der Verhandlung ausführt, hatte eine Polizeistreife den Wagen der Angeklagten am 31. Dezember vergangenen Jahres in Hunnebrock gestoppt. Den Beamten war aufgefallen, dass die Tüv-Zulassung des Opel zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren abgelaufen war. Allerdings hatte jemand die Jahreszahl 2017 auf dem Siegel in 2022 geändert – mit einem schwarzen Stift. „Ich war so was von den Socken. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Was hätte ich davon, die Plakette zu fälschen?“, zeigt sich die 62-Jährige selbst über den Schwindel erschrocken.

Einspruch gegen Strafbefehl

Gegen den Strafbefehl in Höhe von 400 Euro legt sie später Einspruch ein – und landet somit vor Gericht. Die Geschichte, die sie in der Verhandlung am Montag präsentiert, stuft Richter Henning Zurlutter als „recht unglaubwürdig“ ein.

Wie die Angeklagte ausführt, hatte sie bereits für den 29. Dezember 2019 einen Termin für eine Hauptuntersuchung für den seit längerer Zeit nicht genutzten Wagen bei einer Werkstatt vereinbart. „Aber ich musste an dem Tag ins Krankenhaus, konnte daher nicht mit dem Auto dahin. Darüber hatte ich mich am 27. Dezember mit einem Nachbarn im Garten unterhalten“, schildert die 62-Jährige. Unverhoffte Hilfe sei an diesem Wintertag dann aus heiterem Himmel in Form eines Unbekannten erschienen, der sich ihr – nachdem der Nachbar gegangen war – als „Hotte“ vorstellte. „Der hat mir angeboten, dass er mit meinem Auto zum Tüv fährt. Er hat gesagt, das habe er für andere Leute schon öfter gemacht.“

85 Euro als Lohn

Man habe sich auf eine Zahlung von 85 Euro geeinigt, das Auto samt Papieren und Schlüssel habe die Frau für den Unbekannten in ihrer Grundstückseinfahrt bereitgestellt. Soweit habe scheinbar alles geklappt, der Fremde habe das Auto geholt, später wiedergebracht und vom Sohn der Angeklagten die 85 Euro kassiert.

Dass „Hotte“ scheinbar gar nicht beim Tüv war, sei der 62-Jährigen dann erst Tage später bei der Polizeikontrolle gewahr geworden. „Ich bin wirklich sehr enttäuscht. Wenn ich den zu packen kriege“, gibt die Frau, die nur von einer kleinen Witwenrente lebt, vor Gericht zu Protokoll. „Sie haben sich noch nicht mal die Tüv-Rechnung zeigen lassen?“, wundert sich die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. „Die wollte er in den Briefkasten werfen“, erwidert die Angeklagte.

Später räumt die Engeranerin ein, dass „Hotte“ ohnehin nicht beim von ihr ausgemachten Termin war: „Die kannten sich da mit alten Autos nicht aus. ­Dieser ‚Hotte­‘ meinte aber, er kennt eine andere Werkstatt, die bei so History-Autos den Tüv abnimmt.“

Wen betrog „Hotte“ noch?

Wie die Frau dann herausbekommen haben will, soll „Hotte“ einen Bekannten mit einem ähnlichen Tüv-Versprechen ebenfalls aufs Kreuz gelegt haben. „Das ist aber ein schwebendes Verfahren und den Namen des Bekannten will ich nicht sagen. Der würde eh nicht aussagen.“

Der Nachbar der Engeranerin, der „Hotte“ angeblich gesehen haben soll, kann wenig zur Erhellung des Sachverhalts beitragen: „Ich kenne den nicht“, so der 72-Jährige.

Dennoch beharrt die Angeklagte auf ihrer Version der Geschichte („Warum soll ich für etwas büßen, was ich nicht gemacht habe?“), will den Strafbefehl weiter nicht akzeptieren und lässt es auf eine Vertagung des Termins mit der Ladung weiterer Zeugen ankommen („Mein Sohn sagt aber eh nicht aus, der will damit nichts zu tun haben“).

Amtsrichter Zurlutter weist die 62- Jährige daraufhin, dass die Gerichtskosten, die bei einer Verurteilung auf sie zukommen könnten, bei einer längeren Verfahrensdauer steigen würden. „Und ich habe Zweifel, dass es ‚Hotte‘ wirklich gibt“, so der Jurist. Schließlich lenkt die Engeranerin ein, akzeptiert den Strafbefehl: „Aber gegen ‚Hotte‘ erstatte ich Anzeige!“

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