Fall im Jacobi-Haus Bünde zeigt, wie Corona-Regeln in Pflegeheimen die Isolation fördern
Wenn Demenzkranke durchs Raster fallen

Bünde (WB). Wie macht man der demenzkranken Mutter klar, dass sie in Corona-Zeiten das Pflegeheim nicht verlassen sollte? „Es ist einfach nicht möglich, sie versteht es ja nicht“, sagt Regina Zoltowski. Ihrer Mutter, Frieda Brinker, die seit gut einem Jahr im Jacobi-Haus am Ufer der Else in Bünde lebt, ist dies nun zum Verhängnis geworden.

Donnerstag, 07.05.2020, 03:07 Uhr aktualisiert: 07.05.2020, 05:03 Uhr
Olaf Brinker, Regina Zoltowski und Susanne Gahrig (von links) zeigen den Brief des Johanneswerkes, in dem auf die verschärften Ausgangsbeschränkungen hingewiesen wird. Foto: Peter Monke

„Das Heim hatte uns per Brief mitgeteilt, dass Bewohner, die die Einrichtung verlassen und nicht-kontrollierbare Sozialkontakte haben, nach der Rückkehr für 14 Tage isoliert behandelt werden müssen“, erzählt Regina Zoltowski. Und genau das sei natürlich passiert.

Ihre Mutter habe mit der Demenz eine Hinlauftendenz entwickelt. „Sie macht sich immer wieder auf den Weg, zumeist zu ihrem Elternhaus in Dünne, das gut drei Kilometer vom Pflegeheim entfernt ist. Und deshalb sitzt sie jetzt in Quarantäne. Wir sind verzweifelt“, sagt Regina Zoltowski.

„Wir können nicht einfach die Tür abschließen“

Wir, das sind auch ihre Schwester Susanne Gahrig und ihr Bruder Olaf Brinker. „Wir fragen uns, warum man es überhaupt zugelassen hat, dass unsere Mutter das Heim verlässt. Das hätte man doch verhindern müssen”, sagen alle drei. Sechs Wochen dauere bereits das Besuchsverbot, jetzt habe ihre Mutter auch noch den Kontakt zu ihrer Wohngruppe verloren.

Das Jacobi-Haus liegt am Ufer der Else in Bünde.

Das Jacobi-Haus liegt am Ufer der Else in Bünde. Foto: Peter Monke

„Man bestraft sie für etwas, das sie nicht verstehen und beeinflussen kann. Zumindest empfinden wir das so“, sagt Regina Zoltowski. Die Angst sei groß, dass ihre Mutter nun zu sehr sich selbst überlassen sei und Gefahr laufe, stark depressive Züge zu entwickeln.

Sorgen, die Bodo de Vries gut verstehen kann. Er ist Geschäftsführer des Johanneswerkes in Bielefeld, zu dem das Jacobi-Haus gehört. Er sieht in den Äußerungen der Angehörigen von Frieda Brinker einen „wertvollen Hinweis auf die Wirkung von Regeln, die wir uns nicht ausgesucht haben“.

Vielmehr handele es sich um Vorgaben des Bundesgesundheitsamtes und des Robert-Koch-Institutes, die man einzuhalten habe. „Und da das Jacobi-Haus keine geschlossene Einrichtung ist, können wir für die Bewohner nicht einfach die Tür abschließen. Das wäre eine freiheitsentziehende Maßnahme, und dafür bedarf es eines richterlichen Beschlusses, der in diesem Fall aber nicht vorliegt.“

Warum gab es keinen Pförtner?

Natürlich müsse man auch selbstkritisch anmerken, dass man auf Frieda Brinker vielleicht „nicht in Perfektion geachtet“ habe. Richtig sei auch, dass Demenzkranke bei dieser Ausgangsregelung ein Stück weit durchs Raster fallen würden. Man müsse aber auch die Rahmenbedingungen bedenken, die derzeit in Pflegeheimen herrschten.

„All die Einsamkeit und Isolation, die durch viele Corona-Regeln entsteht, versuchen die Mitarbeiter mit aller Kraft zu kompensieren. Sie vermitteln Telefonate, organisieren Videochats über das Tablet, lesen Briefe vor und nehmen Blumen an. Das Bemühen ist groß“, sagt Bodo de Vries.

Auch den Einwand der Angehörigen, man hätte doch einen Pförtner an die Eingangstür setzen können, könne er nachvollziehen. Die Realität lasse eine solche Maßnahme aber schlicht nicht zu: „Wir reden bei der Pflege über ein System, in dem es schon vor der Krise viel zu wenig Personal gab, das gleichzeitig aber so teuer ist, dass viele Bewohner von Heimen schlicht verarmen“, sagt der Johanneswerk-Geschäftsführer. Oder etwas plakativer ausgedrückt: ohne ausreichend Personal und finanzielle Kapazitäten auch kein Pförtner.

Wunsch nach Corona-Tests

„Ich würde mir wünschen, dass Menschen wie Frieda Brinker in so einer Situation ganz schnell auf Corona getestet werden könnten, um die Isolation so kurz wie möglich zu halten“, sagt Bodo de Vries. Aber auch das sei derzeit nicht möglich. Dass ab Sonntag das Besuchsverbot in den Heimen gelockert werden soll (siehe Bericht auf dieser Seite), sei wichtig und aus ethischen Gründen dringend geboten.

Für Regina Zoltowski, Susanne Gahrig und Olaf Brinker kommt diese Lockerung spät, aber in einem Punkt noch rechtzeitig: Am Sonntag wird Frieda Brinker 80 Jahre alt. Diesen Ehrentag muss sie jetzt nicht alleine verbringen.

Kommentare

Stefan Henseler  wrote: 07.05.2020 09:38
Coronatest nur für Privilegierte?
Es ist nicht gerade ein gutes Zeichen für unser Land, wo für hochbezahlte Fussballprofis Tests in mannigfaltiger Art und Weise verfügbar sind, nicht aber für den "Otto-Normalverbraucher".
Und ich finde es beschämend das es gerade diejenigen trifft, die mit viel persönlichem Einsatz für den Aufbau unserer Republik stehen.
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