Erste Bilanz zum Demenzlotsen-Projekt – Selbsthilfegruppe für Pflegende geplant „Die Angehörigen sind oft verzweifelt“

Bünde  (WB). Jeder vergisst schon mal etwas. Meistens fällt es einem dann irgendwann wieder ein. Doch was, wenn das Vergessen um sich greift, zu Sprach- und Orientierungsschwierigkeiten führt und letztlich sogar das Verhalten eines geliebten Menschen sich verändert? In einer immer älter werdenden Gesellschaft sind immer mehr Menschen von der Demenz betroffen. Das Kontaktbüro „Pflegeselbsthilfe Demenz“ schätzt, dass von den etwa 249.500 Einwohnern im Wittekindskreis 4105 Menschen unter Demenz leiden.

Von Hilko Raske
Pflegende Angehörige von an Demenz Erkrankten finden sich oft in einer Situation wieder, in der die Herausforderung zur Überforderung wird.
Pflegende Angehörige von an Demenz Erkrankten finden sich oft in einer Situation wieder, in der die Herausforderung zur Überforderung wird.

Dass sich aber nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die pflegenden Angehörigen der Alltag komplett verändert, werde dabei oft übersehen, sagt Günter Niermann (75), einer der ausgewiesenen Demenz-Experten im Kreis Herford. Diesen Menschen will die Ärzteinitiative „Medizin und Mehr” (MuM) helfen.

Regelmäßige Sprechstunden

Unter der Federführung des Kontaktbüros Pflegeselbsthilfe Demenz in der Alzheimer-Beratungsstelle Enger ist deshalb zu Jahresbeginn für Bünde ein Demenzlotsen-Projekt ins Leben gerufen worden. Jeweils am ersten und dritten Donnerstag eines Monats werden im MuM-Gebäude (Viktoriastraße) Sprechstunden angeboten.

Die Nachfrage sei groß, betont Niermann, der die Beratung gemeinsam mit Karin Alex durchführt. „Es sind sehr intensive Gespräche, die wir hier führen“, sagt der Demenz-Experte. Eine Stunde Zeit nehme man sich für jeden Hilfesuchenden. „Die Menschen, die die Sprechstunde aufsuchen, wissen oft nicht, wie es in ihrem Alltag weitergehen soll.“ Ein Teil zweifle auch an sich selbst. „Pflegende Angehörige fragen sich, ob sie das Richtige machen.“

Ein Beispiel: Wenn eine an Demenz erkrankte Mutter fünfmal behaupten würde, es sei ihr etwas weggenommen worden und man beim sechsten Mal aus der Haut fahre und sage, nun sei Schluss damit, würden sich die Angehörigen anschließend fragen, ob sie nicht überreagiert hätten. Und noch etwas sei deutlich geworden während der Sprechstunde: „Die pflegenden Angehörigen können schlecht Hilfe annehmen.“ Das habe auch etwas mit Scham zu tun, dem Gefühl, dass man gescheitert sei.

Hausbesuche werden angeboten

Um die Situation angemessen beurteilen zu können, biete er an, mit in die Häuslichkeiten zu kommen. So könne man aus den vorhandenen Angeboten das Passende auswählen. Die vergangenen Wochen hätten eindeutig gezeigt, dass eine große Notwendigkeit für derartige Beratungsangebote existiere. „Wir benötigen das in allen neun Kommunen des Kreises Herford. Wir müssen sehen, dass die Betroffenen Hilfe vor Ort erhalten.“

Ein wesentlicher Baustein ist für Niermann die Gründung einer Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige in Bünde. Das sei eine wichtige Plattform, um Erfahrungen auszutauschen, sich über die rechtlichen Grundlagen zu informieren und sich gegenseitig bei dieser verantwortungsvollen Aufgabe zu unterstützen.

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