Tierärztin Dr. Tanja Hochstetter: „Zustand der Tiere war erschreckend“
Veterinäramt beschlagnahmt 160 verwahrloste Schafe in Bünde

Bünde (WB). Sie waren abgemagert, durstig, von Räude befallen und das Fell ging ihnen aus: Das Veterinäramt des Kreises Herford hat 160 Schafe und sechs Ziegen in Bünde beschlagnahmt. Bereits am Donnerstag ließen die Amtstierärzte die Vierbeiner abtransportieren und anderweitig unterbringen.

Montag, 13.01.2020, 17:44 Uhr aktualisiert: 13.01.2020, 17:56 Uhr
Anders als die Herde auf diesem Foto waren die Schafe in Bünde in einem extrem schlechten Pflegezustand. Foto: dpa

Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung über eine Gruppe verwahrloster Schafe wurden die Kontrolleure schließlich auf zwei Weiden in Bünde fündig. „Der Zustand der Tiere war erschreckend: Nahezu alle wiesen einen schlechten bis sehr schlechten Ernährungszustand auf – mehrere waren völlig abgemagert. An beiden Standorten waren die Schafe von Räude befallen – erkennbar an großflächigem Verlust der Wolle und starkem Juckreiz“, sagt Dr. Tanja Hochstetter vom Veterinäramt des Kreises Herford.

Tiere scheuerten sich blutig

Viele hätten sich sogar blutig gescheuert. Die Tierärztin fand geschwächte Schafe mit aufgekrümmtem Rücken, geblähten Bäuchen und hochgradigen Lahmheiten vor.

Trotz einer sofort eingeleiteten tierärztlichen Untersuchung und Behandlung sind vier der besonders geschwächten Jungtiere zwischenzeitlich verendet oder mussten eingeschläfert werden. Bei zehn weiteren Schafen ist noch nicht sicher, ob sie überleben werden. „Die Körper der verendeten Tiere wurden zur pathologischen Untersuchung in das Veterinäruntersuchungsamt (CVUA OWL) nach Detmold gebracht“, so Hochstetter.

Das Veterinäramt kritisierte auch die Haltungsbedingungen. Bei dem aktuell nasskalten Wetters stand den Tieren kein Witterungsschutz wie eine Hütte zur Verfügung. Auf einer der beiden Weiden fehlte sogar eine Wasserversorgung. Zum Schutz der Vierbeiner war die unverzügliche anderweitige Unterbringung und fachtierärztliche Behandlung erforderlich.

Professionelles Tiertransportunternehmen im Einsatz

„Besonders dankbar bin ich den Kollegen von der Klinik für kleine Wiederkäuer der Tierärztlichen Hochschule Hannover, die zeitnah zur Verfügung standen und die ambulante medizinische Versorgung der Herde übernommen haben“, erklärt Hochstetter weiter.

Der Abtransport der Tiere erfolgte mit Unterstützung erfahrener Schafhalter, einem professionellen Tiertransportunternehmen und der Polizei. Anders als bei vernachlässigten Hunden oder Katzen, die beispielsweise im Tierheim unterkommen können, gestaltet sich die Unterbringung einer so großen Herde durchaus schwierig. Da wird auch schon mal mit Nachbarkreisen kooperiert. In diesem Fall konnte für die Tiere aber schnell eine artgerechte Unterbringung gefunden werden.

Strafanzeige wegen Tierquälerei

Das Veterinäramt ermittelt aktuell gegen verschiedene Personen, die für die Haltung und/oder Betreuung der Tiere verantwortlich gewesen sein könnten. „Aufgrund der Schwere der Vernachlässigung und der damit verbundenen erheblichen Schmerzen, Leiden und Schäden bei den Tieren“ wird die Behörde Strafanzeige wegen Tierquälerei erstatten, heißt es in einer Mitteilung des Kreises Herford. Als weitere Maßnahme werde zudem die Anordnung eines Tierhaltungsverbots gegen die verantwortliche (n) Person(en) geprüft, teilt die Behörde weiter mit.

Das sagt der Bundesverband der Berufsschäfer

„Selbst kleinste Tiere wie Goldhamster brauchen Pflege. So auch Schafe. Man kann sie nicht einfach als billigen Rasenmäher auf eine Wiese stellen“, sagt Günther Czerkus, Vorstand und Sprecher des Bundesverbands der Berufsschäfer. Auch ein Rasenmäher brauche Sprit und Wartung – ein Schaf sei am Ende sogar deutlich teurer in der Pflege. „Viele haben die Folgekosten nicht im Blick“, sagt er.

Die Tiere, die das Veterinäramt in Bünde beschlagnahmt hat, waren in einem sehr schlechten Pflegezustand. Stünden Schafe beispielsweise auf zu weichem Boden, könnten sie sich ihre Klauen nicht ablaufen. Diese würden dann viel zu lang.

„Ist das Schaf in keinem guten Zustand, funktioniert die Durchfettung des Fells mit Lanolin (Wollwachs) nicht mehr richtig. Das Tier wird bis auf die Unterwolle nass und kalt“, sagt der Experte. Das Fett sei wie eine Art Imprägnierung. Funktioniere sie nicht, kühle das Schaf aus.

Günther Czerkus seien Fälle wie der in Bünde durchaus bekannt. „Diese spezielle Situation kann ich aus der Ferne nicht bewerten. Nicht selten spielen aber persönliche Schicksale wie Krankheiten oder die Trennung vom Partner eine Rolle, wenn ein Schäfer eine Großherde plötzlich nicht mehr richtig versorgt“, weiß er aus Erfahrung.

In Deutschland leben aktuell etwa 1,6 Millionen Schafe. 50 Prozent davon werden von Berufsschäfern gehalten. „Nach einer Erhebung des Bundesamts für Statistik von 2016 gibt es 989 Schafbetriebe“, erklärt der Vorsitzende des Bundesverbands der Berufsschäfer. Die restlichen 50 Prozent der Population in Deutschland werden als Nebenerwerb oder in Kleinstherden gehalten. Im deutschlandweiten Durchschnitt hätten die Herden jeweils 35 Mutterschafe.

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