Vor 25 Jahren lösten neun junge Bünder versehentlich einen Polizeieinsatz aus Zeitkapsel für Bankraub-Beute gehalten

Bünde (WB). Neun junge Männer, eine Edelstahlkiste und eine Schnapsidee: Diese ungewöhnliche Kombination löste vor genau 25 Jahren einen großen und ziemlich „schmutzigen“ Polizeieinsatz in Bünde aus.

Von Daniel Salmon
Marc Michael (von links), Stefan Holtkamp, Carlo Schmidt, Hendrik Sudbrack, Michael Becker und Renee Kröger buddelten ihre Zeitkapsel am 1. Januar dieses Jahres in einem Spradower Waldstück aus. Die meisten Gegenstände in der Kiste, die fast ein Vierteljahrhundert im Erdreich schlummerte, sind noch in einem recht guten Zustand. „Nur die Party-Fotos waren hinüber“, sagt Kröger.
Marc Michael (von links), Stefan Holtkamp, Carlo Schmidt, Hendrik Sudbrack, Michael Becker und Renee Kröger buddelten ihre Zeitkapsel am 1. Januar dieses Jahres in einem Spradower Waldstück aus. Die meisten Gegenstände in der Kiste, die fast ein Vierteljahrhundert im Erdreich schlummerte, sind noch in einem recht guten Zustand. „Nur die Party-Fotos waren hinüber“, sagt Kröger. Foto: privat

Dabei hatten die Heranwachsenden eigentlich gar nichts Verbotenes vor. „Aber von den Beamten haben wir damals eine ordentliche Ansprache bekommen“, sagt Renee Kröger. Der heute 44-Jährige ist einer der Hauptakteure der Geschichte, die zur Jahreswende 1994/1995 ihren Anfang nahm.

Idee kam in der Disco

Gemeinsam mit seinen Kumpels Marc Michael, Stefan Holtkamp, Carlo Schmidt, Hendrik Sudbrack, Michael Becker, Michael Kohlhoff und zwei weiteren Heranwachsenden hatte der Bünder in der Diskothek Wilhelmshöhe kurz nach Weihnachten gefeiert. „Wir waren alle zwischen 18 und 22 Jahre und eine eingeschworene Truppe. Wir hatten uns über die Feuerwehr kennengelernt“, erinnert sich Kröger. In bierseliger Laune kam einem von ihnen damals ein Einfall: Die Truppe beschloss, gemeinsam eine Truhe mit einigen Erinnerungsstücken zu füllen, zu vergraben, und dann nach 25 Jahren wieder auszubuddeln. „Wem die Idee mit der Zeitkapsel gekommen ist, weiß ich gar nicht mehr. Aber wir haben das dann einfach gemacht“, so Kröger.

Buddelaktion am 1. Januar

Am 1. Januar 1995 fuhr die Gruppe gemeinsam zu einem Wäldchen in Ostkilver, vergrub die Truhe im Boden. „Da haben wir Partyfotos reingetan, einen Mofa-Führerschein, einen Fahrradausweis, einen Stahlhelm, den irgendwer bei sich im Keller gefunden hatte, und eine Ausgabe des Feuerwehrmagazins von 1994“, zählt der Bünder auf. Renee Kröger selbst steuerte zum Inhalt der Zeitkapsel eine Medaille von einem Fußballturnier bei.

Allerdings: An besagter Stelle blieb die Kiste nicht lange. Kröger: „Der frühere Bürgermeister von Rödinghausen, Günter Oberpenning, machte in der Nähe einige Tage später einen Spaziergang mit seinem Hund.“ Was man dazu wissen muss: Einige Tage zuvor hatten Räuber die Sparkassen-Filiale im nahe gelegenen Holsen überfallen und mehrere tausend ­D-Mark erbeutet. „Damals lag Schnee – nur da, wo wir gebuddelt hatten, natürlich nicht. Und daher dachte Oberpenning wohl, die Sparkassen-Räuber hätten dort ihr Geld aus dem Überfall vergraben“, mutmaßt Kröger.

Polizei findet „Schatz“

Jedenfalls alarmierte das Rödinghauser Gemeindeoberhaupt kurz nach seinem Fund die Polizei. Und die Ermittler meldeten sich einige Tage später bei den neun jungen Bündern. „Ein Kumpel erhielt einen Anruf. Ein Beamter sagte: ‚Der Schatz ist geborgen.‘ Wir wussten erst gar nix damit anzufangen“, so der 44-Jährige. Mit seinen Kumpels machte sich Kröger zur örtlichen Polizeiwache auf – und staunte nicht schlecht. „Die Streifenwagen waren alle mit Schlamm bedeckt. Und in der Wache, die damals noch recht neu war, lag auch überall Erde. Auf dem Boden standen lauter dreckige Schuhe der Polizisten.“ Wie die Heranwachsenden damals erfuhren: Die Ermittler hatten die versteckte Zeitkapsel geborgen, waren dank dem Mofa-Führerschein an die Telefonnummer eines der jungen Männer gekommen. „Bei der Bergungsaktion im Wald hatten sich wohl einige Streifenwagen festgefahren. Von den Beamten haben wir für unsere Aktion erst mal einen Elfmeter bekommen“, erzählt Kröger und lacht.

Die Polizisten erklärten der Gruppe, dass sie sich mit der Buddelaktion zwar nicht strafbar gemacht hätten: „Die nahmen das schon mit Humor. Aber sie sagten, wir sollten unsere Kiste demnächst woanders vergraben – und nicht mehr im Bünder Revier.“ Dem Wunsch kamen die neun Kumpels allerdings nicht nach. „Ein halbes Jahr später haben wir die Kiste wieder verbuddelt und zwar in Spradow, wieder in einem Wäldchen.“

Nur die Fotos sind hinüber

Am Neujahrstag dieses Jahres kamen sechs der Freunde dann wieder zusammen – und suchten das Versteck. „Wir hatten einen Metalldetektor dabei. Der schlug aber nicht auf Edelstahl an. Wir hatten aber einige Markierungen an Bäumen hinterlassen.“ Nach drei Versuchen fanden die Männer dann ihren „Schatz“. „Leider war Wasser in die Kiste gelangt, die Party-Fotos waren hinüber. Alles andere hatten wir eingeschweißt und das war unversehrt“, erzählt Kröger. Sogar der Spruch, den einer der Bünder mit einem Edding-Stift von innen auf den Deckel der Kiste geschrieben hatte, war noch lesbar. Abends trafen sich dann sieben der Männer zum gemeinsamen Grillen, um auf ihre Aktion und ihre Freundschaft anzustoßen.

„Wir haben überlegt, ob wir noch mal eine Zeitkapsel für 25 Jahre vergraben. Aber dann wären wir alle über 70 und sind dann wahrscheinlich mit dem Rollator unterwegs“, sagt Kröger und grinst.

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