WWL und »Lukas« kooperieren mit Elite-Uni in Moskau – Pflegekräfte von Philippinen Bünder holen Top-Ärzte aus dem Ausland

Bünde (WB). Sascha Bittrolff steht auf dem Flur der Station 3b im Bünder Lukas-Krankenhaus. Er wirft mit Chefarzt Dr. Steffen Krummbein einen Blick in eine Patientenakte. Seit fünf Jahren lebt der examinierte Krankenpfleger in Deutschland. Seine Ausbildung hat er auf den Philippinen gemacht. In einem Pilotprojekt hat ihn der Wirtschaftsverband Westfalen-Lippe (WWL) nach Deutschland geholt.

Von Kathrin Weege
Sascha Bittrolff (27) kam vor sechs Jahren von den Philippinen nach Deutschland. Dort hatte er bereits einen Bachelor in der Pflege gemacht. Hier ist der Krankenpfleger im Gespräch mit Chefarzt Dr. Steffen Krummbein vom Lukas-Krankenhaus. Gemeinsam sehen sie sich eine Patientenakte an und sprechen darüber.
Sascha Bittrolff (27) kam vor sechs Jahren von den Philippinen nach Deutschland. Dort hatte er bereits einen Bachelor in der Pflege gemacht. Hier ist der Krankenpfleger im Gespräch mit Chefarzt Dr. Steffen Krummbein vom Lukas-Krankenhaus. Gemeinsam sehen sie sich eine Patientenakte an und sprechen darüber. Foto: Kathrin Weege

38.000 Ärzte und 40.000 Pflegekräfte fehlen

Und das ist erst der Anfang. Mit einer Medizin-Initiative will der WWL mit Unterstützung von Steffen Krummbein, Chefarzt und geschäftsführender Klinikdirektor am Lukas-Krankenhaus, hoch qualifizierte Ärzte von Elite-Unis wie Lomonossow in Russland und Pflegekräfte von den Philippinen nach Ostwestfalen holen. „Aktuell fehlen in Deutschland 38.000 Ärzte und 40.000 Pflegekräfte – Tendenz steigend. Diese dramatische Situation hat uns dazu bewogen, uns auch in diesem Bereich zu engagieren“, sagt WWL-Vorsitzender Manfred Bulk. Der Wirtschaftsverband akquiriert seit Jahren erfolgreich ausländische Fachkräfte wie Ingenieure für heimische Unternehmen. Seine Erfahrungen will er nun auf den medizinischen Bereich übertragen.

Kommentar

Gestresste Ärzte in Zeiten von Ärztemangel, Probleme mit der Sprache des behandelnden Arztes: Gerade für einen schwer kranken Patienten stellt diese Sprachbarriere noch eine zusätzliche Belastung dar. Wer schon einmal im Krankenhaus gelegen hat, kennt diese Probleme. Es ist daher zu begrüßen, dass sich der WWL und das Lukas-Krankenhaus für hoch qualifiziertes Personal einsetzen – und das sogar ehrenamtlich. Zusammen bilden Krankenhaus und Wirtschaftsverband ein starkes Team: Medizinisch kann der Chefarzt die Kandidaten beurteilen, im Werben von guten Fachkräften aus dem Ausland ist der WWL Experte.

„Das größte Problem ist, dass sich bisher Ärzte bewerben, die oft nicht so gut ausgebildet sind, die sprachliche Probleme haben oder aus einem komplett anderen kulturellen Bereich kommen“, sagt Bulk. Um die besten Ärzte zu finden, hat er sich das Ranking der weltweit besten 1000 Unis angesehen. Auf Platz eins liegt da Harvard. „Aber auch Länder wie Russland haben mit Lomonossow – eine Uni in Moskau – sehr qualifiziertes Personal. Lomonossow liegt im Ranking auf Platz 52“, erläutert Bulk. Die in Frage kommenden Ärzte können in ihrem Heimatland schon Sprachschulungen bis zum B1-Niveau erhalten, um ihnen die Integration später zu erleichtern. „Ziel in Deutschland ist das C1-Niveau. Dafür gibt es Schulungen in Bielefeld. Wir setzen auch Phonetiker ein, um dann noch weiter an der Aussprache zu feilen“, so Bulk. Ihre Facharztausbildung können die Ärzte dann in Deutschland machen.

Beurteilung in Skype-Konferenz

Ob sich ein Kandidat wirklich eignet, das ist für den Vorsitzenden des WWL schwierig festzustellen. Daher hat er Chefarzt Dr. Steffen Krummbein mit ins Boot geholt. Dieser beurteilt Zeugnisse und Lebensläufe. In einer Skype-Konferenz sprechen Krummbein und Bulk dann mit den Anwärtern und können sie so noch besser beurteilen, bevor sie nach Deutschland kommen.

Wenn an den Kliniken Ärzte fehlen, greifen die Häuser aktuell auf Honorarkräfte von Agenturen zurück. “Diese sind nicht immer gut und auch teurer als festangestellte Ärzte, da sie stundenweise bezahlt werden“, weiß der Chefarzt.

Krankenpflege ein Bachelor-Abschluss

Bei den Pflegekräften blickt Bulk vor allem in Richtung der Philippinen. “Dort ist Krankenpflege ein Bachelor-Abschluss“, so Bulk. Bei einer Informationsreise hat sich Bulk mit einem ehemaligen philippinischen Konsul für Australien ausgetauscht. Dieser holte 1000 philippinische Pflegekräfte nach Australien. In einem renommierten Krankenhaus in Davao zeigte man sich interessiert an Bulks Projekt und an einer Kooperation. „In einer zweijährigen Intensivausbildung sollen Interessierte für uns dort ausgebildet werden“, so Bulk.

Sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte will der WWL bei Anerkennungsverfahren und Prüfungen unterstützen. „Dafür haben wir schon ein Experten-Team zusammengestellt“, verrät Bulk.

„Große Sache“

„Lukas first“ lautet das Motto, wenn vermutlich Mitte kommenden Jahres die ersten Ärzte und Pflegekräfte in die Region kommen. Die ersten Sprachkurse an der Lomonossow-Uni sind bereits angelaufen. „Wir machen das ehrenamtlich – wollen aber dennoch gerne, dass die gesamte Region von unserem Projekt profitiert“, meint Krummbein. Daher finden in der nächsten Zeit Gespräche mit umliegenden Kliniken statt, um dort Bedarfe zu erfragen. „Ich glaube, das ist eine ganz große Sache, die deutschlandweit erfolgreich sein kann“, ist Krummbein überzeugt. Er und Bulk gehen davon aus, dass das Projekt in zwei bis vier Jahren so richtig laufen wird. „Wir können den Ärzte- und Pflegekräftemangel in den Griff bekommen“, sind sich beide sicher.

Sascha Bittrolff ist inzwischen richtig in Deutschland angekommen. „Zu Anfang war das alles nicht so einfach“, gibt er zu. Bereut hat er den Schritt aber nie.

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