Historiker regt Umbenennung der Bünder Lettow-Vorbeck-Straße an – Grüne stellen Antrag Umstrittener Namensgeber

Bünde (WB). General Paul Emil von Lettow-Vorbeck (1870-1964) gilt als historisch umstrittene Persönlichkeit. Mehrfach wurde bereits versucht, der 1946 in Bünde nach ihm benannten Straße einen anderen Namen zu geben. Bislang vergeblich. Nun soll das Thema erneut aufgegriffen werden.

Von Daniel Salmon
Am Straßenschild der Lettow-Vorbeck-Straße an der Einmündung zur Ernst-Reuter-Straße hat Frank Gnegel eine seiner Infotafeln angebracht.
Am Straßenschild der Lettow-Vorbeck-Straße an der Einmündung zur Ernst-Reuter-Straße hat Frank Gnegel eine seiner Infotafeln angebracht. Foto: Daniel Salmon

Einen entsprechenden Antrag, der in der kommenden Sitzung des Verkehrsaussschusses am 17. Mai (Beginn: 19 Uhr im Rathaus) behandelt werden soll, haben die Bünder Grünen auf den Weg gebracht.

Grünen schlagen Infoveranstaltung vor

Deren Sprecherin Stefanie Janßen schlägt dem Rat im Namen ihrer Fraktion vor: »Die Verwaltung wird beauftragt, eine Informationsveranstaltung für alle Bürger, insbesondere für die Anlieger der Lettow-Vorbeck-Straße, zu organisieren, auf der ein fachkundiger Historiker über das Leben Lettow-Vorbecks informiert, um eine angemessene historische Urteilsbildung zu gewährleisten.«

Mit einer solchen Veranstaltung beabsichtigen die Grünen, den Bünder Ratsmitgliedern eine Entscheidungsgrundlage zu geben, ob die Lettow-Vorbeck-Straße umbenannt werden soll. Den Anliegern soll zudem die Möglichkeit einer fundierten Stellungnahme zu diesem Thema gegeben werden, die einem möglichen Ratsbeschluss vorausginge.

»Das Thema ist uns durch eine Aktion des Frankfurter Historikers Frank Gnegel vor einigen Wochen wieder präsent geworden. Wir fanden das ziemlich gut«, schildert Janßen. Denn der frühere Bünder, der als Leiter der Abteilung Sammlungen am Museum für Kommunikation in der Mainmetropole arbeitet, hatte an den vier Schildern, auf denen »Lettow-Vorbeck-Straße« steht, kleine laminierte Hinweistafeln angebracht.

Auf diesen weist Gnegel unter anderem auf die Beteiligung des Generals am »Völkermord von 75 000« Angehörigen der Stämme der Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia) im Jahr 1904, Kriegsverbrechen während des Ersten Weltkriegs, seiner Teilnahme am Kapp-Lüttwitz-Putsch sowie auf die Rolle Lettow-Vorbecks im Dritten Reich hin.

Überfälliger Akt der Deolonialisierung

»Ich bin öfters in Bünde bei meinen Schwiegereltern zu Gast. Immer, wenn ich an der Straße vorbeikomme, denke ich mir: ›Wie kann man Lettow-Vorbeck nur gedenken?‹ Das ist, als ob man eine Heinrich-Himmler-Straße hätte. An den Osterfeiertagen habe ich meinen Ärger kanalisiert und die Infotafeln angebracht«, so Frank Gnegel auf Anfrage. Er findet: »Man sollte sich von so einem Demokratiefeind distanzieren. Heutzutage wäre jemand wie Lettow-Vorbeck vor dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal gelandet. Eine Umbenennung der Straße wäre ein längst überfälliger Akt der Dekolonialisierung.«

Auch Stephanie Janßen meint: »Straßen werden nach Vorbildern benannt. Sehen wir Lettow-Vorbeck als Vorbild?« In ihrem Antrag betont die Grünen-Sprecherin, dass auch zahlreiche andere Kommunen »ihre« Lettow-Vorbeck-Straßen bereits umbenannt hätten. In Ostwestfalen gibt es daher in Halle seit 2015 die Martin-Luther-Straße. Sollte man sich möglicherweise auch in Bünde zu einer Namensänderung durchringen, hielten die Grünen die Bezeichnungen »Willy-Brandt-Straße«, »Leisniger Straße« oder »Europastraße« für passend.

Dass sich die Bünder Politik nun mit seiner Aktion beschäftigt, freut Frank Gnegel: »Das war mein Ziel.«

Das sagt die Stadtverwaltung

»Wir haben die Infotafeln an den Straßenschildern zunächst hängen lassen, da sie Geschichte durchaus zutreffend darstellen. Es ist sachlich nicht verkehrt, was Gnegel schreibt«, sagt Bürgermeister Wolfgang Koch. Eine Entscheidung über eine mögliche Umbenennung der Lettow-Vorbeck-Straße würde die Bünder Politik jedoch nur nach Rücksprache mit den Anliegern treffen, so Koch, der auch eine Alternative ins Spiel bringt: »Im Verwaltungsvorstand haben wir besprochen, dass wir einen Geschichtsleistungskurs einer Bünder Schule bitten könnten, eine Erläuterungstafel zu Lettow-Vorbeck zu erarbeiten.«

Der Rat könne dann entscheiden, ob diese an die alten Straßenschilder montiert oder eine Namensänderung angestrebt wird, die allerdings mit einem gewissen finanziellen Aufwand verbunden wäre

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