Hochseilartist aus Bünde kämpft nach einem Unfall um seine Rente Der Absturz

Bünde (WB). Nach 30 Jahren auf dem Hochseil stürzte Hans-Werner Kubica so unglücklich ab, dass seine Artistenlaufbahn zu Ende ist. Jetzt kämpft er um eine Rente und versucht, mit Malerei den finanziellen Absturz abzufedern.

Von Christian Althoff
Multitalent: Hans-Werner Kubica war 30 Jahre Hochseilartist, er spielt Gitarre und malt.
Multitalent: Hans-Werner Kubica war 30 Jahre Hochseilartist, er spielt Gitarre und malt. Foto: Christian Althoff

»Ich war wohl ein Naturtalent«, sagt der 63-Jährige, der in Berlin aufgewachsen ist und seit Jahrzehnten in Bünde lebt. »Als die Traber-Truppe in der Stadt war, bin ich als achtjähriger Steppke hingegangen und über das Übungsseil gelaufen. Einfach so.«

Als Erwachsener lebte Kubica von Musik und Malerei, doch das Hochseil blieb seine Sehnsucht. »Mit 30 habe ich mich entschieden, das zum Beruf zu machen.« Kubica ging mit der Artistenfamilie Stey auf Tournee. Ein Jahr dauerte die Ausbildung, dann beherrschte er das Hochseil zu Fuß, per Fahrrad und Motorrad.

Künstlername: Alexi Kuby

Hans-Werner Kubica machte sich unter dem Künstlernamen Alexi Kuby selbständig. Er lief nicht nur übers Seil, er erklomm auch bis zu 60 Meter hohe Masten, um oben einen Handstand zu machen. »Vor allem bei starkem Wind hat man da schon Todesangst«, sagt der 63-Jährige.

Es war der 26. August 2013, der sein Leben auf den Kopf stellte. Beim Training hinter seinem Haus in Bünde stürzte Hans-Werner Kubica ab – und bekam das Seil im letzten Moment zu fassen. Dabei riss die rechte Bizepssehne. »Der Arzt sagte, die würde wieder zusammenwachsen.« Doch auch nach monatelanger Physiotherapie konnte Kubica den Arm nicht genug drehen, um die 20 Kilogramm schwere Balancierstange zu halten. »Der Arzt riet jetzt doch zur OP. Ich ließ das machen, aber die Sehne war bereits vernarbt und letztlich zu kurz. Ich kann den Arm nicht mehr richtig bewegen.«

Kubica: »Der Arbeitsunfall hat mir meine Existenz genommen«

Nach zwei schweren Unfällen 1987 und 2003 war Kubicas Erwerbsfähigkeit bereits zu 40 Prozent gemindert, so dass er eine Verletztenrente bekommt. Nach dem beruflichen Aus beantragte er nun bei der Berufsgenossenschaft eine Erhöhung dieser Rente, doch die Versicherung lehnte ab. »Bezogen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt«, schrieb sie, sei die eingeschränkte Drehfähigkeit des Arms nicht so schwerwiegend, als dass eine Rente zu gewähren sei.

Hans-Werner Kubica: »Der Arbeitsunfall hat mir meine Existenz genommen. Ich habe etliche Bewerbungen für Hilfstätigkeiten geschrieben, aber ohne Erfolg.« Kubica klagte vor dem Sozialgericht Detmold und bekam Recht. Sein Anwalt Manfred Utesch aus Herford: »Das Gericht entschied, dass die Armverletzung für gewöhnliche Arbeiten zwar keine Rolle spiele, für einen Hochseilartisten aber erheblich sei.«

Ausstellung im September

Das Sozialgericht meinte, auch wegen seines Alters sei Kubica nicht mehr in den Arbeitsmarkt integrierbar. Es hielt eine Erhöhung der Erwerbsminderung um bis zu 20 Prozent für angemessen, gewährte schließlich aber nur zehn Prozent, weil dem Artisten »altersbedingt die Berufsausübung ohnehin nur noch wenige Jahre möglich gewesen wäre«. Das sieht Hans-Werner Kubica anders: »Es gibt viele Artisten, die bis ins hohe Alter arbeiten.« Deshalb hat sein Anwalt Berufung eingelegt.

Weil bis zur Rechtskraft des Urteils kein Geld fließt, versucht der in zweiter Ehe verheiratete Artist jetzt, an Bildern zu verdienen. »Ich male schon mein Leben lang, aber es ist ein hartes Brot«, sagt der Künstler. Im September stellt ihn die Galerie »Alte Vogtei« in Bielefeld aus. »Vielleicht geht’s dann wieder nach oben.«

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