Gericht verfolgt zwei von drei Straftaten nicht – Diebstahl ist häufigstes Delikt Jugendliche seltener angeklagt

Bünde (WB). 96 Mal mussten sich Jugendliche aus Bünde im vergangenen Jahr vor Gericht verantworten. In mehr als zwei von drei Fällen (insgesamt 209 Mal) aber hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt, ohne dass es überhaupt zu einer Anklage kam.

Von Kathrin Brinkmann
Die Justitia hält eine Waage in ihrer Hand. Sie ist die Personifikation der Gerechtigkeit. Bei vielen Straftaten Jugendlicher in Bünde wird allerdings gar keine Anklage erhoben.
Die Justitia hält eine Waage in ihrer Hand. Sie ist die Personifikation der Gerechtigkeit. Bei vielen Straftaten Jugendlicher in Bünde wird allerdings gar keine Anklage erhoben.

Mit 39 Fällen war Diebstahl der weit häufigste Grund für eine Anklage. »Diebstähle sind das klassische Delikt dieser Altersgruppe zwischen 14 bis 20 Jahren«, hat Marco Frodermann vom Jugendamt beobachtet. Vor allem bei den Mädchen, die wesentlich seltener straffällig werden, sei dies neben Betrug die häufigste Deliktart. Nur etwa ein Viertel der Straftaten wurde laut Statistik des Jugendamtes von Mädchen verübt.

»Während die Zahl der Diebstähle seit Jahren etwa gleich bleibt, ist positiv zu beobachten, dass die Zahl der Körperverletzungen, die von Jugendlichen verübt wurden, in den vergangenen zehn Jahren stark zurückgegangen ist. Aus welchem Grund, kann ich nicht sagen«, erläutert Frodermann. Im Jahr 2005 seien 19 Bünder Jugendliche wegen Körperverletzung angeklagt worden und weitere 18 wegen schwerer Körperverletzung. Im Jahr 2015, genau zehn Jahre später, seien es nur noch zwei Anklagen wegen Körperverletzung und fünf wegen gefährlicher Körperverletzung gewesen.

Generell habe die Zahl der Anklagen innerhalb der vergangenen zehn Jahre stark abgenommen. »2005 hatten wir 202 Anklagen gegen Jugendliche.« Dem gegenüber stehen 96 Anklagen in 2015 (84 vor dem Jugendgericht in Bünde und zwölf vor dem Jugendschöffengericht in Herford).

Aus diesen Zahlen könne man allerdings nicht schließen, dass tatsächlich weniger Straftaten begangen worden seien. »Es kann auch sein, dass Polizei und Staatsanwaltschaft Straftaten einfach anders verfolgen als noch vor zehn Jahren«, sagt Marco Frodermann.

Rückläufig ist neben den Körperverletzungen die Zahl der Verkehrsdelikte.

Ein Extrembeispiel hierfür sei das Jahr 2014 gewesen, in dem es insgesamt lediglich zu 52 Anklagen gekommen sei. »In 2014 sind 196 Verfahren einfach so eingestellt worden«, sagte Frodermann. 2015 habe es sogar 209 Einstellungen gegeben. In mehr als zwei von drei Fällen komme es also gar nicht erst zu einer Anklage. Hinzu kamen im vergangenen Jahr 54 Diversionen, also Fälle, in denen das Verfahren außergerichtlich geregelt wurde, zum Beispiel durch Erziehungsmaßnahmen durch das Jugendamt.

»Ich habe den Eindruck, dass die Staatsanwaltschaft heute häufiger als früher ein Verfahren einstellt, wenn der Jugendliche zuvor strafrechtlich noch nicht in Erscheinung getreten ist«, sagt Frodermann. Ob die schlechte Personalsituation bei den Gerichten der Grund hierfür ist, könne er nicht sagen.

Frodermann hat beobachtet, dass die meistens Jugendlichen tatsächlich bereits 14 oder älter sind, wenn sie erstmals straffällig werden. Im Jahr 2015 verübten zwölf unter 13-Jährige eine Straftat (2014: 34). Diese Taten werden nicht gerichtlich verfolgt, weil diese Altersgruppe noch nicht strafmündig ist. Dennoch erfolge ein Gespräch mit dem Jugendamt.

»Rückläufig ist neben den Körperverletzungen auch die Zahl der Verkehrsdelikte.« Es gebe weniger Jugendliche, die zum Beispiel ihr Mofa frisieren und so auffallen.

Als Strafe würden vom Gericht oftmals Sozialstunden verhängt. Auch ein sozialer Trainingskurs, den das Bünder Jugendamt anbietet, werde den Jugendlichen auferlegt. Dieser Kurs sei jedoch seit etwa zwei Jahren wegen der geringen Anzahl an Anklagen gar nicht mehr voll geworden. Auch Geldstrafen würden vom Gericht verhängt, wenn die Jugendlichen selbst in Lohn und Brot seien. »In ganz harten Fällen gibt es Wochen­end- oder Dauerarreste.« Es gebe jedoch keine Zahlen darüber, wie oft ein Arrest angeordnet werde.

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