Im Verfahren wegen des Gemüsekistendiebstahls sagt ein wichtiger Zeuge aus
Schadenssumme womöglich deutlich höher

Werther/Bielefeld -

Mit einer umfangreichen Zeugenaussage eines Kriminalbeamten wurde vor der Zweiten Strafkammer des Bielefelder Landgerichts der Prozess gegen drei Angeklagte aus Harsewinkel fortgesetzt. Ihnen wird zur Last gelegt, in Werther Gemüsekisten in großem Stil entwendet zu haben.

Dienstag, 02.03.2021, 17:24 Uhr
Mit dem Diebstahl tausender Gemüsekisten vom Hof Pahmeyer in Werther befasst sich das Landgericht Bielefeld. Foto: Thomas F. Starke

Obwohl die Verteidigung die Verwertbarkeit des polizeilichen Vernehmungsprotokolls in Zweifel zieht und die vorgesehene Reihenfolge der Zeugenauftritte ändern wollte, blieb der Vorsitzende Richter beim vorgesehenen Kurs.

Die Anwälte hatten Bedenken geäußert, weil dem auf frischer Tat ertappten Michael G. angeblich der eingeforderte Kontakt zu einem Rechtsbeistand verwehrt wurde. Es sei nicht auszuschließen, dass die Angaben des Beschuldigten durch Versprechungen und Verlockungen zustande gekommen sein könnten. Der 56-jährige Polizeibeamte ging im Laufe seiner Aussage auch auf Informationen ein, die ein zuvor angehörter Zeuge im Gerichtssaal nicht wiederholen wollte. Demnach gab es bei der Gütersloher Polizei bereits im Mai 2019 Hinweise auf Gemüsekistendiebstähle größeren Ausmaßes.

Nach einer Anzeige am 6. Dezember 2019 und dem anschließenden Observationsbeschluss wurde einer der Beschuldigten am 11. Dezember festgenommen, zwei weitere Tatbeteiligte konnten sich absetzen. Bei der Vernehmung am folgenden Tag erklärte er den Aussagen des Polizeizeugen zufolge ausdrücklich, auf anwaltlichen Beistand zu verzichten, und gab an, seit dem 27. April 2019 regelmäßig an Wochenenden gemeinschaftlich zwischen vier und fünf Paletten Gemüsekisten vom Hof Pahmeyer entwendet zu haben. Die „Entlohnung“ nach seinen Angaben: „20 Euro für 10 bis 20 Minuten Arbeit“.

Erst bei der Vernehmung sei dem Beschuldigten wohl das Missverhältnis dieser Bezahlung aufgefallen – im Vergleich zu angeblich zwei Euro pro Kiste, die seine Auftraggeber beim Weiterverkauf des Diebesgutes erzielten, mutmaßt der Zeuge. Infolge detaillierter Angaben zum Zwischenlager in Versmold-Oesterweg konnten dort noch während der Vernehmung etwa 35 Paletten á 600 Europoolkisten im Warenwert von 60.000 Euro sicher gestellt und an die Besitzer zurück gegeben werden.

Der Kriminalbeamte versicherte, den Beschuldigten über dessen Schweigerecht und das Recht, einen Anwalt hinzuziehen zu können, belehrt zu haben. Auch habe er keine Angaben über Strafmilderung oder Haftverschonung gemacht. Der Angeklagte konnte dagegen keine Hinweise zu Hintermännern, Preisen und Weiterverkauf der entwendeten Gemüsekisten geben. Mit dem offenbar lukrativen „Geschäftsmodell“ Europoolkistendiebstahl sei er bisher nicht in Berührung gekommen, räumte der Kriminalbeamte ein. Erst infolge weiterer Recherchen sei ihm bewusst geworden, dass Europool rund eine Milliarde Kisten pro Jahr umsetzt und auch andere Betriebe und Unternehmen schon Opfer derartiger Diebstähle geworden sind. Nicht zuletzt aus diesem Grund werde an einer technischen Individualisierung der Kisten gearbeitet.

Zum „Pfandpreis“ in Höhe von 3,86 Euro addieren sich laut Geschäftsführer des geschädigten Unternehmens aus Werther noch Leistungsentgelte in Höhe von durchschnittlich 0,61 Euro als Füllgebühr und Reinigungskosten pro Kiste. Der bisher veranschlagte Gesamtschaden bei fast 78.000 gestohlenen Kisten könnte sich somit auf 350.000 Euro erhöhen. In der Anklageschrift war bisher von rund 300.000 Euro die Rede.

Das Verfahren wird am 4. März mit der Anhörung weiterer Zeugen und Logistiker aus dem betroffenen Unternehmen fortgesetzt.

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