Werthers Bürgermeister Veith Lemmen (SPD) blickt auf ein auch für ihn persönlich sehr denkwürdiges Jahr zurück
Kein ganz normaler Amtsantritt

Werther (WB) -

Vor einem Jahr absolvierte Veith Lemmen seine ersten Wahlkampf-Termine als frisch gekürter Bürgermeister-Kandidat der SPD. Inzwischen sitzt er seit gut zwei Monaten an seinem neuen Schreibtisch im Rathaus. Im Interview mit Margit Brand blickt er auf ein denkwürdiges Jahr zurück und einen Amtsantritt, der zum langsamen Warmwerden keine Zeit lässt.

Sonntag, 03.01.2021, 17:18 Uhr
Die Pandemie bestimmt derzeit viele Abläufe im Rathaus Bürgermeister Veith Lemmen blickt trotzdem mit Zuversicht ins neue Jahr. Foto: Margit Brand

 

 

Was ist schon selbstverständlich geworden im neuen Amt?

Veith Lemmen: Es haben sich die ersten kleinen Abläufe etabliert. Dazu gehört, dass ich versuche zu vermeiden, dass mein Schreibtisch ein Nadelöhr wird, vor dem sich die weitere Zusammenarbeit mit den Fachbereichen staut. Dazu bin ich meist schon sehr früh da. Ja, und dann gehört ein Morgenkaffee bei der kurzen Besprechung mit meinem Stellvertreter Guido Neugebauer und meiner Kollegin Hannelore Petersen auch dazu. Aber keine Frage: Es ist und bleibt noch viel Neues und Spannendes.

 

Was dürfte gerne möglichst schnell Routine werden?

Lemmen: Eine gewisse Struktur im Arbeitstag – soweit das möglich ist – wäre auf Dauer schon schön. Aber dafür bin ich im Moment noch zu neu im Amt und bringe – zum Glück! – viel Neugier mit. Hinzu kommt, dass Corona manchmal auch ganz kurzfristig alle Pläne wieder über den Haufen wirft. Aber es werden bestimmt wieder Tage kommen, an denen ich mich mal nach Feierabend aufs Rad setzen kann. Im Moment klappt das leider nur selten, so wie auch dienstlich Dinge liegen bleiben. Ich weiß es sehr zu schätzen, wenn sich Bürger mit ihren Anliegen und Anregungen an mich wenden. Ich bitte um Nachsicht, wenn es derzeit mit der Antwort schon mal etwas länger dauert.

 

Wie sehr bestimmt denn Corona Ihren Arbeitsalltag?

Lemmen: Wir sind hier im Rathaus täglich im Gespräch, und ich bin sehr froh, dass das Haus so gut aufgestellt ist. Es gibt eine große Solidarität, wenn es darum geht, dem Ordnungsamt „Amtshilfe“ zu leisten. Wir gehen gut und gelassen mit den Herausforderungen um. Zum Glück habe ich mich in Vorbereitung auf eine mögliche Amtsübernahme frühzeitig mit den rechtlichen Grundlagen genauso wie mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft intensiv beschäftigt. So spüre ich keine Momente der Überforderung. Über den Dienst nach Vorschrift hinaus können wir so auch mit Leidenschaft agieren.

 

Wie meinen Sie das?

Lemmen: Als eine Infektion in der Sammelunterkunft an der Weststraße bekannt wurde, haben wir früh die Initiative ergriffen und sind auf den Kreis zugegangen. Ohne Menschen zu stigmatisieren war es unser Ziel, dass das Virus sich nicht intensiver verbreitet. Uns ging es nicht darum, Quarantäne durch Zwang umzusetzen, sondern die Bewohner davon zu überzeugen, dass an diesem Ort für sie tatsächlich am besten gesorgt wird.

Die Gesundheit aller ist wichtig, aber auch eine gewisse Ablenkung in dieser schwierigen Zeit ist nötig. Da kam beispielsweise die neue Weihnachtsbeleuchtung ins Spiel. Oder das traditionelle Adventsblasen, für das trotz gewisser Einschränkungen eine Lösung gefunden wurde.

 

Die Pandemie wird eine Bremsspur bei den städtischen Finanzen hinterlassen. Mit welchen Einbußen rechnen Sie?

Lemmen: Unser Ziel ist es, mittelfristig nicht in die Haushaltssicherung zu rutschen. Ich bin verhalten optimistisch, dass das gelingen wird. Der Jahresabschluss 2020 wird voraussichtlich gar nicht schlecht ausfallen. Was mir vielmehr Sorgen macht, sind die kommenden Jahre. Eine Planungssicherheit gibt es quasi nicht. In einer Zeit, in der sich Bund und Länder bei der Finanzierung der Krise sprichwörtlich die heißen Kartoffeln zuwerfen, möchte ich nur anmerken: Am Ende der Nahrungskette stehen immer die Kommunen...

 

Sie haben den Haushaltsentwurf quasi von Marion Weike „geerbt“. Ohne die ausstehenden Etatberatungen Ende Januar vorweg zu nehmen: Wo werden Sie Ihre Akzente einarbeiten?

Lemmen: Es war auch mein Wunsch, den Haushaltsplan frühzeitig einzubringen. Es gibt da keine tiefen Pflöcke von Frau Weike, die uns einschränken. Die finanzielle Gesamtlage ist da entscheidender. Ein großer Schluck aus der Pulle wird nicht möglich sein. Aber ich mache mir da wenig Sorgen. Es geht ja als Bürgermeister auch um strategische, langfristige Planungen. Ich werde die Hände jedenfalls nicht in den Schoß legen.

 

Ein erster politischer Kraftakt – die Bildung und Besetzung der Fachausschüsse – ist geschafft. Die inhaltliche Arbeit hingegen läuft gerade erst an. Wie ist Ihr Eindruck: Gelingt das Miteinander der Fraktionen trotz herausfordernder Mehrheitsverhältnisse?

Lemmen: Wenn es darum geht, gute und pragmatische Lösungen zu finden, leiste ich gerne meinen Beitrag. Mein Eindruck ist, dass alle Beteiligten großes Interesse zeigen, zum Wohl der Stadt zu wirken. Ob das inhaltlich immer zusammenpasst, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

 

Worauf wird es im neuen Jahr besonders ankommen? Welche Projekte müssen in Ihren Augen umgehend angegangen oder besser noch: umgesetzt werden?

Lemmen: Es ist im Moment schwierig, konkret etwas zu nennen, weil viel davon abhängt, wie sich die Corona-Krise weiter entwickelt und wie viel Tageskapazität sie weiterhin bindet. Manche Dinge lassen sich im Moment schlicht nicht angehen, weil dazu ein persönliches Treffen unabdingbar wäre. Trotzdem hoffe ich, dass wir in Sachen Mobilität etwas voran bringen. Werther soll fahrrad-freundlicher werden, ohne dass diejenigen, die aufs Auto angewiesen sind, übergangen werden. Toll wäre es auch, wenn wir in Sachen ÖPNV-Preise etwas erreichen könnten. Aber das ist ein Paradebeispiel: Sind da aufgrund der enormen Verluste, die derzeit eingefahren werden, überhaupt Spielräume?

 

Was dürfte sich schwieriger gestalten, als Sie im Wahlkampf dachten?

Lemmen: Die gute Nachricht ist, dass es kein Thema gab, bei dem sich nach Amtsantritt unerwartet neue Informationen und damit Probleme auftaten. Böse Überraschungen gab‘s nicht.

 

Sie suchen für Ihre Familie ein Zuhause in Werther. Was lehrt Sie die private Erfahrung für das politische Handeln?

Lemmen: Über das Handeln im Amt habe ich Werther in den vergangenen Wochen noch besser kennen gelernt. Was ich vorher schon ahnte, hat sich bestätigt: Die vielfältige Infrastruktur ist für junge Familien ideal. Werther wäre damit auch dann ein guter Wohnsitz für uns geworden, wenn es mit dem Bürgermeisteramt nicht geklappt hätte. Ich weiß natürlich auch, dass eine Traumimmobilie hier nicht vom Himmel fällt. Wohnungen zu schaffen, bleibt wichtiges Thema.

 

Der traditionelle Schnatgang, der eigentlich Anfang des Jahres Vertreter aus Politik, Verwaltung, Vereinen und Institutionen gemeinsam durch Werther führt, wird diesmal ausfallen. Wo hätten Sie die Multiplikatoren der Stadt gerne her geführt?

Lemmen: Vielleicht haben wir ja die Gelegenheit, ausnahmsweise bei wärmeren Temperaturen und weniger Virus den traditionellen Gang nachzuholen. In Theenhausen fährt der Verkehr wieder, der Brunnen Schanze wird ertüchtigt, die Bibliothek renoviert, an verschiedenen Stellen in der Stadt gab es Straßenarbeiten. Es stehen weiterhin beachtliche Projekte an, von der Kläranlage, bis zum Feuerwehrhaus, auch wenn man davon bisher nur auf dem Papier etwas sieht. Die gute Nachricht ist also: Genug „Futter“ für die nächsten Schnatgänge haben wir, da lassen wir uns nicht von Corona aufhalten.

 

Auch privat gab es für Sie im ablaufenden Jahr einige Meilensteine. Wenn Sie es Revue passieren lassen: Wie werden Sie 2020 in Erinnerung behalten?

Lemmen: Ich blicke dankbar und demütig auf 2020 zurück. Natürlich gab es auch für unsere Familie Schwierigkeiten und Anstrengungen. Aber wir haben in vielerlei Hinsicht Glück gehabt. Unser Sohn wurde im ersten Shutdown geboren, aber die Krankenhäuser waren nicht überlastet. Er ist noch so klein, dass wir ihn eng und nah betreuen und nicht von plötzlich womöglich geschlossenen Kitas betroffen waren.

Wenn ich so überlege... vor einem Jahr und zwei Monaten ahnte ich noch nicht einmal, dass ich die Möglichkeit bekommen würde, für das Bürgermeisteramt in Werther zu kandidieren. Verrückt, was seitdem passiert ist. Ich frage mich manchmal, wo die Zeit geblieben ist.

 

Was ist Ihr größter Wunsch für 2021?

Lemmen: Momentan können wir alle nur darauf bauen, dass sich die Menschen in Werther weiter in Sachen Corona so diszipliniert verhalten, wie die meisten das zum Glück bereits tun. 2021 wäre es schön, das soziale Leben wieder vorsichtig ans Laufen zu bekommen, ohne leichtfertig mit der Pandemie umzugehen. Die ökonomischen Folgen, die sie nach sich zieht, sind konkret zählbar. Ich hoffe und bete aber, dass die Menschen auch ohne gesundheitliche und psychische Spätfolgen aus dieser Krise heraus kommen.

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