Kranzniederlegung auf dem jüdischen Friedhof Werther ersetzt die sonst übliche offizielle Zeremonie
Stilles Gedenken in Corona-Zeiten

Werther -

Gemeinsam mit seinem Stellvertreter Udo Lange hat Werthers Bürgermeister Veith Lemmen einen Kranz am Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof niedergelegt, um an die Grausamkeiten der Nationalsozialisten während der Progromnacht am 9. November 1938 zu erinnern.

Dienstag, 10.11.2020, 12:56 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 12:58 Uhr
Bürgermeister Veith Lemmen (rechts) und sein Stellvertreter Udo Lange erinnern im Namen von Rat und Stadt Werther mit einem Kranz an das Leid, dem jüdische Menschen während der Nazidiktatur ausgesetzt waren. Foto: Johannes Gerhards

»Es ist unsere Pflicht, weiter zu erinnern. Gerade, wenn alles ins Rutschen gerät, ist das umso wichtiger«, sagt Veith Lemmen. Auch in Corona-Zeiten sei das Aufrechterhalten demokratischer Gepflogenheiten im öffentlichen Interesse. Insofern entspreche die aktuelle Verordnung der Landesregierung genau dem Vorgehen, für das sich Werther entschieden habe.

Das Datum 9. November markiert den Übergang von der Diskriminierung deutscher Juden seit 1933 zu ihrer systematischen Vertreibung, die dann in der Shoa oder dem Holocaust gipfelte.

Auch in Werther wurden seinerzeit fünf Bürger jüdischen Glaubens inhaftiert. Daran erinnert Sigrid Ellerbrake vom Arbeitskreis Spuren jüdischen Lebens. Dessen Mitglieder informieren zwischen 11 und 16 Uhr interessierte Menschen, die dem Friedhof am Sonntag einen Besuch abstatten wollen. Anders als in den Vorjahren, als sich seit 1983 jährlich weit über einhundert Bürgerinnen und Bürger zu einer feierlichen Zeremonie versammelten, findet das Gedenken diesmal eher im Stillen statt. Besucher können das Gelände mit den 23 Grabstätten einzeln oder in Zweiergruppen betreten.

Im Zentrum steht der 1951 errichtete Gedenkstein, der an die Mitglieder der jüdischen Gemeinden Halle und Werther erinnert, die zwischen 1933 und 1945 ihre Leben lassen mussten. »Die Namen auf dem Gedenkstein erinnern an all jene, die hier nicht liegen, weil sie mit großer Sicherheit ermordet wurden«, erläutert Sigrid Ellerbrake und ergänzt: »Der letzte hier bestattete Bürger war Feodor Sachs, wie sein Grabstein aus dem Jahre 1942 belegt«.

Das stille Gedenken in diesem Jahr hat nach ihren Angaben drei verschiedene Ansätze. Da ist zum einen die von der katholischen Gemeinde St. Michael organisierte Fahrt zur Gedenkstätte nach Bergen-Belsen im Sommer dieses Jahres. Hier verstarb auch die durch ihr Tagebuch nach dem Krieg weltbekannt gewordene Anne Frank im März 1943 an Typhus.

Weiterhin haben sich Schüler aus dem 10. Jahrgang der Peter-August-Böckstiegel-Kreisgesamtschule im Rahmen des internationalen »Butterfly Projects« beteiligt. Dieses Kunst- und Bildungsprojekt erinnert mit handbemalten Keramikschmetterlingen an die 1,5 Millionen Kinder, die im Holocaust getötet wurden. Die Klasse 10 Milan hat sich im Fach Religionslehre/Praktische Philosophie mit den Spuren jüdischen Lebens in Werther beschäftigt und herausgefunden, dass fünf Kinder und Jugendliche dem nationalsozialistischen Wahnsinn zum Opfer gefallen sind. Namentlich handelt es sich um Walter Weinberg (1924 - 1942), Herbert Weinberg (1927 – 1942), Rechel (Ruth) Sachs (1940 – 1943), Hannacha (Hannchen) Sachs (1940 – 1943) und die 1942 geborene Egele Sachs, die zum Zeitpunkt ihrer Ermordung gerade mal zehn Monate alt war. »Wir verbeugen uns vor ihrem Leid. Sie sind und bleiben unvergessen«, heißt es in der von den Schülern erstellten Informationsschrift.

Schließlich gilt das besondere Gedenken an diesem Tag den fünf am 10. November 1938 verhafteten Hugo Alexander, Julius Weinberg, Philipp Sachs, Max Sachs und Julius Sachs. Während Julius Weinberg und seine Frau Elsa kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges emigrieren konnte, fehlten Julius Sachs die dafür notwendigen finanziellen Mittel. Er starb nach zweijährigem Aufenthalt im Vernichtungslager Auschwitz auf einem der so genannten Todesmärsche gen Westen.

Derzeit leben laut Sigrid Ellerbrake keine Menschen jüdischen Glaubens in Werther. Als einziger Überlebender ist lediglich Artur Sachs nach dem Krieg in seine Heimatstadt zurück gekehrt und hat sich maßgeblich für den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in Bielefeld eingesetzt. Im Gegensatz zu der Generation, die noch mit überlebenden Zeitzeugen habe sprechen können, fehlt diese persönliche Gesprächsmöglichkeit den Kindern und Jugendlichen von heute. Von daher sei es besonders wichtig, anhand von Einzelschicksalen die Verbindung zu Familien herzustellen. Diese Form der Aufarbeitung und Erinnerung hat nicht nur für Sigrid Ellerbrake und den Arbeitskreis eine hohe Bedeutung, die auch in Corona-Zeiten nicht pausieren dürfe.

 

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