Thorsten Schmolke, Bürgermeisterkandidat der Grünen, will neue Ideen umsetzen
Flächenfraß blockiert die Zukunft

Werther  (WB). Stadtrat, Kreistag, Westfalen-Parlament. Planungsrecht, Kultur, Umweltschutz: Thorsten Schmolke (56) widmet sich seit vielen Jahren – ehrenamtlich – grüner Politik. Jetzt hat ihn seine Partei als Bürgermeisterkandidat für Werther nominiert. Mit ihm sprach Margit Brand.

Samstag, 08.08.2020, 05:05 Uhr aktualisiert: 08.08.2020, 05:10 Uhr
Thorsten Schmolke ist überzeugt, dass manch eine politische Entscheidung anders ausfallen würde, wenn der Mensch die Lebenserwartung uriger Bäume hätte. „Da würden wir die Folgen unseres Handelns vielleicht direkter spüren.“ Foto: Margit Brand

Sie sagen scherzhaft über sich selbst, Sie seien von Beruf „Ehrenamtler“. Warum wollen Sie jetzt hauptamtlich werden?

Thorsten Schmolke: Es gibt gute Chancen für einen grünen Bürgermeister in Werther. Viele kennen mich, der Amtsbonus fällt weg, schon bei der vorherigen Wahl hat unser grüner Kandidat gegen Marion Weike sehr achtbare 36 Prozent erzielt. Durch meine Arbeit im Stadtrat, Kreistag, aber auch auf Landschaftsverbandsebene weiß ich, wie Verwaltungen funktionieren. Vor ihrer Wahl hatten übrigens die wenigsten Bürgermeister eigene Verwaltungserfahrung. Ich will eine Stadt gestalten und nicht nur verwalten.

 

Werther gilt als „grünes Pflaster“. 2019 bei der Europawahl erzielten die Grünen mit knapp 30 Prozent den höchsten Stimmenanteil. Wird das ein leichtes Spiel für Sie?

Schmolke: Nein. Vor Corona hat das vielleicht noch ein bisschen anders ausgesehen, aber im Moment sind viele Menschen verunsichert. Wie geht es weiter? Der neue Bürgermeister wird mit viel Ruhe, transparent und nachvollziehbar handeln müssen.

 

Sie haben sich in der parteiinternen Kampfabstimmung klar gegen den Mitbewerber Andreas Steffens durchgesetzt. Dessen Unterstützer haben die Grünen verlassen und sind nun Mitbegründer einer neuen Wählergemeinschaft. Welche Auswirkungen sehen Sie?

Schmolke: Nur geringe. Wer grüne Politik will, sollte auch grün wählen. Ich stehe für einen sachlichen Politikstil – egal, ob als Bürgermeister oder als Ratskandidat, denn ich möchte für Werther etwas erreichen.

Nach Ihrer Nominierung haben Sie angekündigt, tatsächlich ein „grüner Bürgermeister“ sein zu wollen. Was bedeutet das konkret?

Schmolke: Insgesamt sind wir im Kreis Gütersloh in Sachen Klimaschutz schon ganz gut unterwegs. Aber wir dürfen nicht kleckern, sondern müssen klotzen und in diese Richtung viele neue Ideen entwickeln. Politiker neigen dazu, in Wahl- oder Legislaturperioden zu denken. Wenn wir die Lebenserwartung einer Buche oder Eiche hätten, sähe manches vielleicht anders aus. Da würden wir die Folgen unseres Handels vielleicht direkter spüren. Aber es wird immer darum gehen, einen Interessenausgleich zu finden, die Balance zu halten und ein gutes Team aufzubauen. Ich bin jedenfalls kein streitsüchtiger Mensch, auch wenn das gelegentlich mit (nicht nur) grüner Ratspolitik in Verbindung gebracht wird.

Sie sind Ausdauersportler, wissen aber auch als Kommunalpolitiker, dass manche Dinge einen langen Atem brauchen. Trotzdem: Welchen Knoten würden Sie in Werther gerne endlich mal durchschlagen?

Schmolke: Wenn es ein gesundes Grundvertrauen in die Arbeit von Verwaltung und der anderer Fraktionen gibt, lösen sich manche Fäden fast von allein. Ich bin ein Freund von Workshops, die über bestimmte Projekte grundlegend aufklären und damit eine Diskussionsbasis schaffen, die gut funktioniert. Ganz konkret fällt mir das Beispiel Radwege ein. Darum geht’s schon länger als ich überhaupt in der Politik bin.

Flächensparen und zugleich dringend nötigen Wohnraum und Gewerbeflächen schaffen – wie passt das zusammen?

Schmolke: Ein schwieriges, aber wichtiges Thema. Klar ist: Flächen stehen nicht unendlich zur Verfügung. Hinzu kommt, dass Werther nicht groß ist und zudem topografisch schwierig. Hier werden 64 Prozent landwirtschaftlich genutzt, landesweit sind es 48 Prozent. Für eine Kommune ist es auf den ersten Blick naheliegend und kostengünstig, Wohn- und Gewerbegebiete auf der grünen Wiese auszuweisen. Aber letztlich ist das Argument billig: Denn diese Flächen nehmen wir den Landwirten weg, die auch ihre Entfaltungsmöglichkeiten brauchen. Grüne und Bauern sind gar nicht soweit auseinander, wie es oft scheint. Natur- und Umweltschutz geht nicht ohne Landwirte. Kluge Lösungen sehe ich in der interkommunalen Zusammenarbeit und der Nutzung von Brach- bzw. Konversionsflächen.

Sie fordern eine Verkehrswende für Werther ein. Wie kann das gelingen?

Schmolke: Gerade von der FDP wird uns oft vorgeworfen, wir wollten den Autofahrern das Autofahren verbieten. Darum geht es aber nicht. Es muss eine Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer geben, da sind insbesondere Radfahrer, aber auch Fußgänger benachteiligt. Für die Einzelhändler in der Stadt muss das kein Nachteil sein. Ich kenne deren Sorgen, meine Eltern hatten selbst ein Geschäft in der Mischung „Strunk/Diekhaus“. Die Probleme der Inhaber liegen woanders, unter anderem in der Online-Konkurrenz. Jeder sollte also versuchen, möglichst viel vor Ort zu kaufen – und sich überlegen, was alles kaputt geht, wenn der Einzelhandel kaputt geht.

Wo sehen Sie die größte Gefahr, die in der Zukunft lauert und der ein Bürgermeister wirksam begegnen kann/muss?

Schmolke: Eine große Zukunftsaufgabe ist es, auf interkommunaler Ebene kluge Lösungen zu finden. Etwa beim erwähnten Flächenverbrauch – der Ravenna-Park, an dem Werther zu einem kleinen Teil beteiligt ist, ist da ein Beispiel. Der Radweg von Borgholzhausen nach Bielefeld ist ja leider vorerst gescheitert. Der wäre aber wichtiger Teil der Verkehrswende.

Welches Thema müsste dringend mal auf die Tagesordnung? Vielleicht sogar noch in diesem Jahr?

Schmolke: Es müssten mal alle Bebauungspläne gründlich durchgesehen werden. Da steckt noch viel Überkommenes drin. Das lässt sich sicherlich nicht kurzfristig umsetzen, hat aber Potenzial. Wenn hier und da zweieinhalb Staffelgeschosse möglich wären, würde das manches Wohnungsproblem lösen. Wichtig ist auch, ein Konzept vorzulegen, wie die Trinkwasserqualität langfristig verbessert werden kann.

Sie sind sehr musikalisch, leiten selbst Chöre. Kultur ist aber nach wie vor sehr in einer Corona-Quarantäne gefangen. Ist das schade oder schlimm?

Schmolke: Es ist katastrophal! Ich kenne viele Musiker, denen die Auftrittsmöglichkeiten fehlen. Auch die bildenden Künstler können die Einnahmeverluste des Lockdowns nicht aufholen. Kultur zählt nicht ohne Grund zu den wichtigen „weichen Faktoren” der Infrastruktur. Da darf es in Werther in Zukunft gerne mehr geben.

Sie geben ja auch Instrumentalunterricht. Wem möchten Sie abseits dessen gerne die Flötentöne beibringen?

Schmolke: Nun ja, ich bin kein streitsüchtiger Mensch. Um im Bild zu bleiben: Ich sehe mich eher als Dirigent. Der sagt dem Kapellmeister ja auch nicht, wie er seinen Job zu machen hat, sondern sorgt dafür, dass das Gesamtergebnis stimmt.

Sie sind 1997 aus Schwaben hergezogen. Sind Sie inzwischen „Wertheraner“?

Schmolke: (schmunzelt) Ja, seitdem wir ein eigenes Haus haben. Aber im Ernst: Ich kenne so viele Leute und fast jeden Winkel in der Stadt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ich so viele Dinge politisch begleitet habe. Auch wenn ich nicht für alles meine Zustimmung gegeben habe.

Sie haben schon viele Wahlkämpfe bestritten – für den Stadtrat genauso wie für den Landtag. Was macht den jetzigen so anders?

Schmolke: Es ist sehr schade, dass es keine Podiumsdiskussion geben wird. Es fehlt die Möglichkeit, die vier Bewerber im direkten Vergleich erleben zu können. Plakative Aussagen in Wahlprogrammen ersetzen das nicht. Bürgernähe auf Abstand herzustellen, ist die große Herausforderung. Ich bin froh, viele Multiplikatoren zu haben. Die gute Empfehlung eines Freundes ist viel Wert – so suche ich mir schließlich selbst auch den Arzt oder den Handwerker aus.

Wer der fünf Bürgermeister-Kandidaten steht am Ende womöglich in einer Stichwahl?

Schmolke: Das ist im Moment Kafffeesatzleserei. Ich hoffe, von der Glaubwürdigkeit der Grünen profitieren zu können. Fest steht: Ich bin in Werther, bleibe in Werther und mache hier auch nach der Wahl in jedem Fall Politik.

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