Werthers UWG-Bürgermeisterkandidat Johannes Decius will neuen Blick von außen
In der Heimatstadt etwas bewegen

Werther (WB). Damit hatte kaum einer gerechnet: Nachdem zunächst drei Anwärter für das Bürgermeisteramt feststanden, hat auch die Unabhängige Wählergemeinschaft noch einen Kandidaten nominiert. Johannes Decius, Lehrer und bislang nicht in der Politik aktiv, will sich als bekennender Wertheraner für seine Heimatstadt gerne in die Pflicht nehmen lassen, wie er im Gespräch mit Margit Brand erklärt.

Samstag, 01.08.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 01.08.2020, 05:02 Uhr
Ein Eis geht immer: In Werthers guter Stube fühlt sich Johannes Decius wohl. Er hat sich entschlossen, als Bürgermeisterkandidat für die UWG anzutreten, weil er eine unabhängige Person an der Spitze von Rat und Verwaltung für sehr wichtig hält. Foto: Margit Brand

 

Sie sind neu auf der kommunalpolitischen Bühne. Haben Sie Lampenfieber?

Johannes Decius: Nein. Inhaltlich bin ich sehr gut von der UWG gebrieft worden und habe aktuelle Dinge in den jüngsten Rats- und Ausschusssitzungen selbst verfolgt. Man sagt mir nach, dass ich eine schnelle Auffassungsgabe habe, da sehe ich mein Talent. „Die Kunst des Könnens kommt von Wollen“: Was ich meinen Schülern oft sage, passt auch hier. Ich sehe da keine Probleme. Ich bin auf jeden Fall frei von Vorgeschichten. Und Routine kann am Ende auch zu Belanglosigkeit führen.

 

Waren Sie überrascht von der Anfrage der UWG?

Decius: Das kam ja so: UWG-Vorsitzender Olaf Wöhrmann wohnt bei uns gegenüber. Bei ihm fragte ich nach, wen ich denn als Bürgermeister wählen solle. Guten Gewissens sah ich mich bei keinem der drei ein Kreuzchen machen. „Dann musst du’s selbst machen! Wir suchen noch jemanden“, bekam ich zur Antwort. Nach intensiver Recherche zu den Aufgaben eines Bürgermeisters habe ich mich entschlossen, mich als Kandidat bei der UWG vorzustellen.

 

Was war für Sie ausschlaggebend?

Decius: Ich sehe die Chance, die Stadt nach vorne zu bringen, in der ich aufgewachsen bin, lebe und alt werden möchte. Ich möchte Dinge gestalten. Mich reizt dabei die Vielfältigkeit der Aufgaben. Dieser Facettenreichtum, das ist mehr als Biologie und Sport.

ZOB sehr überdimensioniert

Aus Ihrer Warte als bis dato beobachtender Bürger: Worüber haben Sie sich zuletzt am meisten geärgert?

Decius: Schade ist, dass bestimmte Gruppen nicht genügend gehört werden. Beispiel Windrad Häger. Die Klage, die von vorn herein wenig aussichtsreich war, hätte vielleicht vermieden werden können, wenn man gemeinsam mit Betreibern und Anwohnern nach einem Kompromiss gesucht hätte. Die Anlage weniger hoch und weniger wirtschaftlich, aber immer noch profitabel. Und dass für das Prestige-Projekt ZOB soviel Steuergeld ausgegeben wurde, nur weil es hohe Fördergelder gab, verstehe ich auch nicht. Eine Nummer kleiner und weniger Zuschüsse – und die Stadt hätte genauso viel gezahlt. So ist das Ganze doch sehr überdimensioniert. Möglichkeit für sechs Gelenkbusse gleichzeitig – das braucht’s ja nicht einmal am Jahnplatz.

 

Gab es auch Dinge, die im Moment nicht auf der politischen Tagesordnung stehen?

Decius: Da ist die Situation im Stadtpark. Viele trauen sich da nachts nicht mehr her. Immer mal wieder gibt es Randale und Ruhestörungen. Wir haben inzwischen einen Streetworker, aber der ist ja auch nicht nachts unterwegs. An diesem Punkt muss weiter gemacht werden. Ich verstehe deshalb nicht, warum es mit dem Grillplatz am Teutoburger-Wald-Weg, der den jungen Leuten zugesagt war, nicht weitergeht. Das Schotterbett ist doch schon ausgehoben! Corona ist da ein vorgeschobenes Argument. Wenn die sich nicht dort treffen, dann eben woanders.

 

Es muss wieder Frieden in den Stadtrat

Und einen Schritt weiter gedacht: An welchen Stellen muss der neue Bürgermeister dringend aktiv werden?

Decius: Beim Thema Wasser. Es kann nicht sein, dass man Angst haben muss, dass weiße Wäsche dreckiger aus der Maschine kommt, als sie reingesteckt wurde. Es geht dabei nicht nur um das Leitungssystem, sondern um die ganze Versorgungsanlage. Da muss man überlegen, ob es klug ist, jetzt in eine Erneuerung zu investieren und lange Ruhe zu haben, anstatt die nächsten Jahre ständig zu reparieren. Das kommt am Ende genauso teuer. Und es muss wieder Frieden in den Stadtrat. Die Fraktionen müssen mehr miteinander statt gegeneinander arbeiten. Ein unabhängiger Bürgermeister ist an dieser Stelle in meinen Augen sehr wichtig.

 

Und wenn der mal Kontra bekommt von der UWG?

Decius: Dann ist das so. Das ist ja die Idee der Wählergemeinschaft: Sie will es einzelnen leichter machen, politisch aktiv zu werden – deshalb treten die Mitglieder zusammen an. Aber Fraktionszwang gibt es nicht. Entsprechend wird auch ein unabhängiger Bürgermeister immer wieder Mehrheiten organisieren müssen.

 

Eltern sollen sicher mit Kita-Platz rechnen

Gibt es abseits des Blotenbergs noch andere Lösungen für mehr Wohnungen? Was ist mit Süthfeld II?

Decius: Das muss dringend angefasst werden. Ich mache mich dafür stark, dass Familien sicher mit einem Kita-Platz rechnen können. Aber genauso hoffe ich, dass Familien sich hier überhaupt ansiedeln können. Das kleine Süthfeld II bietet da Möglichkeiten. Planerisch müssen entsprechende Voraussetzungen geschaffen und parallel zum Blotenberg voran getrieben werden. Es stimmt schon: Das Süthfeld II liegt 500 bis 800 Meter zu weit von der neuen „Mobilitätsstation“ entfernt. Aber da werden sich Lösungen finden.

 

Bleiben Familien zu oft unter dem politischen Radar?

Decius: Ja, wenn auch vielleicht nicht mutwillig. Der Altersdurchschnitt im Rat ist im Moment relativ hoch. Da gerät manches eher aus dem Blick.

Der Corona-Lockdown hat selbst Otto-Normalverbraucher vor Augen geführt, wie wichtig eine stabile Internetleitung ist. Wie kann Werther die digitale Infrastruktur ausbauen?

Decius: Es gilt da, besonders die Bedürfnisse der Bürger und Unternehmen in den Blick zu nehmen. Die Glasfaserleitung alleine genügt ja nicht, auch der Anschluss muss gewährleistet sein. Wenn die Versorger nicht bauen wollen, weil es ihnen zu unrentabel ist, muss man sehen, wie man als Stadt einen finanziellen Kompromiss finden kann. Für die ganz weißen Flecken auf der Landkarte gibt es Fördergelder.

 

Als junger Vater mussten Sie mit Ihrer Frau die Corona-Schließungen der Kitas meistern, als Lehrer waren sie plötzlich mit Homeschooling konfrontiert. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Decius: Wir konnten zum Glück die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Da meine Frau arbeitet, wäre es sonst sicher schwierig gewesen, mit zwei kleinen Kindern, die um den Schreibtisch turnen, 60 Klausuren zu korrigieren. Betreuung hat – sei es in der Kita oder auch in der Schule – eine neue Wertschätzung erfahren. Ebenso Rücksicht etwa durch das Masketragen. Was mich sorgt: Auch wenn die Situation im Moment entspannt ist, ist die Corona-Zeit noch lange nicht vorbei. Ich sehe hier auch die Kommunalpolitik in der Verantwortung, zu vermitteln, dass es ohne Einschränkungen in nächster Zeit nicht gehen wird.

 

Wie reagieren Sie als Lehrer, wenn sich in einer Klasse zwei Cliquen bilden, die sich gegenseitig niedermachen und damit das Fortkommen des Unterrichts blockieren?

Decius: Wir setzen uns an einen Tisch, und ich frage: Wo liegt euer Grundproblem? Wie können wir es aus der Welt schaffen oder zumindest so verändern, dass alle damit leben können? Funktioniert meist gut.

 

Hat sich an Ihrer Schule herumgesprochen, dass Sie kandidieren? Wie reagieren Schüler und Kollegen?

Decius: Von Schülern habe ich viele positive Kommentare bekommen, das hat mich sehr gefreut. Ein Kollege fragte, warum ich denn in die Politik gehen wolle. Aber ich will ja gar nicht in „die Politik“. Kommunalpolitik hat da ihren besonderen Charme. Hier wird entschieden, was die Menschen vor ihrer Haustür betrifft. Das passt zu mir als Pragmatiker.

 

Bei vier Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters ist eine Stichwahl entscheidend. Wen sehen Sie am Ende vorn?

Decius: Ich sehe mich auf jeden Fall dabei.

 

Ein spontaner Satz über...

Veith Lemmen (SPD) : „Ein sympathischer Typ, der gut auf Leute zugehen kann, weil er schon sein Leben lang Wahlkampf macht und Mehrheiten organisiert.“

Ralf Eckelmann (CDU) : „Ihn habe ich während der Ausschusssitzungen als ruhigen Typen wahrgenommen.“

Thorsten Schmolke (Grüne) : „Vielleicht steht ihm als ‚Berufsehrenamtler‘, wie er sich nennt, Vereinsarbeit doch besser zu Gesicht.“

 

Zur Person

Johannes Decius (37) ist gebürtiger Wertheraner. Nach dem Abi am Evangelischen Gymnasium und dem Wehrdienst absolvierte er ein Lehramtsstudium an der Universität in Bielefeld, wo er während dieser Zeit auch wohnte. Seit 2012 unterrichtet er Biologie und Sport an der Marienschule in Bielefeld. Lebensmittelpunkt ist seit 2017 wieder Werther. Hier lebt er mit seiner Frau und den zwei Kindern in dem Haus, das er im Jahr zuvor gekauft und renoviert hat.

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