Heute beginnt die Böckstiegel-Ausstellung „Dunkle Jahre, voller Farben“ in Werther
Spielräume selbst im Relief ausgelotet

Werther (WB). In die Erleichterung über das Ende des Lockdowns im Kreis Gütersloh mischen sich Lampenfieber und Vorfreude beim Team des Böckstiegel-Museums. Nach rund zweijähriger Vorbereitungszeit präsentiert das „kleine Museum am Waldesrand“ rund 70 während der Nazidiktatur entstandene Werke Peter August Böckstiegels. Darunter sind viele erstmals öffentlich ausgestellte Exemplare, einige galten bisher als verschollen.

Freitag, 10.07.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 10.07.2020, 07:48 Uhr
Landschaften und Stillleben im Böckstiegel-Werk: „Im Viertel“ lautet der Titel dieses Ölbildes von 1935, auf dem unverkennbar Wertheraner Impressionen dargestellt sind. Foto: Johannes Gerhards

„Ich freue mich, dass wir die Museumstüren wieder öffnen können“, sagt Vera Keßeler, die am 18. Mai die Geschäftsleitung der Böckstiegel-Stiftung übernommen hat. „Eine derartige Herausforderung kann nur bewerkstelligen, wer gute Unterstützer hat“, betont Museumsleiter David Riedel. Er bedankt sich stellvertretend bei Versmolds Bürgermeister Michael Meyer-Hermann, dem Vorsitzenden der Lokalen Aktionsgruppe „LAG-GT8“, die für das ambitionierte Vorhaben rund 25.000 Euro bereit gestellt hat. „Das Böckstiegel-Museum strahlt als Leuchtturm weit über die Grenzen der Region hinaus“, lobt Michael Meyer-Hermann.

Maximal 50 Besucher im Einbahnstraßenmodus

Ab Freitag, 10. Juli, gelten zunächst reduzierte Öffnungszeiten (freitags bis sonntags zwischen 12 und 18 Uhr). Dazu kommen Hygienemaßnahmen und eine Begrenzung auf maximal 50 Besucher, die sich gleichzeitig im Einbahnstraßenmodus durch die Ausstellungsräume bewegen dürfen. Auf die laut Riedel „eigentlich erforderliche“ Führung muss das Museum derzeit aber noch verzichten. Stattdessen führt im Untergeschoss ein etwa 30-minütiger Film in die Thematik ein. Statt Wandtexten finden Ausstellungsbesucher erläuternde Texte in einem Begleitheftchen, ein umfangreicher und höchst informativer Katalog ergänzt die sehenswerte Schau.

Bereits nach dem Tod seiner Eltern spielt die Darstellung von Menschen eine untergeordnete Rolle in Böckstiegels Werk. Stattdessen bevorzugt er in seiner Malerei Landschaften und Stillleben und beschäftigt sich verstärkt mit Skulpturen und Plastiken. Trotz Einstufung seiner Kunst als „entartet“ kann er auch während der „dunklen Jahre“ 1933 bis 1945 weiter arbeiten und ausstellen. Laut David Riedel muss der 1914 in die SPD eingetretene „westfälische Expressionist“ aber immer wieder seine Handlungsspielräume ausloten.

Sein Schaffen beschrieb der Künstler selbst mit den Attributen „deutsch, „derb“, „stark“ und „innig“. Der Verwendung von Nazisymbolen und dem Erstellen lukrativer Porträts von hohen Parteifunktionären habe er sich aber stets widersetzt, so Riedel. Auch wenn 92 seiner Werke nach 1937 als „entartet“ aus Museumsbesitz entfernt wurden, durfte er andererseits Auftragsarbeiten etwa für die Luftwaffe ausführen. Experimentierfreudig widmet er sich damals innovativen Techniken. Er gestaltet Grabmäler und Glasfenster, beschäftigt sich mit Deckenmalerei und Holzschnitzen.

Steinborn-Relief erstmals zu sehen

1937 ist auch das Steinborn-Relief entstanden, das ursprünglich einen Kaminsims verzieren sollte und nun zum ersten Mal überhaupt öffentlich zu sehen ist. David Riedel hofft, die Leihgabe aus Süddeutschland erwerben zu können, denn „es ist hier entstanden und gehört hier hin“. Vier verschollen geglaubte Exemplare aus der Sammlung des Musikwissenschaftlers Dr. Hans Erdmann (1911 bis 1986), die seinerzeit als „entartet“ verunglimpft wurden, konnten wohl nur gerettet werden, weil die mit dem Verkauf beauftragten Kunsthändler sie unter der Hand weitergaben.

Unter dem Motto „Wir wollen mit diesem Mist noch Geld machen“ hatte Josef Goebbels den Tausch von Kunst gegen Devisen eingefordert. Auch Eduard Schoneweg, damals Leiter des städtischen Museums Bielefeld, spielte eine unrühmliche Rolle. Mit dem Kommentar „So irrsinnig sah ein deutscher Künstler den deutschen Frontsoldaten“ denunzierte er Böckstiegel und sein Werk.

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