Böckstiegel-Museum in Werther zeigt verschollene Werke
Dunkle Jahre voller Farben

Werther (WB). Die Ausstellung „Dunkle Jahre voller Farbe” öffnet am Freitag (10. Juli) im Böckstiegel-Museum in Werther. „Natürlich haben wir auch Lampenfieber“, sagt Museumsleiter David Riedel , schließlich steckten etwa zwei Jahre Vorbereitungszeit in der Ausstellung über das „relativ sperrige Thema“.

Donnerstag, 09.07.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 09.07.2020, 05:01 Uhr
Während einer Schiffsreise nach Norwegen auf der „Wilhelm Gustloff” verewigte Böckstiegel nordische Impressionen. Foto: Johannes Gerhards

Viele der Werke, die Peter August Böckstiegel in den Jahren 1933 bis 1945 geschaffen hat, werden erstmals oder nach langer Zeit wieder zu sehen sein. Einige galten sogar als verschollen. Dazu gehören auch drei Radierungen und ein Aquarell aus der Sammlung des Musikwissenschaftlers Dr. Hans Erdmann (1911–1986). Der derzeitige Besitzer möchte als Leihgeber einen Beitrag zur Wiedergutmachung des Schadens leisten, der durch den Bildersturm der Nationalsozialisten im Sommer 1937 entstanden ist.

In Vorbereitung der Ausstellung „Entartete Kunst” in München wurden damals rund 20.000 Werke aus Museumsbesitz beschlagnahmt, darunter auch 92 Gemälde, Aquarelle und Grafiken von Peter August Böckstiegel (1889-1951). Die jetzt wieder aufgetauchten Werke haben die Titel „Bauer aus Arrode (Thorlümke)” von 1924, „Dorfstraße“ (1916), „Bauernhof in Werther” (1921) und „Meine liebe Mutter” von 1929.

„Die Wiederentdeckung dieser vier endgültig verloren geglaubter Werke macht Hoffnung, dass weitere Bilder Böckstiegels die Raubzüge der Nationalsozialisten überstanden haben”, sagt Museumsleiter Riedel. Wie viele Künstler fühlte sich auch der Wertheraner Expressionist, der zeitweise in Dresden lebte, in seinen Möglichkeiten eingeengt und in seiner Form beschränkt. Im Spannungsfeld zwischen „strammer Nazikunst“ und den Werken klar oppositionell eingestellter Kollegen musste Böckstiegel den eigenen Handlungsspielraum ausloten, um sich selbst treu zu bleiben, ohne sich bei den Nazis anzubiedern.

So musste er etwa der Reichskulturkammer beitreten, um überhaupt arbeiten zu können. „Er hat aber nie den deutschen Bauern verherrlicht”, betont David Riedel und ergänzt: „So dunkel die Jahre waren, sie waren für Böckstiegel im Gegensatz zu den zahlreichen jüdischen Künstlern immerhin erträglich”. Er habe nie Hakenkreuze, Reichsadler oder andere Nazisymbole abgebildet oder versucht, sich mit Porträts von Gauleitern anzubiedern.

Neben Landschaften und Stillleben beschäftigt er sich verstärkt mit Skulpturen, die auch im öffentlichen Raum aufgestellt werden. Kurios ist in diesem Zusammenhang der Umgang mit der Plastik „Bauernjunge mit Apfel“, einer Darstellung von Böckstiegels Neffen Bernhard. In dem mit schwarzer Schuhcreme eingefärbten Werk – so sollte eine Ausführung in Bronze imitiert werden – erkannten übereifrige Parteianhänger der Nationalsozialisten einen umgehend zu entfernenden „Negerjungen”.

Aquarell „Weidenallee” ist Leihgabe einer in London lebenden Familie

Besonders freut sich Museumsleiter Riedel über das 1936 entstandene Aquarell „Weidenallee”, einer Leihgabe der in London lebenden Familie Weinberg mit Wertheraner Wurzeln. Zu einem späteren Zeitpunkt wird die in Kanada lebende Mia Weinberg mit ihrer multimedialen Installation „Fractured Legacy” erstmals zeitgenössische Kunst im Böckstiegel-Museum präsentieren.

Ein weiteres Kernstück der rund 70 Exponate umfassenden Ausstellung ist das 1937 entstandene „Steinborn Relief“. David Riedel hofft, die Leihgabe aus Süddeutschland erwerben zu können, denn „es ist hier entstanden und gehört hier hin”.

Eine offizielle Eröffnung der Ausstellung wird coronabedingt ebenso wenig stattfinden können wie »eigentlich notwendige« Führungen. Als Einführung wird stattdessen ein 30-minütiger Film gezeigt.

Zudem sind die Öffnungszeiten des Böckstiegel-Museums vorerst auf freitags bis sonntags zwischen 12 und 18 Uhr beschränkt. Mehr als 50 Besucher können nicht zeitgleich eingelassen werden, dafür wird das Café Vincent ebenfalls wieder in Betrieb genommen. Die Ausstellung „Dunkle Jahre voller Farben“ ist bis zum 7. Februar 2021 zu sehen.

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