Peter-August-Böckstiegel-Museum in Werther will am 10. Juli wieder öffnen
„Die Bürger lechzen nach Kultur“

Werther (WB). »Wir waren einige Wochen lang ruhig und leise, aber es gibt uns noch«, sagt Museumsleiter David Riedel. Jetzt sei es an der Zeit, ein kleines Signal zu geben. Elke Hardieck, Vorstandsvorsitzende der Böckstiegelstiftung, ergänzt: »Ich freue mich, dass es wieder losgeht, die Bürger lechzen förmlich nach Kultur«.

Samstag, 04.07.2020, 08:00 Uhr

Dennoch bestimmt Corona auch weiterhin das gesellschaftliche Leben. Schon die Frage, ob zwei Personen mit aufs Foto dürfen, weil der Fotograf als möglicherweise verbotener Dritte die erlaubte Zweiergruppe sprengt, sorgt für Verunsicherung. Im Museum selbst bereitet man sich auf alle Eventualitäten inklusive Hygienevorsorgemaßnahmen vor. Bisher scheint festzustehen, dass die neue Ausstellung »Dunkle Zeiten, voller Farben« mit etwa 70 während der Nazi-Diktatur entstandenen Werken Peter August Böckstiegels nicht in gewohnter Art und Weise mit einer Vernissage eröffnet werden kann.

Verhaltensregeln noch offen

Der genaue Umgang mit den dann geltenden Verhaltensregeln ist noch nicht absehbar. Die Vorbereitungen laufen gleichwohl auf Hochtouren. Besonders freut sich David Riedel über das 1936 entstandene Aquarell »Weidenallee«, einer Leihgabe der in London lebenden Familie Weinberg. Es zeigt den Weg zu Haus Werther und ist einen Tag vor dem Brexit eingetroffen.

Die Weinbergs lebten seit 1705 in Werther und gehörten als Zigarrenfabrikanten in den 1920er Jahren zu den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt. Die vier Kinder entkamen den Nazis, nachdem die Tabakmanufaktur weit unter Wert »arisiert« wurde, und bauten sich in London eine neue Existenz auf. Vor allem Kurt-Wilhelm Weinberg kannte Böckstiegel und hat einige seiner Werke erworben.

»Für das Museum und für mich ist es sehr wichtig, diesen Kontakt zu pflegen«, sagt David Riedel. Ein Museum sei auch ein politischer Ort, in dem Geschichte präsent ist. Hier biete sich die Gelegenheit, den Menschen mit besonderem Respekt zu begegnen. Auch vom Wirken des Arbeitskreises »Spuren jüdischen Lebens in Werther« profitiere das Böckstiegel-Museum enorm.

Erstmals soll auch zeitgenössische Kunst gezeigt werden

Parallel zur Ausstellung sollte erstmals auch zeitgenössische Kunst gezeigt werden. Die multimediale Installation »Fractured Legacy« ist bereits eingetroffen, die Künstlerin Mia Weinberg sitzt aber derzeit in ihrem kanadischen Wohnort Vancouver fest. Sobald sie ausreisen darf, soll die zwischen 1993 und 1997 entstandene Installation im »Studio« im Untergeschoss des PAB-Museums in ihrem Beisein eröffnet werden. Mia Weinberg ist die Tochter von Kurt-Wilhelm Weinberg. Sie verdeutlicht in dem Werk das Schicksal ihrer Familie während der Nazi-Diktatur und zeigt auf, dass dieses »zerbrochene Vermächtnis« auch heute noch von großer Aktualität ist.

Mia Weinberg ist Böckstiegel persönlich nie begegnet, hat aber dessen Tochter Sonja kennengelernt. Hier schließt sich ein Kreis aus Wertheraner und Böckstiegels Geschichte. Nach Angaben von Ulrich Dausendschön-Gay lagen zwischen 1933 und 1945 auch für Böckstiegel dunkle Jahre, wenngleich sein Schicksal natürlich nicht mit dem der jüdischen Bevölkerung verglichen werden könne.

Die Realisierung der Ausstellung über einen vergleichsweise langen Zeitraum bis zum 7. Februar 2021 ist durch großzügige Förderung des Umweltministeriums NRW, mit Mitteln aus dem Landesprogramm »VITAL.NRW« und der Unterstützung durch die Lokale Aktionsgruppe »LAG-GT8« ermöglicht worden. Bleibt zu hoffen, dass 2020 nicht als Beginn von durch Corona verursachter neuer »dunkler Jahre« in die Geschichte eingeht.

Als „entartet“ beschlagnahmte Werke wiederentdeckt

Im Rahmen der neuen Ausstellung werden vier verschollen geglaubte Werke des Künstlers, die 1937 als »entartet« in deutschen Museumssammlungen beschlagnahmt wurden, erstmals seit über 80 Jahren wieder öffentlich zu sehen sein. Die drei Radierungen und ein Aquarell gehörten dem Musikwissenschaftler Dr. Hans Erdmann (1911–1986). Der derzeitige Besitzer möchte als Leihgeber einen Beitrag zur Wiedergutmachung des Schadens leisten, der durch den Bildersturm der Nationalsozialisten im Sommer 1937 entstanden ist.

In Vorbereitung der Ausstellung »Entartete Kunst« in München wurden rund 20.000 Werke in aus Museumsbesitz beschlagnahmt, darunter auch 92 Gemälde, Aquarelle und Grafiken von Peter August Böckstiegel. Die jetzt wieder entdeckten Werke haben die Titel »Bauer aus Arrode (Thorlümke)« von 1924, »Dorfstraße« (1916), »Bauernhof in Werther« (1921) und »Meine liebe Mutter« von 1929. »Die Wiederentdeckung dieser vier endgültig verloren geglaubter Werke macht Hoffnung, dass weitere Bilder Böckstiegels die Raubzüge der Nationalsozialisten überstanden haben«, sagt Museumsleiter David Riedel.

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