Ein Familienbericht über Kinderbetreuung, Home Office und das Leben auf Distanz
Unsere Corona-Woche

Werther (WB). Die zweite Woche ist geschafft! Ist das die wichtigste Erkenntnis in der Corona-Krise? Ja, ist es. Zumindest, was meine Familie angeht. Alles ist anders. Wir Eltern arbeiten im Home Office, die Kinder müssen trotzdem betreut und beschäftigt werden – und sich obendrein umsorgt und geliebt fühlen. Das ist oft schwierig genug. Aber es gibt auch schöne Momente.

Samstag, 28.03.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 28.03.2020, 05:02 Uhr

 

Wer wir sind

Wir sind Familie Rose: Daniela (41, Schulsozialpädagogin), Dominik (43, Redakteur), Noah (7, Grundschüler 2. Klasse) und Elisa (2, Kindergartenkind) aus Werther (Kreis Gütersloh).

 

Tag 1

Freitag, 20. März: 6 Uhr, die Kinder sind wach – wie immer um diese Zeit. „Was machen wir heute?“ Erstmal im Leben ankommen, bitte...

Frühstück machen, die Kinder helfen, der Große übt selbstständig für die Musikschule. Wie wir das geschafft haben? Wir haben zu Beginn der Corona-Krise einen individuellen Heimplan mit Punktesystem zur Belohnung geschaffen. Auf dem ausgedruckten Wochenzettel stehen natürlich Hausaufgaben, die wir per Schul-App erhalten haben, aber auch andere Dinge wie Meerschweinchen versorgen, mindestens drei Mal Mama helfen, 15 Minuten Vorlesen.

Unser Sohn findet das gut. Es ersetzt nicht den Unterricht, schafft aber einen gewissen Druck und ist Ansporn zugleich; denn am Ende der Woche kann er die von ihm so geliebten Pokémon-Sammelkarten bekommen. Damit haben wir uns schon frühzeitig bevorratet. Wer weiß, wie lange wir das System noch brauchen?

Neben den Gitarren- und Flötenklängen kommt Gebrabbel aus dem Wohnzimmer. „Mama, kommen, Turm.“ Nichts ist’s mit Haushalt machen. Wir staunen, nein, wir bauen Bauklötze. Ich schnappe mir meine Kaffeekanne für die Arbeit, knuddel die Familie und fahre nach Bad Oeynhausen. Dort erfahre ich, dass ich abends meinen Computer fürs Home Office aus Bielefeld abholen kann.

Während des Tages erreichen mich Bilder von daheim per Whatsapp. „Wir haben gemalt und werfen die Bilder auf dem Spaziergang bei deinen Eltern in den Briefkasten.“ „Noah hat die Mathe-App ausprobiert. Macht ihm Spaß.“ „Die Kinder spielen draußen, und ich kann mal eben in Ruhe etwas essen.“

Leider habe ich den Einkaufszettel zu Hause vergessen. Wird mir als Foto nachgesendet. Mit einem weiteren Bild, auf dem steht, was ich bitte für die Oma einkaufen soll.

Abends ist es leer im Supermarkt. Abstandslinien sind geklebt, die Menschen halten Abstand. Ich kaufe in Ruhe ein und stelle die Waren neben den abgeholten Computer in den Kofferraum. Natürlich gab es kein Klopapier. Noch haben wir ja welches. Dann geht’s zur Schwiegermutter. Eine Umarmung gibt es nicht, ich versuche Abstand zu halten. Die Oma hat Tränen in den Augen. „Es ist so schön, dass ihr euch um mich kümmert.“ Sie hat kein Handy, kein Whatsapp. Das möchten wir gern ändern.

 

Tag 2

Samstag, 21. März: Heute hat Papa frei. Das wissen die Kinder. Samstags ist Papaparty. Mama darf und muss schlafen. Die hat in der Nacht Windeln gewechselt und Albträume weggeschoben. Die letzten Nächte waren durchweg heftig. Irgendwie verarbeiten die Kinder offenbar die ungewohnte Situation, sind unruhig, weinen mitunter oder kommen aus dem Kinderschlafzimmer zu uns ins Bett herüber.

Nach dem Frühstück rufen die Großeltern an. Sie haben die Bilder im Briefkasten gefunden und sind zutiefst bewegt. Als meine Frau wach ist, fahre ich doch noch einmal zum Supermarkt. Wir brauchen noch Grillfleisch. Die Kinder bleiben, anders als sonst an Samstagen, daheim. Deshalb kullern bei Elisa dicke Tränen.

Wenigstens das Wetter hat in der Corona-Krise bislang ein Einsehen mit uns allen. Der Garten ist der neue Dauerspielplatz. Grillen, Trampolin, Sandkasten. Zwischendurch nehmen wir eine Videobotschaft der Kinder auf und schicken diese an die Whatsapp-Familiengruppe. Die Reaktion: „Schön, dass ihr uns teilhaben lasst in diesen Zeiten!“ Sozialkontakte funktionieren jetzt anders. Das Leben auf Distanz schafft doch auch Nähe. Nur anders als gewohnt.

 

Tag 3

Sonntag, 22. März: Leider hat es mit dem Log-in fürs Home Office Schwierigkeiten gegeben. Deshalb muss ich noch einmal in der Redaktion arbeiten.

Im Laufe des Tages erhalte ich Nachrichten aus der häuslichen Heimat: Gemeinsam hat sich das Trio entschlossen, Fuß- und Fingernägel zu lackieren. Grelle Farben, gute Laune. Anschließend, dick eingepackt, Gartenparty auf und in den Spielgeräten. Dann ein langer Spaziergang durch die Felder. Eine alte Dame sagt zu meiner Frau: „Das ist aber nett, dass Sie mir ausweichen. Sie müssen ja Ihre Kinder schützen!“

Als ich nach Hause komme, hüpfen Elisa und Noah wie Jojos an mir auf und ab. Ist das schön!

Das technische Problem löse ich per Telefongespräch, die Heimarbeit kann am Montag beginnen.

 

Tag 4

Montag, 23. März: Nach einer ersten Spiel- und Toberunde durch das ganze Hause starte ich ins Home Office. Die Kinder finden das äußerst spannend. „Lasst jetzt mal den Papa in Ruhe“, sagt meine Frau.

Um kurz nach 11 Uhr klopft jemand vorsichtig an der Tür. Noah. „Papa, darf ich bei dir bleiben, wenn ich leise bin?” Klar. Ich muss kurz darauf lange telefonieren. Ein Gespräch mit einer Coronavirus-Infizierten. Unser Sohn ist superstill und spielt. Nach dem Gespräch erkläre ich ihm die Lage. Er hört aufmerksam zu. Dann verabschiedet er sich nach unten ins Erdgeschoss. War wohl doch zu spannend. Die Kinder einbeziehen, informieren, teilhaben lassen. Das ist auch hinsichtlich der Corona-Krise unsere Vorgehensweise. Ob das ankommt, ob das funktioniert? Wir wissen es nicht.

Am Abend gehe ich noch einmal in den Garten. Der Nachbar sagt über den Zaun hinweg: „Keine Kondensstreifen zu sehen, ein klarer Sternenhimmel, ist das nicht schön?” Ja, das ist es. Schlechte Zeiten für die Menschheit, gute Zeiten für die Natur.

 

Tag 5

Dienstag, 24. März: Der Siebenjährige hat schlechte Laune. Das begleitet uns den ganzen Tag über. Es wird gemeckert, gehadert, geweint. Das wirkt sich auf die ganze Familie aus. Wir Eltern dringen bei der Ursachensuche leider überhaupt nicht zu ihm durch und reagieren selbst über. Das alles macht ihn und uns traurig. Erst mit einem Familienkuscheln am Abend kann endlich der Druck rausgenommen werden. Vielleicht hätten wir das früher machen sollen, aber der Gedanke kam uns einfach nicht. Es war kein guter Tag.

 

Tag 6

Mittwoch, 25. März: Neuanfang! Von wegen. Ich werde schon um 5 Uhr morgens laut, als mein Sohn beschlossen hat, dass doch alle wach zu sein hätten. In der Folge beschließe ich, und das teile ich dem Großen auch unmissverständlich mit, dass er heute selbst schauen muss, wie er den Tag managt. Als Ideengeber und Spielkamerad würde ich nicht zur Verfügung stehen. Anschließend gehe ich mit Tränen in den Augen in die Küche. Ich weiß, dass ich den Siebenjährigen überfordere. Ich bin selbst am Limit. Meine Frau hat das längst gespürt, versucht für bessere Stimmung zu sorgen.

Dann steht sie auf dem Küchenstuhl, um Backformen aus dem oberen Küchenregal zu holen. Dabei hat sie einen Krampf. In der Folge kann sie sich nur noch eingeschränkt bewegen. Super. Schmerztablette und Wärmekissen. Ich kann leider auch nicht viel helfen, weil ich arbeiten muss. Im Tagesverlauf erfahre ich, dass ich vom 1. April an in Kurzarbeit gehen muss. Das fühlt sich nicht schön an.

Noah telefoniert mit seiner Klassenlehrerin, die sich einfach mal nach seinem Befinden erkundigen will. Eine tolle Geste.

Zusammen mit Noah baue ich abends den Geburtstagstisch für Elisa auf, wir stellen Kerzen auf und dekorieren das Wohnzimmer. Die Kleine wird am nächsten Tag 2. Die Vorfreude bei allen ist groß.

Als dann beide Kinder schlafen und meine Frau und ich uns in Ruhe unterhalten wollen, quietscht die Tür zum Arbeitszimmer beim Öffnen plötzlich laut. Wo war noch gleich das Sprühöl? Natürlich in der letzten Ecke in der Garage, die gerade mit Sperrmüll gefüllt ist. Elisa ist längst wieder wach. Sehr wach. Läuft.

 

Tag 7

Donnerstag, 26. März: Beim Aufstehen ist unsere Tochter ganz aufgeregt. „Jetzt bist du erwachsen“, behauptet ihr Bruder. Wir singen „Wie schön, dass du geboren bist“ und gehen zum bunt geschmückten Tisch. Die Kleine ist entzückt. Das neue Puppenhaus ist offenbar genau richtig.

Wir setzen uns alle nebeneinander auf die Couch und führen ein Videotelefongespräch mit den Großeltern und dem Patenonkel der Kleinen. Es folgen viele Anrufe und Whatsapp-Nachrichten. Auch Elisas Kindergartengruppenleiterin ruft an und gratuliert. Klasse!

An Elisas Geburtstag endet auch die zweijährige Elternzeit meiner Frau. Das heißt, dass sie fortan ebenfalls im Home Office tätig ist, weil ihre Schule derzeit geschlossen ist. Heute ist das kein Pro­blem, weil ich einen Urlaubstag genommen habe. Wie das demnächst klappen soll? Diese Frage stellen wir uns oft.

Der Rollentausch wird nach dem Frühstück vollzogen. Meine Frau geht ins Arbeitszimmer, ich bin für die Kinderbetreuung zuständig. Es ist schön zu sehen, dass den Kids das offenbar gar nicht auffällt.

Nachmittags klingeln die Großeltern. Sie bringen ein Geschenk vorbei, bleiben aber mit ein paar Metern Abstand vor der Haustür stehen. Aber es ist doch eine persönliche Begegnung, die allen gut tut. Danach geht es lange in den Garten. Der Kauf des großen Trampolins vor ein paar Jahren war die beste Investition, die wir je gemacht haben. Ohne das Spielgerät wäre die Corona-Zeit daheim nur schwerlich zu schaffen. Denn die Kinder brauchen wesentlich mehr Bewegung als sonst. Das Spielen mit anderen Gleichaltrigen fehlt ihnen an allen Ecken und Enden. Wir können das nicht kompensieren, sondern nur alles für die Kinder tun, was irgendwie schaff- und machbar ist.

Der Weg zurück in die Normalität ist noch lang. Manches wird dann auch nicht mehr so sein wie vor der Corona-Krise. Aber für uns alle wäre es gut, wenn es demnächst wieder so etwas Ähnliches wie einen Alltag außerhalb der eigenen vier Wände geben könnte. Denn wie erst ein Sommer mit Home Office und Betreuung daheim aussehen würde, das möchten wir uns dann doch lieber (noch) nicht ausmalen...

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