Dr. Rainer Moritz präsentiert in Werther seine Favoriten aus dem Herbstprogramm der Verlage Vom langweiligsten Buch der Welt

Werther-Häger (WB). »Ich werde heute nicht über schreibende Schauspieler sprechen«, stellt Prof. Dr. Rainer Moritz gleich zu Beginn klar. Auf seiner persönlichen Longlist der literarischen Empfehlungen stehen insgesamt 15 Werke, die der Leiter des Literaturhauses Hamburg auch auf ihre Tauglichkeit als Weihnachtsgeschenk für bestimmte Zielgruppen untersucht hat.

Von Johannes Gerhards
In einem kurzweiligen und launigen Vortrag stellt Dr. Rainer Moritz die seiner Meinung nach interessantesten Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vor.
In einem kurzweiligen und launigen Vortrag stellt Dr. Rainer Moritz die seiner Meinung nach interessantesten Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vor. Foto: Johannes Gerhards

Mit 80 Besuchern ist die Veranstaltung in der Möbelmanufaktur Werther ausverkauft. Klaus und Doris Oberwelland sind zum wiederholten Mal Gastgeber im Rahmen des Lese-Herbstes, der von Stadtbücherei und Buchhandlung Lesezeichen organisiert wird. Auf einem Büchertisch liegen die besprochenen Werke zur Ansicht und zum Kauf bereit.

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Ich bin durchaus möbelhaus­affin.

Rainer Moritz über das außergewöhnliche Ambiente in der Manufaktur Oberwelland

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»Ich bin durchaus möbelhaus­affin«, sagt Rainer Moritz mit Blick aufs anregende außergewöhnliche Ambiente im Ausstellungsraum des »gezielt im Nischenmarkt der zierlichen Garnituren« aktiven Familienbetriebes, der vor 100 Jahren gegründet wurde. Zu Beginn stellt er den Ehe- und Künstlerroman »Der junge Doktorand« von Jan Peter Bremer vor, charakterisiert dessen Stil als »sehr komische Mischung aus Thomas Bernhard und Loriot«.

Seitenhieb auf das »Literarische Quartett«

Mit einem Seitenhieb auf das an der Grenze zur Bedeutungslosigkeit dahin dümpelnde »Literarische Quartett« im ZDF bescheinigt er dessen Moderatoren dennoch Kompetenz in Bezug auf Sorj Chalandons »Am Tag davor«. Sehr verblüffend und aufregend sei die Geschichte konstruiert, die nach der Hälfte des Buches vollkommen zu kippen beginnt. Wie in allen anderen Fällen macht Rainer Moritz nur Appetit und verrät natürlich nicht zu viel, um den Lesern die Spannung zu erhalten.

Nach der Neuauflage »Sonntag« von Georges Simenon, zu der Rainer Moritz das Nachwort geschrieben hat, und Sally Rooneys Überraschungserfolg »Gespräche mit Freunden«, das er sich als passendes Geschenk für Menschen zwischen 20 und 30 Jahren vorstellen kann, kommt die Rede auf »Das langweiligste Buch der Welt«. »Es ist eins meiner Lieblingsbücher«, sagt Rainer Moritz, denn die Autoren vom »Institut für sinn- und nutzlose Studien« behandeln darin das große gesellschaftliche Problem der Schlaflosigkeit. Etwa 100 auf zwei bis drei Seiten komprimierte Texte, darunter ein »Weltalmanach der sauren Gurken« und »Wissenswertes über Kreisverkehre« sollen beim Leser Schläfrigkeit auslösen, wobei die Wirksamkeit auf dem Klappentext ausdrücklich garantiert wird.

Um die gut gelungene Verknüpfung von »Schutzzone« in seiner Doppelbedeutung als politischer Begriff und privater Bereich geht es im gleichnamigen Roman von Nora Bossong. Für Männer, die sich mit erfundenen Geschichten schwertun, sei dagegen Steffen Kopetzkys gut recherchiertes »Propaganda« geeignet. Auf über 500 Seiten komme der Name Trump zwar nicht einmal vor, dennoch schwinge er ständig mit, wenn der Protagonist sich Gedanken darüber macht, was aus den ehemals hehren amerikanischen Freiheitsidealen geworden ist.

Die skurrilsten Episoden aus bekannten Reiseführern

Hanns-Josef Ortheil wandelt in »Der von den Löwen träumte« auf den Spuren Ernest Hemingways und stellt eine interessante Theorie auf, wie »Der alte Mann und das Meer« entstanden sein könnte. Im edel gestalteten »Baedekers Handbuch für Schnellreisende« werden die skurrilsten Episoden aus bekannten Reiseführern zwischen 1830 und 1930 zusammengefasst. J.L. Carr wirft in »Die Lehren des Schuldirektors George Harpole« einen witzigen, sehr britischen Blick auf die Bildungseinrichtungen der 60er-Jahre.

Schließlich macht Rainer Moritz mit seinem Bonustipp noch Werbung in eigener Sache. Er untersucht in »Zum See ging man zu Fuß« auf gewohnt amüsante Weise, wie sich Wohnort und Lebensumfeld auf Themenwahl und Schreibstil berühmter Autoren wie Max Frisch, Hans Christian Anderson oder Thomas Mann ausgewirkt haben.

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