Diakonische Stiftung Ummeln setzt auf Dezentralisierung – »Waldheimat« in Werther schrumpft
Raus aus der »Sonderwelt«

Werther (WB). Das Gelände am Blotenberg wird im Volksmund wohl immer die »Waldheimat« bleiben. Dabei ist selbst der weinrote Wegweiser am Teutoburger-Wald-Weg, der zur »Ev. Stiftung Ummeln« weist, überholt. Denn die Behinderteneinrichtung firmiert längst unter »Flex Eingliederungshilfe gGmbH der Diakonischen Stiftung Ummeln« – äußeres Zeichen eines tief greifenden Wandels.

Dienstag, 05.11.2019, 08:00 Uhr
Christel Friedrichs, Geschäftsführerin der Flex-Eingliederungshilfe, steht vor dem Haus Morgensonne. Dieses Gebäude der ehemaligen »Waldheimat« werde auf Dauer wohl nicht mehr benötigt, kündigte sie an. Konkrete Pläne für die künftige Nutzung gebe es noch nicht. Foto: Margit Brand

Nun hat es in den mehr als 100 Jahren seit der Gründung des einstigen »Heims für gefährdete Mädchen« immer wieder reichlich Veränderung mit Höhen und Tiefen gegeben. Gerade aber in der Betreuung von Menschen mit Handicaps gibt es seit Jahren ein gesellschaftliches Umdenken. Inklusion lautet das große Schlagwort. Das Recht auf Selbstbestimmung, das Behinderten früher nicht immer klar zugebilligt wurde, verändert auch die Arbeit der Stiftung. Sie stellt sich zunehmend dezentraler auf. »Weg von den Sonderwelten, hinein in die Mitte der Gesellschaft«, nennt das Flex-Geschäftsführerin Christel Friedrichs.

Neue Wohnprojekte

Aktuell leben am Blotenberg 103 Männer und Frauen mit psychischen Einschränkungen oder geistiger Behinderung. Die 58-Jährige geht davon aus, dass hier auf Dauer noch etwa stationäre 55 Plätze übrig bleiben werden, zusammengefasst im Haupthaus und dem angrenzenden Haus Heimstatt. Beide Gebäude wurden zuletzt mit einem Aufzugtrakt verbunden, der Brandschutz und Barrierefreiheit sichert. Neben dem Wohnprojekt an der Bielefelder Straße (24 Personen) in Werther, geht nächsten Sommer ein weiteres, ebenso großes Haus in Borgholzhausen am Jammerpatt in Betrieb; ein drittes sei in Planung.

»Übrigens auch für Menschen, die nicht aus unserer Einrichtung kommen«, unterstreicht die Geschäftsführerin. Der Stiftung verstehe sich – nicht zuletzt mit ihren Beratungsangeboten – als Anlaufstelle für alle Menschen mit Behinderungen und ihre Familien. Auch wenn das »evangelisch« im Namen 2014 durch »diakonisch« ersetzt worden sei um zu verdeutlichen, dass es sich nicht um eine kirchliche Einrichtung handele, fühle sich die Stiftung sehr wohl einem christlichen Leitbild verpflichtet.

Zukünftige Nutzung offen

Was in Zukunft aus den weiteren Gebäuden der einstigen Waldheimat werde – etwa dem Blotenhof, dem Haus Morgensonne sowie dem Quellenhof, in dem heute vorwiegend die Angebote für eine Tagesstruktur untergebracht sind – , sei derzeit noch nicht klar, sagt Christel Friedrichs. »Das hängt zu einem gewissen Teil sicher auch davon ab, ob und was im geplanten Neubaugebiet in unserer unmittelbaren Nachbarschaft gebaut wird.«

Die Diakonische Stiftung habe sich 2010 auf den Weg gemacht weg von so genannten »Groß- und Komplexeinheiten«. Finanziell unterstützt von der Aktion Mensch hat sie sich verpflichtet, bis Ende 2022 die Betreuungsplätze dieser Art – stiftungsweit immerhin 348 – zur Hälfte zu dezentralisieren. Kleinere Wohneinheiten mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung gehören dazu, ebenso ambulante Begleitung in eigenen Wohnungen. »Die Grenzen zwischen ambulant und stationär werden zunehmend verschwinden«, blickt Christel Friedrichs auf vielfältig denkbare Wohnformen der Zukunft.

Tolerantes Werther

In Werther reagiere die Bevölkerung sehr offen und tolerant, sagt sie dankbar. »Das wächst und muss weiter wachsen. Wobei klar ist, dass auch wir von unserer Seite unseren Beitrag zu einem guten Miteinander leisten müssen.« Sie verhehlt nicht, dass es vereinzelt zu Irritationen wegen bettelnder oder alkoholisierter Klienten gekommen sei. Leider lasse sich das nicht immer unterbinden. »Zwangsmedikation etwa gibt es nicht mehr. Unsere Mitarbeiter sind jedoch bemüht, das Netz der Hilfe und Unterstützung so eng wie möglich zu spannen.«

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