50 Jahre lang durfte Reiner Solfrian aus Werther zweimal auspacken – nun ist er im Ruhestand Doppelte Bescherung für den Postboten

Werther (WB). Die Weihnachtspost müssen dieses Jahr andere bringen. 50 Jahre lang hat Reiner Solfrian das gemacht. Der bekannte Wertheraner Postbote ist jetzt in den Ruhestand gegangen.

Von Margit Brand
Gelbe T-Shirts trägt er nicht mehr: Reiner Solfrian (65) ist nach 50 Jahren als Postbote in Werther seit Dezember nun offiziell in Rente. Das Verteilen der Weihnachtspost mussten bereits andere Kollegen übernehmen.
Gelbe T-Shirts trägt er nicht mehr: Reiner Solfrian (65) ist nach 50 Jahren als Postbote in Werther seit Dezember nun offiziell in Rente. Das Verteilen der Weihnachtspost mussten bereits andere Kollegen übernehmen. Foto: Margit Brand

Prompt läuft die Bescherung im Hause Solfrian deshalb auch anders ab als sonst. Denn bislang durfte der 65-Jährige immer zweimal auspacken: Als erstes gab es – natürlich – die Geschenke, die das Christkind der Familie gebracht hatte. Doch Vater Reiner hatte immer einen Extra-Stapel an Weihnachtsüberraschungen: weit mehr als nur ein(e) »Merci« für den treuen Briefzusteller, der kurz vorm Fest nicht nur austeilen, sondern auch mal einstecken durfte.

Einstecken statt austeilen

»Die Päckchen habe ich wirklich immer erst am Heiligen Abend aufgemacht«, erzählt Reiner Solfrian. Und gesteht: Schokolade war ihm stets am liebsten. Das hat sich im Lauf der Zeit natürlich herum gesprochen. »Der Vorrat reichte fast bis Ostern«, erzählt seine Frau Edelgard lachend.

Kein Wunder: Reiner Solfrian bot ja auch nicht selten einen Extra-Service. Er hatte auch Feierabendzeiten im Kopf oder den Dienstplan der Putzfrau – ein Postmann klingelt eben ungern zweimal. Er liefert lieber verlässlich und schnell ab.

Private Abholstation

Und weil Solfrians Stammbezirk der letzten 13 Jahre zugleich sein Heimatberitt – der Werther Berg – war, kam es nicht selten vor, dass er daheim eine kleine »Außenstelle« einrichtete und sich Nachbarn ihre Päckchen bei ihm zu Hause abholten.

Mit dem Unternehmen in Gelb ist Reiner Solfrian, begeisterter BV-Fußballer, groß geworden. Schon als Kind begleitete er seine Mutter auf deren Brief-Touren. Als er mit 14 Jahren die Volksschule verließ, machte er in Bielefeld die Lehre zum »Jungpostboten« – der kratzenden Schirmmütze und der unbequemen Uniform zum Trotz.

Päckchen mit Duft

50 Jahre ist Reiner Solfrian bei Wind und Wetter unterwegs gewesen; bis auf kleine Ausnahmen in Werther. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, zum Schluss im Auto: Es gibt keine Hausnummer, die er nicht findet. Selbst das Schwarzbachtal mit seiner für Unkundige so verwirrenden Aufteilung kann ihn nicht schrecken. Durchschnittlich 600 Briefkästen pro Tag waren sein Revier.

Weniger Briefe, selten Postkarten, dafür Werbung und immer mehr Pakete: Was Reiner Solfrian sich zuletzt morgens ins Auto packte, war so ganz anders als die Ladung vor einem halben Jahrhundert. Päckchen, so entsinnt er sich, hatten nicht selten einen besonderen Duft. Der Blick auf den Absender erübrigte sich: Was aus der »Zone« kam, roch eigenwillig nach Rauch. Manchmal wusste Reiner Solfrian auch, was drin war. Schmal und lang in der Vorweihnachtszeit? Eindeutig ein Stollen!

Keine Schokolade zum Abschied

»Mit der Grenzöffnung brach das Paketgeschäft zusammen«, erinnert sich Solfrian deutlich. E-Mails machten später die Briefe­stapel kleiner – dafür belebten Amazon & Co. den Lieferdienst neu.

So ganz traurig ist Reiner Solfrian nicht, dass jetzt jüngere Kollegen bei Schnee und Matsch Weihnachtsgrüße und -geschenke herum gebracht haben. Offiziell ist er zum 1. Dezember in Pension gegangen, aber der Übergang in die Rente verlief aus gesundheitlichen Gründen schleichend. So wurde nichts aus der bewussten »letzten Tour«, bei der Reiner Solfrian sich gern persönlich bei seinen vielen Briefkasten-Kunden verabschiedet hätte. Die wiederum hätten ihm bestimmt gern den Ruhestand versüßt. Vorzugsweise mit Schokolade.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.