Mezzoforte ist inzwischen größter Hersteller weltweit von Carbon-Streichinstrumenten Jetzt spielt das Cello die erste Geige

Werther (WB). Die USA sind sein größter Markt, der chinesische könnte es werden. Dr. Jörg Kleinalstede hat 2012 seine erste Geige aus Carbon vorgestellt. Inzwischen hat er den einzigen Mitbewerber in Amerika überflügelt und ist somit Weltmarktführer geworden. Und nicht mehr die Geige spielt die erste Geige, sondern das Cello übernimmt die Hauptrolle.

Von Klaus-Peter Schillig

»Die ist einer der in Ostwestfalen so typischen hidden Champions«, zeigte sich die Bielefelder SPD-Bundestagskandidatin Dr. Wiebke Esdar überrascht von dem, was sie in dem kleinen Handwerksbetrieb in Werther zu sehen und zu hören bekam. 2011 ist Firmengründer Dr. Jörg Kleinalstede von Spenge ins Wertheraner Gewerbegebiet an der Ziegelstraße gezogen, damals noch als Importeur billiger Geigen aus China.

Kleinalstede, eigentlich ausgebildeter Mediziner, hat keine Probleme, alle Welt von den Vorzügen der Streichinstrumente aus Carbon zu überzeugen. Robust und unempfindlich gegenüber Feuchtigkeit, eine hohe Schallleitungsgeschwindigkeit und eine Wunschlackierung. Und der Klang unterscheide sind nicht von der einer Stradivari. Das jedenfalls will das Wertheraner Unternehmen mit einem Blindversuch auf Youtube beweisen.

Der spektakuläre Test, bei dem ein Unterschied nicht erkennbar ist, geht zurück auf den Deutschen Musikinstrumentenpreis, den Mezzoforte 2015 mit einer Geige gewonnen hat. Einer der fünf hochkarätigen Juroren – durchweg Musikprofessoren und Konzertmeister großer Orchester – habe sich spontan ein Carbon-Instrument bestellt und den Vergleich mit seiner persönlichen Stradivari eingespielt.

»Unser Problem ist, dass wir es mit einer eher konservativen Kundschaft zu tun haben«, erzählt Dr. Jörg Kleinalstede von der Überzeugungsarbeit. Im Bielefelder Philharmonischen Orchester ist immerhin die Solo-Bratschistin schon auf Carbon umgestiegen. In den USA gebe es einen großen Markt unter den Country- und Westernmusikern, sagt der Geigenbauer. Beim Cello setzten sich aber zunehmend die Materialvorteile durch. Das Carbon-Instrument kann bedenkenlos im Frachtraum eines Flugzeuges transportiert werden. Für das Pendant in Holz müssen Musiker auf Reisen immer einen zweiten Sitz buchen.

In diesem Herbst wagt Dr. Kleinalstede einen neuen Anlauf beim Deutschen Musikinstrumenten-Wettbewerb. Diesmal sind Bratschen gefragt. Noch in der Konzeptionsphase, gemeinsam in einem Projekt mit der Technischen Hochschule in Aachen, ist ein zerlegbarer Kontrabass aus Carbon. »Wir erwarten, dass er Ende des Jahres in Serie verfügbar ist«, kündigt der Unternehmer an.

250 Instrumente können an der Ziegelstraße in Werther pro Jahr gefertigt werden. Damit ist vor allem die personelle Kapazität der fünf Hauptamtlichen und zwei Aushilfskräfte ausgelastet. Dr. Jörg Kleinalstede hat schon seine Tochter angestellt, bevor sie im Oktober ihr Studium beginnt, weil er zurzeit keine Arbeitskräfte findet. Dabei sei noch nicht einmal eine Fachausbildung nötig. Handwerkliches Geschick und die Grundvoraussetzungen wie Sorgfalt, Disziplin oder Pünktlichkeit seien gefragt. Ansonsten seien alle Arbeitsschritte lernbar. »Trotz Serienfertigung ist bei uns aber noch alles Handarbeit.«

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