Menschen mit Hörproblemen erleben Sehenswürdigkeiten dank digitaler Gebärden Werther auch ohne Ton erkunden

Werther (WB). Wer als Mensch mit Hörproblemen eine Stadtführung mitmacht, ist auf die Hilfe eines Gebärdendolmetschers angewiesen. In Werther haben Gehörlose ihren Übersetzer mit Händen und Mimik künftig digital dabei.

Von Burkhard Hoeltzenbein
Am Gedenkstein probiert die Besuchergruppe gehörloser Menschen die tonlose Stadtführung erfolgreich aus.
Am Gedenkstein probiert die Besuchergruppe gehörloser Menschen die tonlose Stadtführung erfolgreich aus. Foto: Burkhard Hoeltzenbein

Die Probe aufs Exempel macht zur Premiere eine Besuchergruppe gehörloser Menschen am Donnerstag. Am Gedenkstein für die durch die Nazis ermordeten jüdischen Menschen aus Werther spielen sie auf einem tragbaren Tablet-Computer die entsprechende erklärende Sequenz ab, in der ihnen Gebärdendolmetscher Norbert Dormann die gestenreiche Translation bietet.

Die spezielle Stadtführung für Gehörlose hat die Stadt Werther auf Initiative von Knut Weltlich konzipiert. Der rührige Ombudsmann in Sachen Inklusion von Menschen mit Behinderung hat vor vier Jahren das digitale Projekt ausgeheckt, das nun in Werther funktionsfähig beginnen kann.

Erinnerung an Wilhelm Redecker

Gemeinsam mit dem im Vorjahr in Folge eines tragischen Unfalls verstorbenen Stadtführer Wilhelm Redecker hat Weltlich, der das Digitalportal Werther-TV betreibt, an 36 Sehenswürdigkeiten der Stadt jeweils etwa eineinhalbminütige Filme gedreht. Am jüdischen Friedhof, Böckstiegelhaus, Venghauss’schen Haus oder am Schloss erklärt Wilhelm Redecker jeweils die historischen Hintergründe, erzählt Stadt- und Kulturgeschichte. Aber auch die 65 Millionen Jahre alte geologische Historie des Teutoburger Waldes hat Redecker, dessen Mitwirken an diesem Projekt wie ein Vermächtnis an »seine« Stadt wirkt, akribisch erzählt.

Im Filmstudio kopierte Weltlich den »Übersetzer« der Informationen nachträglich in die Filme hinein. Gebärdendolmetscher Norbert Dormann aus Gütersloh stand dafür vor einer »grünen Wand«. Er erklärt gehörlosen Menschen simultan mit Händen, Fingern, Mund und Mimik, was Wilhelm Redecker an Wissenswertem über die Böckstiegelstadt hinterlassen hat.

Knut Weltlich ist stolz auf seine Erfindung

»Werther ist eine der ersten Kommunen in Deutschland, die dieses Angebot macht«, sagt Weltlich. Dem früheren Bertelsmann-Betriebsrat, der als Behindertenvertreter im Konzern viel für Menschen mit Behinderung initiiert hat, ist der Stolz über das aufwändige Integrationsprojekt deutlich anzumerken. Auf die Idee kam er vor Jahren. »In Lissabon habe ich eine Gruppe bei einer Stadtführung erlebt. Jene Gehörlosen, die kein Englisch in der Gebärdensprache verstanden, waren dabei ausgeschlossen«, erzählt er.

Bürgermeisterin Marion Weike, die in der »Sequenz 0« einige Begrüßungsworte an die Nutzer des Stadtführers für Gehörlose richtet, lobt die innovative Idee. »Barrierefreiheit meint nicht nur rollstuhlgerechte Wege. Wir müssen an alle denken, die im Alltag mit Hindernissen kämpfen und ihnen diese aus dem Weg räumen.«

Gehörlose können sich bei der Stadt einen Tablet-Computer ausleihen, auf dem die Gebärden-Einspieler beim Rundgang abrufbar sind. Ansprechpartner im Rathaus ist Stefan Meier, Tel. 05203/70522.

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