Versmolder Nagel-Group registriert starke Schwankungen bei Lebensmittel-Transportmengen
Corona bringt Logistiker ins Schwitzen

Versmold (WB). Die Zeit der großen Hamsterkäufe und zweistelligen Zuwachsraten im Lebensmitteleinzelhandel scheint in der Corona-Krise zu Ende zu gehen. Ein Indikator dafür ist das Transportvolumen bei Deutschlands führendem Lebensmittellogistiker Nagel Group. Das europaweit tätige Versmolder Unternehmen registriert seit Tagen massive Schwankungen – und eine rückläufige Tendenz, seitdem es die Kontaktbeschränkungen gibt. Nagel-Chef Carsten Taucke spricht von einer „extrem volatilen, beispiellosen Entwicklung, die auch uns vor Herausforderungen stellt”. Nagel fahre auf Sicht.

Freitag, 10.04.2020, 02:22 Uhr aktualisiert: 10.04.2020, 05:03 Uhr
Blick in das Umschlaglager der Nagel-Niederlassung an der Autobahn 33 in Borgholzhausen. Es ist der größte Standort im Netzwerk des in Deutschland führenden Lebensmittellogistikers, der in 16 europäischen Ländern Ware in den Handel und zu Großabnehmern bringt.

„Mitte März lag das Transportvolumen bei uns um 20 bis 25 Prozent über den Vorjahreswerten. Anfang April lag es tageweise trotz des bevorstehenden Osterfestes um 15 Prozent unter Vorjahr.“ Für Taucke sind das Anzeichen, dass die ganz große Welle der Hamsterkäufe abgeebbt ist und das Ostergeschäft relativ mau werden könnte. „Für uns ist es ein Erfolg, dass wir das schwankende Volumen bislang so gut abwickeln und die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln in den einzelnen Ländern und auch grenzüberschreitend sicherstellen können.“

Geschlossene Grenzen

Aber auch wirtschaftlich bedeute die Ausnahmesituation Herausforderungen. „Wir sind weit davon entfernt, dass wir von der Krise profitieren. Auf den ersten Blick mag das in Teilbereichen bei den Mengen so sein. Wir haben andererseits aber erhöhte Kosten durch verschiedenste Maßnahmen, um die Sicherheit der Mitarbeiter und den Betrieb rund um die Uhr zu gewährleisten. Das geht zulasten der Produktivität und optimierter Prozesse. Wie sehr diese Faktoren unser zuletzt stark verbessertes Ergebnis belasten, kann ich derzeit nicht abschätzen.“ Zudem sei das Geschäft mit Gastronomiekunden – Kantinen, Caterer, Restaurants – seit Mitte März „komplett zum Erliegen gekommen“. Auch im Tiefkühlbereich gebe es massive Rückgänge. Mitarbeiter würden deshalb, wo möglich, von dort in die Frischelogistik versetzt. Für wenige Standorte hat Nagel auch Kurzarbeit beantragt.

In der Corona-Krise plötzlich geschlossene Grenzen innerhalb Europas stellten die Nagel-Group gleich in doppelter Hinsicht vor weitere Herausforderungen. Ganz praktisch bei länderübergreifenden Transporten. Staus von 80 Kilometern und tagelange Wartezeiten vor Grenzen waren zunächst keine Seltenheit. „Das akute Problem hat die Politik aber umgehend beseitigt“, sagt Taucke, der in seiner Funktion als Vorsitzender des Verkehrsausschusses beim Groß- und Außenhandelsverband BGA hierzu Kontakte zur Politik nutzte.

Amazon im Blick

Schwierig sei die Situation aber weiterhin bei Personal aus dem Ausland. Hier drohe nach wie vor, dass Mitarbeiter bei einem Heimatbesuch in Quarantäne müssten und nicht sofort an ihren Arbeitsplatz in Deutschland zurückkehren könnten. Apropos: Der Belegschaft spricht Taucke „großen Dank“ aus, dass sie in der Krise „mit viel Engagement für das Unternehmen einstehen und die Versorgung der Menschen sicherstellen“. Vor allem die Fahrer und Lagermitarbeiter machten angesichts aller Schwierigkeiten einen herausragenden Job.

Mit Interesse beobachtet Taucke die Ausbreitung des Amazon-Konzerns, der derzeit auch in OWL ein flächendeckendes Netz an Logistikstandorten aufbaut. „Wir nehmen es so wahr, dass sich Amazon auf das Geschäft mit Nichtlebensmittel konzentriert.“ Eine Zusammenarbeit in der Lebensmittellogistik schließt Taucke indes nicht aus. „Aktuell gibt es aber weder Geschäftsbeziehungen noch Kontakte.“

Marktführer fährt Rekordergebnis ein

Ein Rekordjahr liegt hinter der 1935 gegründeten Nagel Group. Nur zwei Jahre nach dem schwächsten Geschäftsjahr mit einem operativen Verlust, sei 2019 das beste Ergebnis der Historie eingefahren worden, sagt Firmenlenker Carsten Taucke. Er steht seit Dezember 2018 an der Spitze des Unternehmens mit 12.000 Mitarbeitern und europaweit 130 Standorten.

Der Konzerngewinn von mehr als 30 Millionen Euro sei trotz Kosten für Personalabbau und Konzernumbau allein im operativen Geschäft erzielt worden – ein Jahr zuvor waren es nur 13,5 Millionen. Der Umsatz stieg von 1,97 auf 2,1 Milliarden Euro.

„Wir haben unseren Plan damit deutlich übertroffen, sind aber vom Ziel, bis 2023 eine operative Rendite von 3 bis 5 Prozent zu erreichen, noch weit entfernt“, sagt Taucke. 1,5 Prozent sind es 2019 gewesen. „Mit der Entwicklung aus eigener Kraft und mit internen Maßnahmen sind wir sehr zufrieden. Wir arbeiten jetzt wieder aus einer Position der Stärke heraus, in der wir in den weiteren Umbau des Unternehmens etwa bei der Digitalisierung oder neuen Standorten investieren können.“

Bis 2023 will Taucke den Konzerngewinn jedes Jahr um 10 Millionen steigern. Der Unternehmenschef betont, dass Spekulationen über einen Verkauf des Unternehmens durch die Inhaberfamilie Nagel „nonsens“ seien. „Wir wollen die Nagel Group nachhaltig als erfolgreiches Familienunternehmen aufstellen.“ Mitgesellschafter Tobias Nagel ist Mitglied der Geschäftsführung, seine Schwester Beatrice hat ein duales Studium beim Lebensmittellogistiker abgeschlossen. Deren Mutter Marion Nagel ist Vorsitzende des Verwaltungsrates.

 

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