Dörte Hansen begeistert Versmolds Literaturfreunde mit Roman »Mittagsstunde«
Erst fehlen Störche, dann Ulmen

Versmold (WB). »Die Hansen«, kommentierte Annette Stoltenberg im letzten Bücherherbst in der Haller Remise, »ist völlig unkompliziert«, nachdem sie vollmundig über deren zweites Buch ‹Mittagsstunde‹ schwärmte. Die Hansen war jetzt in Versmold.

Samstag, 06.04.2019, 12:00 Uhr
Mit der »Mittagsstunde« hat Dörte Hansen ihr zweites Buch vorgelegt. Auch in Versmold hoffen die Literaturfreunde jetzt auf ein drittes. Foto: Petra Kramp

Über 200 Bücherfreunde im Altstadthotel konnten sich nun selbst von der sowohl unkomplizierten als auch frischen, humorvollen Art der Linguistin und Hörfunk-Journalistin Dörte Hansen überzeugen. »Das Dorf Brinkebüll«, erzählt die Autorin gleich vorweg, » ist bei Google Maps nicht zu finden und dennoch ist es überall. Bei mir ist Brinkebüll in der nordfriesischen Geest angesiedelt, eine karge Gegend, kleinbäuerlich geprägt mit Menschen, die sich mühen mussten.«

Fünf Jahrzehnte Dorfleben

Hansen hat fünf Jahrzehnte Dorfleben zwischen zwei Buchdeckel gepresst und herausgekommen ist ein berührender Roman voller skurriler Figuren, begonnen in den 60iger Jahren, als im Rahmen des Strukturwandels die bäuerliche Welt immer mehr verschwand. Zuerst die Störche, dann die Ulmen, die asphaltierten Straßen weichen mussten, weil die Maschinen die Geest nahezu glatt hobelten. »Anfangs ist es ein lebendiges Bauerndorf mit allen typischen Zutaten, mit einem Bäcker, einer Dorfschule, einem Tante-Emma-Laden, einer Feuerwehr und natürlich einem Gasthaus, in der nicht nur alle Familienfeiern gefeiert, sondern auch das Feierabendbier getrunken wurde, und in der alle Fäden des Dorfes zusammenliefen.«

Ihre knorrigen Charaktere entwickelt sie mit psychologischem Gespür und feiner Beobachtungsgabe, beschreibt jenseits von Verklärung, Klischee und Kitsch des Landlebens. Im Mittelpunkt steht eben jenes Gasthaus mit den 90-jährigen Eheleuten Feddersen, Ella, nun dement und tüdelig, nebst Gatten Sönke, klapprig, aber stur. Und ihrem fast 50-jährigen Enkel Ingwer, der die Stirn hatte, zum Gymnasium zu gehen. »Bis heute wusste Sönke Feddersen nicht, was da schiefgelaufen war. Womit er das verdient hatte – op de Hoge School.«

Mit Humor auf Abstand

Mittlerweile Archäologe in Kiel, 100 Kilometer weg von Brinkebüll, versucht er in einem Sabbatjahr seine »Schuld« durch Pflege der Großeltern, die ihn letztendlich großgezogen haben, wenigstens ein bisschen wettzumachen. Bis zuletzt ein Suchender zwischen zwei Welten, der damit hadert, nicht aus einer akademischen Familie zu stammen und jederzeit damit rechnet, trotz summa cum laude noch als Stümper aufzufliegen.

Die kurzen Dialoge der Dörfler sind auf Plattdeutsch, eine Sprache, die die Autorin bei sich zu Hause auch spricht. Ob ihr Dialekt auch von Nicht-Friesen verstanden wird, testet sie an ihrer Schweizer Lektorin: Versteht diese den Sinn, kommts durch die Zensur. Mit ihrer betörend berührenden Erzählweise, ihrem trockenen Humor hat sie nun auch die Versmolder überzeugt. Hansen gesteht: »Das Thema ging mir sehr nahe. Der Humor ist dabei mein Abstandhalter. Aber ich sage nicht: Früher war alles besser. Dass es diesen Wandel gab, hat es mir beispielsweise erst ermöglicht, als Handwerkertochter mein Abitur zu machen.«

Ingwer & Co.KG wird sie literarisch nicht weiterverfolgen. »Wenn ein Buch abgeschlossen ist, ist es das. Ich winke ihnen allen dann noch mal fröhlich nach und denke, sie sind auf dem richtigen Weg.«

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