Verl
Als Flachs und Hanf gehandelt wurden

Verl (gl). Es gibt Termine im Jahreskalender, die hat jeder Verler im Kopf. Das erste September-Wochenende ist so ein Beispiel, denn dann ist Verler Leben - und da wollen alle dabei sein. In diesem Jahr nicht. Erstmals seit 1947 fällt es aus. Die Stadt nimmt das zum Anlass, zurückzublicken.

Donnerstag, 03.09.2020, 14:27 Uhr aktualisiert: 03.09.2020, 15:16 Uhr

Das Fest hat nicht immer im September stattgefunden und auch nicht immer drei Tage gedauert. Beides wurde erst im Jahr 1968 eingeführt. Und auch sonst hat sich das Volksfest Verler Leben im Laufe der Zeit stark gewandelt, wie der Blick in die lange Geschichte des Festes zeigt. Der früheste bekannte Beleg findet sich für das Jahr 1651, wie Professor Alwin Hanschmidt aus Rietberg herausgefunden hat: In einer Rentrechnung der Grafschaft Rietberg von 1651 ist verzeichnet, wie viele Taler bei der „Verlischer Kirchmesse“ am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt – dem 15. August – eingenommenen wurden. Diese Kirchmesse oder kurz „Kirmes“ feierte alljährlich die Kirchweihe, also den Tag der Einweihung der Kirche.

Bei dem „Verlischen“ Gotteshaus handelte es sich um den Vorgängerbau der heutigen, ab 1792 errichteten St.-Anna-Kirche. Zu den Kirchmessen kamen schon damals viele Menschen zusammen. Daher bot es sich an, gleichzeitig einen Jahrmarkt abzuhalten. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts standen dabei in Verl hauptsächlich Flachs und Hanf zum Verkauf. Als die mechanischen Spinnereien das Feingespinst – früher die Haupterwerbsquelle im Verler Land – verdrängten, rückte ein Vieh- und Krammarkt in den Vordergrund. Während auf dem Viehmarkt Rinder, Schweine und Pferde den Besitzer wechselten, wurden auf dem Krammarkt Haushaltswaren wie Töpfe und Geschirr oder auch Textilien feilgeboten.

Der Name Verler Leben war damals offenbar noch nicht gebräuchlich, zumindest taucht der Begriff im 19. Jahrhundert nicht auf. Stattdessen ist stets von Kirmes oder Jahrmarkt die Rede. Erst ab dem 20. Jahrhundert ist in Zeitungsanzeigen oder auf Plakaten der Name Verler Leben zu finden. Möglicherweise leitet sich die Bezeichnung „von dem überaus regen Leben, das dieses Volksfest von jeher mit sich brachte“ ab, wie ein Chronist meinte. Mit dem Vieh- und Krammarkt gingen bald auch „Belustigungen“ wie Spielbuden, Tanzvergnügen und der Verkauf von Leckereien wie Bratwürstchen, Pfefferkuchen und Eis einher. Später kam auch Obst hinzu – in den 1960er-Jahren etwa waren Bananen ein Verkaufshit.

Früher war der Markt stark von der Landwirtschaft geprägt und es gab eine große Landmaschinenschau. Während der Jahrmarkt im 18. und 19. Jahrhundert am Montag nach Mariä Himmelfahrt (15. August) stattfand, wurden im 20. Jahrhundert der vierte Mittwoch und Donnerstag im August zum neuen Termin. 1968 beschloss der Rat der Gemeinde, Verler Leben auf das erste September-Wochenende zu verschieben und gleichzeitig um einen Tag zu verlängern. Dadurch sollte das Fest für alle Beteiligten noch attraktiver werden, denn für die Schausteller lohnte es sich an einem langen Wochenende mehr, größere Fahrgeschäfte nach Verl zu entsenden, und das sollte gleichzeitig mehr Publikum anziehen.

Mit dem Termin wurde 1968 auch der Standort geändert: Seit 1954 hatte das Verler Leben auf dem noch unbefestigten Marktplatz vor dem Bahnhof stattgefunden. Nun kehrte das Fest wieder ins Dorf zurück. Hinweise auf eine Absage des Fests finden sich übrigens nur für die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die ersten Nachkriegsjahre. So lud 1948 der damalige Amtsdirektor Dr. Gärtner mit den Worten ein: „Nach zwangsläufiger Unterbrechung in der Kriegs- und Nachkriegszeit soll in diesem Jahr dieses alte Volksfest wieder in althergebrachter Weise gefeiert werden.“ „Althergebracht“ hieß 1948: „Viehmarkt auf dem Sportplatz am Dorf, am Bahnhof eine Zeltstadt, im Dorf auf Bürmanns Hof ein weiteres Tanzzelt, Karussells am Kriegerdenkmal und am Bahnhof, Schausteller und Buden, Eisdielen und Würstchenstände im ganzen Dorf, Trubel in den Gaststätten.“ Nahezu zehn Jahre lang war das Fest vorher ausgefallen – offenbar eine Ausnahme, wie ein damaliger Chronist berichtete: In den Jahren davor habe der Markt immer stattgefunden, „auch in den schlimmsten Notzeiten“.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7565186?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516081%2F
Großfamilie behindert Rettungskräfte
Aus Sorge vor Tumulten am Städtischen Krankenhaus zeigte die Polizei am Freitag Präsenz. Dort wurde der 70-Jährige am Donnerstag eingeliefert, wo er am Freitag auch verstarb. Angehörige hatten zuvor schon den Rettungseinsatz behindert. Foto: Bernhard Pierel
Nachrichten-Ticker