Mauerfall: Heinz-Joachim Winter blickt mit gemischten Gefühlen auf DDR zurück
»Wir haben den Umbruch begrüßt«

Verl (WB). Am Abend des 9. November 1989 waren Heinz-Joachim Winter und seine Frau Regina zu einem Spieleabend eingeladen. Den Fall der Mauer haben sie nur am Rande mitbekommen.

Freitag, 08.11.2019, 07:45 Uhr aktualisiert: 08.11.2019, 07:50 Uhr
Erinnerungen an die DDR. Die Tasche hat Heinz-Joachim Winter für seine Frau Regina eigenhändig hergestellt, eine Platte von Manfred Krug wird gehütet wie ein Schatz. Die Winters fühlen sich heute als echte Bornholter. Foto: Andreas Berenbrinker

Heinz-Joachim Winter (67) ist in Bornholte bekannt wie ein bunter Hund. Er engagiert sich im Bürgerverein, fühlt sich mittlerweile als echter Verler. Vor 28 Jahren kam er mit seiner Frau Regina (62) über Bielefeld an den Ölbach. Die ersten fast 40 Jahre seines Lebens verbrachte er in der DDR.

Ohne in »Ostalgie« zu verfallen erzählt er von dieser Zeit. Aufgewachsen ist Winter in der Lutherstadt Wittenberg, ehe er in Zeitz den Beruf des Täschners erlernte und in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) studierte. Mit dem Abschluss als Diplom-Ingenieur in der Lederverarbeitungstechnik baute er Mitte der 70er-Jahre den Volkseigenen Betrieb (VEB) Lederwaren in Schwerin mit auf. »In den besten Zeiten haben dort 2000 Beschäftigte gearbeitet, pro Tag haben wir mehr als 20.000 Taschen hergestellt.«. Pro Jahr seien 1000 neue Artikel entwickelt worden. Schon Mitte der 80er-Jahre sei der Betrieb sehr gut digitalisiert, die Produktion rechnergestützt gewesen. »Wir waren in unserem Bereich Weltspitze.«

Hauptabsatzmarkt war neben der DDR und Russland die Bundesrepublik, in die die Taschen zu stark vergünstigten Konditionen verkauft wurden. »Aber wir brauchten die West-Devisen«, sagt Winter, der im Betrieb auch seine spätere Ehefrau Regina kennen lernte. »Wir hatten einen guten Job und auch sonst ging es uns in der DDR gut.« Nach der Heirat bekamen die Winters eine Zweiraumwohnung in Schwerin zugeteilt, nach der Geburt der Söhne Christian (41) und Thomas (39) eine Wohnung mit vier Zimmern. Außerdem mussten Heinz-Joachim und Regina Winter den staatlichen »Ehekredit« in Höhe von 5000 Ost-Mark mit der Geburt von zwei Kindern nicht zurückzahlen.

Wahrnehmung der DDR

Winter kritisiert, dass die öffentliche Wahrnehmung der DDR zu sehr aus Westsicht erzählt würde und auch voller Klischees sei. »Nein, wir hatten keine Bananen und auch keine gute Schokolade oder guten Kaffee.« Aber ellenlange Schlangen vor leeren Supermärkten habe er nicht erlebt. Dennoch sieht Winter natürlich auch vieles kritisch, beispielsweise den SED-Machtapparat oder die fehlende Reisefreiheit. »Wir haben Urlaub in Thüringen oder der sächsischen Schweiz gemacht, das war toll.«Von der großen weiten Westwelt träumte man trotzdem.

Bei der Stasi sei er nicht gewesen, wohl aber in der SED. »Ich wollte etwas ändern, habe aber die Parteidisziplin unterschätzt.« »Beziehungen schaden nur dem, der keine hat«, sei ein geflügelter Satz gewesen. Und mit »Vitamin B« sei er auch mal an die gute Schokolade oder eine Platte von Michael Jackson gekommen.

Bei Montagsdemos dabei

1988 sei ihm sogar ein einwöchiger Aufenthalt bei Verwandten in Wuppertal ermöglicht worden,. Trotz der überwiegend guten Erinnerungen sagt Winter klar, dass die Reformbemühungen richtig waren, die DDR war wirtschaftlich am Boden, das Volk unzufrieden. »Wir waren auch bei den Montagsdemos in Schwerin und haben den Umbruch begrüßt.«

»Den Fall der Mauer haben wir erst einen Tag später begriffen«, sagt Heinz-Joachim Winter. Anfang Dezember 1989 fuhr er mit seinem Trabi zum ersten Mal mit seiner Frau Regina in den Westen.

Die Unzufriedenheit und den Frust der Ostdeutschen nach der Wende oder auch heute noch, kann Winter in Teilen nachvollziehen. »Das war für uns alle doch ein riesiger Umbruch.« Viele fühlten sich auch ihrer Lebensleistung beraubt, weil ihre jahrelange Arbeit auf einmal nicht mehr viel zählte. Auch Winter musste sich umorientieren – 1992 war der VEB Lederwaren Geschichte, der Bornholter verließ Schwerin schweren Herzens und heuerte bei der Firma Amigo in Bielefeld an.

Kommentar

Nein, es geht Heinz-Joachim Winter nicht um Ostalgie und Verklärung der DDR. Aber er möchte einen anderen Blick auf das Leben in dem Staat werfen, in dem er aufwuchs, seine Liebe fand und seine Söhne geboren wurden. Er und seine Familie hatten ein gutes Leben in der DDR und dies darf auch so gesagt werden, ohne dass man die Nase rümpft. Oft wird das Leben in der DDR einseitig gesehen. Es ist aber wichtig, gerade in diesen Tagen den ehemaligen DDR-Bürgern Gehör zu schenken und so auch deren Probleme und Sichtweisen zu verstehen.Andreas Berenbrinker

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