Seit zwölf Jahren treffen sich Behinderte und nicht Behinderte im Gemeindehaus der Erlöserkirche in Verl.
»Intis« wollen keine Extrawurst

Verl (WB). »Eigentlich sind wir inklusiv«, sagt Jutta Witte-Vormittag. Doch den Namen will jetzt niemand mehr ändern. Und deshalb heißt der regelmäßige Treff von behinderten und nicht behinderten Menschen im evangelischen Gemeindehaus an der Erlöserkirche Integrative Gruppe oder kurz: die »Intis«.

Donnerstag, 03.10.2019, 07:00 Uhr
Die Inti-Gruppe trifft sich in den Räumen des Gemeindehauses an der Paul-Gerhard-Straße. Weil die Gruppenräume in der ersten Etage liegen, können Geh- und Schwerstbehinderte nicht mitmachen. Alle anderen sind jedoch willkommen. Das Gruppenbild entstand beim Sommerfest in diesem Jahr. Foto: Matthias Kleemann

 

Bei all den integrativen und inklusiven Angeboten, die es mittlerweile gibt, klingt das zunächst recht unspektakulär. Tatsächlich jedoch ist die Integrative Gruppe ein Alleinstellungsmerkmal der Evangelischen Kirchengemeinde Verl.

Von den rund 45 Mitgliedern der Gruppe kommen etwa 10 aus Verl. »15 kommen aus Bielefeld, der Rest aus den anderen umliegenden Kommunen: Gütersloh, Rietberg, Schloß Holte-Stukenbrock«, sagt Jutta Witte-Vormittag. Ergeben habe sich das im Laufe der Jahre, auch dadurch, dass ehemalige Verler Mitglieder inzwischen woanders leben.

Einmal im Jahr treffen sich die Gruppenmitglieder zum Sommerfest. Am Grill steht Mitarbeiter Dominik Honke, links neben ihm Mara Prehn, rechts weitere Gruppenmitglieder.

Einmal im Jahr treffen sich die Gruppenmitglieder zum Sommerfest. Am Grill steht Mitarbeiter Dominik Honke, links neben ihm Mara Prehn, rechts weitere Gruppenmitglieder. Foto: Matthias Kleemann

Das Besondere: Es ist kein professionell organisiertes Betreuungsangebot für behinderte Menschen mit eigens ausgebildeten und geschulten Mitarbeitern, sondern einfach nur ein Treff, der nichts anderes ist, als die anderen Angebote eines Jugendhauses: Man kommt zusammen, um zu spielen und zu quatschen. Alles, was es in den Räumen an der Erlöserkirche gibt, kann genutzt werden: Kicker, Billard, Gesellschaftsspiele, wie Mensch ärgere dich nicht oder Schach. »Wir haben mal große Spielfiguren angeschafft, die von Spastikern besser gegriffen werden können, oder Kartenhalter für Kartenspiele«, sagt Jutta Witte-Vormittag.

Einfach klönen

Zusätzlich gibt es meistens ein Angebot wie Basteln, Kochen, Töpfern, oder eine Aktion, wie Karaoke. »Wer dazu keine Lust hat, wird nicht gezwungen. Dann sitzen welche in Grüppchen beieinander und unterhalten sich«, so Witte-Vormittag. Alle 14 Tage findet der Treff statt. Meist kommen etwa 35 Personen, davon 10 bis 15 ehrenamtliche Mitarbeiter. Und einmal im Jahr gibt es eine Sommerfreizeit.

Entstanden ist das Ganze, weil vor zwölf Jahren einige Mütter von behinderten Kindern auf Jutta Witte-Vormittag zukamen und fragten, ob sie nicht auch ein Angebot für solche Menschen machen könnte. »Ich habe mir das damals nicht zugetraut«, sagt sie offen. Bestärkt worden sei sie von ihren Sohn Jan Simon, der soziale Arbeit studiert hatte und in der Jugendarbeit ehrenamtlich half. »Der hat gesagt: ›Das machen wir.‹ Damit hat er alle mitgezogen. Wir haben zu einem Informationsabend eingeladen und Werbung gemacht.«

2007 war das. Anfangs kamen fünf bis sechs Jugendliche. Entscheidend war eine Grenze, die gezogen wurde: Keine Schwerstbehinderten und niemand mit Gehbehinderung. »Unsere Jugendräume liegen nämlich in der ersten Etage.« Und so besteht die Gruppe aus Spastikern, Autisten und Lernbehinderten sowie Menschen mit Down-Syndrom auf der einen Seite und den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Gemeinde auf der anderen Seite. Andere Jugendliche konnten nie zum Mitmachen bewegt werden. »Das haben wir dann schnell aufgegeben«, sagt Jutta Witte-Vormittag.

Heute bin ich froh, dass wir das gemacht haben.

Jutta Witte-Vormittag

»Heute bin ich froh, dass wir das gemacht haben«, sagt sie. Die Gruppe lebe von der Normalität und der Herzlichkeit. »Wie macht ihr das?«, habe eine Mutter sie mal gefragt. Sie war Zeugin geworden, wie ihre Tochter, eine Autistin, Jutta Witte-Vormittag beinahe selbstverständlich in den Arm genommen hat, wo doch Berührungen jeglicher Art bei Autisten äußerst heikel sind. Ihre Antwort: »Ich weiß es nicht.«

Fakt ist jedoch, dass die Behinderten selbst sich vor allem Normalität wünschen. »Die wollen keine Sonderbehandlung.« Das wird bei den Sommerfreizeiten deutlich. »Da ist ein Spastiker, der kann nur eine Hand benutzen. Aber niemand darf ihm sein Butterbrot schmieren. Er hat die Hilfsmittel, mit denen er das selbst schafft, und das macht er dann auch.«

Normalität

Normalität gibt's auch in Erziehungsfragen. »Einer von den Downies hat es nie geschafft, morgens rechtzeitig aufzustehen. Da haben wir nach ein paar Tagen einfach immer das Frühstück weggeräumt, wenn er endlich kam.« Also nichts anderes, was man auch bei jedem anderen Kind machen würde. »Es hat noch mal ein paar Tage gedauert, dann hatte er es begriffen.«

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