Literaturkurs des Gymnasiums führt »Andorra« auf – Publikum ist begeistert
Starkes Stück, starke Darsteller

Verl (WB). Wenn man am Montag nicht heiser vom Feiern, sondern vom Theater spielen ist, kann es ja eigentlich nur ein gelungenes Wochenende gewesen sein. Der Literaturkurs der Q1 des Gymnasiums hatte sich viele Monate auf den vergangenen Sonntagabend vorbereitet.

Mittwoch, 03.07.2019, 07:45 Uhr aktualisiert: 03.07.2019, 08:00 Uhr
Lukas Peters als Andri (links) muss über lange Passagen seiner inneren Zerrissenheit Luft machen und sie geradezu hinausschreien. Hier verzweifelt gerade nach dem Gespräch mit Pater Benedikt (Vincent Köckerling). Foto: Jan-Hermann Ruthmann

In der Aula des Pädagogischen Zentrums führten die Schüler das Drama »Andorra« von Max Frisch auf und begeisterten das Publikum mit dieser meisterhaften Inszenierung.

25 Personen hatten sich unter der Leitung von Kilian Pötting mit dem schweren Stoff beschäftigt. Andri, der Pflegesohn des Lehrers Can, liebt Barblin, die Tochter des Lehrers. Der Lehrer gibt Andri als von ihm gerettetes Judenkind aus, das er vor den »Schwarzen« gerettet habe, einem mächtigen Nachbarvolk der Andorraner, das Juden verfolgt und tötet. In Wirklichkeit ist Andri aber der Sohn des Lehrers aus einer außerehelichen Beziehung mit einer »Schwarzen«, also Barblins Halbbruder und kein Jude.

Antisemitische Vorurteile

Obwohl die Juden in Andorra nicht verfolgt werden, ist die andorranische Gesellschaft durchsetzt von antisemitischen Vorurteilen. Der Tischler, der ihn nur widerwillig und für ein völlig überhöhtes Lehrgeld als Lehrling aufgenommen hat, ist so sehr davon überzeugt, dass Andri als Jude keine handwerklichen Fähigkeiten besitzen kann, dass er den schlechten, vom Gesellen geschreinerten Stuhl Andri anlastet.

Die Geschichte nimmt an Dramatik zu, als sich Andri endlich entschließt, um Barblins Hand anzuhalten. Der Lehrer erlaubt das natürlich nicht, schließlich sind die beiden ja Halbgeschwister. Ein Gespräch mit Pater Benedikt bringt Andri nicht weiter.

Andris Mutter, die »Senora«, kommt nach Andorra, um Andri zu sehen und der Lehrer entschließt sich endlich, den Andorranern Andris Status als sein Sohn zu offenbaren. Der Pater soll Andri diese neue Wahrheit nahe bringen, aber Andri hat Anderssein, sein »Judsein«, inzwischen so sehr verinnerlicht, dass er auch ihm nicht glaubt. Während der Pater mit Andri spricht, wird die Senora auf dem Heimweg erschlagen, der Mord aber sogleich Andri angelastet.

Seinen Höhepunkt erreicht das Drama, als die Schwarzen in Andorra einmarschieren. Auf dem Platz findet eine »Judenschau« statt. Hier kommt ein »Judenschauer«, der Juden an ihrem Gang erkennt und zweifelsfrei enttarnt. Auch Andri wird von ihm erkannt und exekutiert. Der Lehrer erhängt sich daraufhin und Barblin verliert den Verstand. Kein Happy End in Andorra, das übrigens laut Frisch eine fiktive Stadt darstellen soll und nichts mit dem Land Andorra zu tun hat.

Bravourös gespielt

Die Schüler des Literaturkurses spielen so bravourös, dass es eine reine Freude ist. Besonders Lukas Peters als Andri hat einen schweren Part, schließlich muss er über lange Passagen seiner Verzweiflung und inneren Zerrissenheit Luft machen und sie geradezu hinausschreien.

Auch Philipp Peplonski als Tischler überzeugt, als er im Zorn den missratenen Stuhl des Gesellen mit dem Fuß zertritt. In diesem Stück kann man nicht sagen, wer der beste Schauspieler war. »Andorra« verlangt in jeder Szene den jungen Künstlern alles ab. Mit jedem Satz springt das Geschehen in Andorra mehr auf das Publikum über und für die kleinsten Szenen gibt es tosenden Szenenapplaus.

Als um 20.30 Uhr der letzte Satz gesagt ist, ist das Publikum so schockiert und ergriffen von dem traurigen Ende, dass es eine Weile dauert, bis minutenlanger Applaus die Schauspieler auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zurückholt. Sie haben ihn sich redlich verdient.

Ein starkes Stück und noch stärkere Darsteller. Mehr braucht es nicht, um einen wunderbaren Theaterabend zu erleben.

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