Down-Syndrom-Test: Debatte wühlt Nicole Kleinschmidt auf
»Froh, dass ich es nicht wusste«

Verl (WB). »Warum hast Du denn keinen Test gemacht?« Diese Frage hat Nicole Kleinschmidt damals wie ein Schlag getroffen. Da war ihre Tochter Nina neun Jahre alt, als eine Frau ihr diese Frage stellte. Bis heute ist die Verlerin überzeugt: »Ich würde auch heute keinen Test auf das Down-Syndrom machen, bin froh, dass ich es nicht wusste.«

Samstag, 04.05.2019, 07:45 Uhr aktualisiert: 04.05.2019, 07:50 Uhr

Ihre Tochter Nina ist mittlerweile 14 Jahre alt, geht zur Schule, reist gerne. Nicole Kleinschmidt will nichts beschönigen. »Natürlich ist der Förderaufwand groß, und vieles geht einfach langsam voran.« Aber Nina sei eine Bereicherung mit ihrer Freude an den kleinen Dingen. »Ein Kind mit Down-Syndrom verändert den Blickwinkel, macht einen offen für Momente der Einfachheit.«

Seit der Bundestag im April darüber gesprochen hat, ob Krankenkassen die Kosten für einen Bluttest übernehmen sollen, der auch das Down-Syndrom beinhaltet, wühlt diese Frage Nicole Kleinschmidt auf. Sie lässt sie nicht mehr los. »Wenn Kassen tatsächlich diesen Bluttest übernehmen, rechne ich mit einer Abtreibungsquote bei Verdacht auf Down-Syndrom von 100 Prozent«, sagt sie klar. Ein Tropfen Blut entscheide über Sein oder Nichtsein. Ein Blick nach Dänemark zeigt, dass Kleinschmidt Recht haben könnte. Seit dort allen Frauen der Test angeboten wird, entscheiden sich mehr als 95 Prozent bei einem positiven Ergebnis für eine Abtreibung. Fast alle Frauen lassen ihn in Dänemark durchführen.

Für den Test, der seit 2012 angeboten wird, müssen Eltern in Deutschland aktuell privat zahlen. Andere Methoden wie eine Fruchtwasseruntersuchung werden übernommen. Sie bergen aber ein hohes Risiko, eine Fehl- oder Frühgeburt zu bekommen.

»Ich hätte nicht vor der Entscheidung stehen wollen, nach einem positiven Test«, sagt Nicole Kleinschmidt. Was passiert, wenn der Test von den Krankenkassen übernommen wird, ist für sie eindeutig. »Der gesellschaftliche Druck auf werdende Mütter wird enorm hoch. Denn was passiert, wenn sich Eltern trotz Test für das Kind entscheiden?« Dann heiße es sicher schnell im Umfeld »selber schuld« – natürlich hinter vorgehaltener Hand. »Wenn jemand den Test nicht macht und ein Baby zur Welt bringt mit Down-Syndrom, kommt schnell der Satz ›Hättest ja den Test machen können, dann wäre das nicht passiert‹«, vermutet Kleinschmidt. Der Rechtfertigungsdruck werde durch eine Kostenübernahme riesig. Und Anderssein und Vielfalt verschwänden aus der Gesellschaft.

Die Kleinschmidts selbst haben relativ spät erfahren, dass ihre Tochter Nina ein Down-Kind ist. »Das wurde erst nach einigen Monaten festgestellt, weil sie sich nicht altersgerecht entwickelte«, erzählt die Verlerin. Alle Untersuchungen in der Schwangerschaft seien unauffällig gewesen.

Am Ende entscheidet nicht der Bundestag über die Kostenübernahme. Auch wenn sich eine Mehrheit dafür ausgesprochen hat. Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Kassen und Krankenhäusern muss beschließen, ob der Bluttest eine reguläre Kassenleistung wird. Er tendierte im März für eine Übernahme der Kosten bei Risikoschwangerschaften. Ein abschließendes Votum soll im Spätsommer fallen. Bis dahin hofft Nicole Kleinschmidt: »Ich wünsche mir, dass am Ende nicht nur Inklusion gepredigt, sondern auch gelebt wird – ohne diesen Test als Standardleistung.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6584909?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516081%2F
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Sie trafen sich schon vor dem Paderborner Arbeitsgericht: Przondzionos Anwalt Dr. André Soldner (links) und der Sportrechtsexperte Professor Christoph Schickhardt. Foto: Oliver Schwabe
Nachrichten-Ticker