Adolph-Kolping-Kindergarten ist seit fünf Wochen spielzeugfrei
Es geht auch ohne

Verl (WB). Heute beginnt die Fastenzeit. Rund sieben Wochen, genauer gesagt 40 Tage lang, verzichten viele Christen auf Süßigkeiten, Alkohol und andere Genüsse. Die Kinder im Adolph-Kolping-Kindergarten am Roggenkamp verzichten in diesem Jahr erstmals auf ihr Spielzeug. Rund drei Monate läuft das Projekt »Spielzeugfreier Kindergarten« und die Bilanz nach rund fünf Wochen ist durchweg positiv.

Mittwoch, 06.03.2019, 07:45 Uhr aktualisiert: 06.03.2019, 07:50 Uhr
Ein Flugzeug aus Tisch, Stühlen und Decken und auch in leeren Schränken lässt sich’s fantastisch spielen.

Zugegeben, im Gruppenraum der Eulenkinder geht es etwas unkonventionell zu. Unter und auf den Tischen wird gefrühstückt, gegenüber ein Handstand an der Treppe ausprobiert. Einige Kinder bauen aus Stühlen und einer großen Decke eine Höhle. »Ich bin auch schon mal in den Raum gekommen und das Licht war aus«, schmunzelt Stefanie Sendermann.

Kinder komemn zu sich

Die Erzieherin gehört neben Einrichtungsleiterin Marietta Arens, Melanie Crespo und Ann-Kathrin Hartmann zum Projektteam »Spielzeugfreier Kindergarten«. Auch für sie war die spielzeugfreie Zeit eine neue Herausforderung. »Wir haben uns im Vorfeld Unterstützung bei der Fachstelle für Suchtvorbeugung in Gütersloh geholt«, erklärt Arens. Mit Lars Riemann habe man erste Eckdaten zum Projekt abgestimmt, eine Hospitation im Varenseller Kindergarten, der bereits seit Jahren spielzeugfreie Zeiten anbietet, überzeugte das Projektteam vollends. »Eine Überhäufung mit Spielzeug, Konsumgütern und Freizeitangeboten kann dazu führen, dass Kinder wenig Gelegenheit haben, ›zu sich zu kommen‹, ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren und Ideen und Fantasie zu entwickeln.«

Was so pathetisch im Flyer des Kindergartens zur Projektzeit steht, hat sich bereits nach kurzer Zeit bewahrheitet. »Wir haben sehr schnell die Erfahrung gemacht, dass sich eine Eigendynamik entwickelt«, stimmt Sendermann zu. Kinder, die zuvor im Kindergartenalltag eine bestimmende Rolle übernahmen, wechselten nun in eine Beobachterrolle. Wiederum andere erlebten durch die vertauschten Rollen einen regelrechten Schub und trauten sich Dinge zu, die vorher unvorstellbar waren.

Nur anfangs etwas Skepsis

Überhaupt, so Arens weiter, sei nur ganz am Anfang Überzeugungsarbeit notwendig gewesen. Bei dem mit Riemann gemeinsam veranstalteten Elternabend seien aber schnell auch die skeptischen Eltern überzeugt worden. Und einige, zu Beginn eher skeptische Kolleginnen, hätten schon am Anfang der spielzeugfreien Zeit gemerkt, wie positiv sich das Projekt auf die Kinder in den Gruppen auswirkt. »Das Feedback in der täglichen Arbeit, auch von den Eltern, hat uns schnell gezeigt, dass es richtig war, das Projekt umzusetzen«, sagt Arens. Und zur Dauer von drei Monaten sagt sie, die Dinge brauchten Zeit, neue Beziehungen ließen sich nicht von heute auf morgen aufbauen.

Natürlich, da ist Arens ehrlich, gebe es durchaus Momente, wo mal »die Luft raus« sei. Dann aber sei es wichtig, dran zu bleiben. Am Ende ergeben sich daraus neue Spielideen.

Pläne für die Herausgabe der Spielsachen nach dieser Zeit habe man indes noch nicht. Die Erfahrung aus Varensell zeige aber, dass die Kinder, auch hier entscheiden sie, meist nur einen Bruchteil davon zurück möchten.

Ein Kommentar von Alexandra Wittke

Die Begeisterung steckt an. Nach Lesen des Flyers und der Verknüpfung mit der Suchtberatung zunächst skeptisch, schildert das Projektteam eindrucksvoll alltägliche Situationen aus den Gruppen. Das Frühstück auf den Tischen etwa, oder der Bau von Höhlen. Kindheitserinnerungen werden wach, unbeschwerte Sommertage am Bach, mit den Füßen im Wasser. Mama wusste nicht wo wir waren, Handys gab es in den 80ern ja noch nicht, aber wir wussten, dass Feierabend war, wenn die Sonne unterging. Ein Stück weit heile Welt vor einer gefühlten Ewigkeit. Dabei ist es doch so einfach. Handy aus, den Laptop zugeklappt und nur noch auf das Wesentliche konzentrieren. Mit den Kindern raus, aus Stöcken Pfeil und Bogen bauen und »Fünfe grade sein lassen« – eine herrliche Vorstellung! Worauf also warten? Was die Kindergartenkinder drei Monate schaffen, können Erwachsene doch wohl 40 Tage, oder?

 

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