Pfarrer Karl-Josef Auris gewährt zu Heiligabend einen Blick hinter die Kulissen So entsteht die Weihnachtspredigt

Verl (WB). Für manche ist es die einzige Predigt, der sie im gesamten Jahr lauschen, für andere eine von vielen. Trotzdem ist sie etwas besonderes: die Weihnachtspredigt an Heiligabend. Pfarrer Karl-Josef Auris hat sich über die Schulter schauen lassen beim Vorbereiten der Predigt.

Von Kerstin Eigendorf
Zuletzt Windeln, diesmal Hirten: Pfarrer Karl-Josef Auris pickt sich immer ein Element der Weihnachtsgeschichte heraus und spricht in seiner Predigt darüber. Im vergangenen Jahr sind es die Windeln Jesu Christi, diesmal geht es um Hirten.
Zuletzt Windeln, diesmal Hirten: Pfarrer Karl-Josef Auris pickt sich immer ein Element der Weihnachtsgeschichte heraus und spricht in seiner Predigt darüber. Im vergangenen Jahr sind es die Windeln Jesu Christi, diesmal geht es um Hirten. Foto: Mike-Dennis Müller

Pfarrer schreibt 27. Weihnachtspredigt

Es ist das 27. Mal, dass sich Auris eine Predigt ausdenkt, die sich um das zweite Kapitel des Lukas-Evangeliums dreht. Denn das bildet die Grundlage der Messe am 24. Dezember. »Das heißt aber nicht, dass die Weihnachtsgeschichte langweilig wird, weil die Textgrundlage immer dieselbe ist. Im Gegenteil: Ich suche mir immer ein spannendes Element aus, über das ich in der Predigt spreche«, erzählt der Leiter des Pastoralen Raumes Verl und Schloß-Holte Stukenbrock.

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Viele werden sich gefragt haben: Was will der uns über Windeln erzählen.

Karl-Josef Auris

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Im vergangenen Jahr überrascht er die knapp 500 Menschen an Heiligabend in der St.-Anna-Kirche Verl mit einem Thema, das wohl eher wenige mit einem Geistlichen in Verbindung bringen. »Ich habe über Windeln gesprochen«, erinnert sich Auris und gibt zu, dass er auf den Überraschungseffekt gesetzt hat. »Viele werden sich gefragt haben: Was will der uns über Windeln erzählen«, sagt er und fügt grinsend hinzu: »Ich muss ja gegen die Komamöglichkeit des Weihnachtsbratens anpredigen.« Die Windeln helfen ihm zu zeigen, dass »Jesus kein Supermensch war, sondern genauso begrenzt war wie wir auch«. Oder theologischer ausgedrückt: »Gott nimmt in Jesus den Tod in sich auf, um ihm die Macht zu nehmen.«

Pfarrer hält die Predigt frei

Die diesjährige Weihnachtspredigt ist fertig und schlummert als Datei auf Auris’ Rechner. Er wird sie aber nicht ablesen. Der geschriebene Text dient nur als Konzept. »Vor der Messe lese ich mir alles noch einmal durch, halte die Predigt aber frei.« Die Kanzel ist nicht seins. »Ich möchte nicht von oben herab sprechen, werde wohl vorne bei den Menschen auf der ersten Treppenstufe stehen«, betont der 54-jährige Pfarrer.

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Diesmal werde ich über Hirten sprechen.

Karl-Josef Auris

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Ein bisschen Geheimnis muss die Predigt bis Heiligabend umgeben. Doch er verrät: »Diesmal werde ich über Hirten sprechen.« Warum gibt es Hirten in der Weihnachtsgeschichte, lautet die Frage. Doch so theoretisch-analytisch bleibt es nicht. Hirten spielen für Auris gerade im Gemeindeleben eine Rolle. »Besonders im Prozess um den neuen Pastoralen Raum gibt es Veränderungen. Da brauche ich Hirten, die Glauben leben und für andere da sind – und zwar nicht nur bezahlte Hirten.«

Pfarrer will nicht akademisch daherkommen

Das ganze Jahr über hat sich Pfarrer Auris mit dem Motiv des Hirten beschäftigt, immer wieder Texte dazu gelesen. Eines hat sich ihm eingebrannt: »Bis ins 19. Jahrhundert war es Hirten in Thüringen nicht erlaubt, in den Orten zu wohnen. Sie mussten draußen leben.« Solche Details runden seine Predigt ab. Doch er will nicht akademisch daherkommen. »Ich muss nicht sieben Mal Descartes und Kant zitieren«, sagt er. Sein Anspruch an eine gute Predigt sei, dass der Geistliche das, was er sagen wolle, in seinen eigenen Worten formulieren können müsse. »Das soll ja keine Vorlesung sein.«

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Es ist natürlich nicht verboten, Gesellschaftspolitisches einzubauen.

Karl-Josef Auris

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Im Mittelpunkt der Predigt steht der Bibeltext. »Es ist natürlich nicht verboten, Gesellschaftspolitisches einzubauen«, betont der Pfarrer. So mache er an Wahlsonntagen die Demokratie zum Thema oder an Schützenfest-Tagen schon einmal das Thema Heimat. »Aber an Weihnachten geht es einmal mehr um die Auslegung des Bibeltextes.« Er wolle zeigen: »Es ist Literatur.« Keine Reportage, keine Fiktion. »Christus von Nazareth ist eine historische Persönlichkeit und Lukas komponiert als Literat die Geburt Jesu durch die Weihnachtsgeschichte.«

Zahl der Kirchgänger an Heiligabend wird geringer

Auch wenn die Zahl der Kirchgänger an Heiligabend »schleichend geringer geworden« sei, rechnet er um 22 Uhr an Heiligabend mit knapp 500 Besuchern und am 1. Weihnachtstag um 7.30 Uhr in der Hirtenmesse noch einmal mit etwa 400 Menschen. »Es wird richtig voll«, freut er sich.

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Christus von Nazareth ist eine historische Persönlichkeit und Lukas komponiert als Literat die Geburt Jesu durch die Weihnachtsgeschichte.

Karl-Josef Auris

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Und wer glaubt, Pfarrer Auris denkt nur an die Predigt an Weihnachten 2017, liegt falsch. Das Thema für 2018 kennt er auch schon: Warum war in der Herberge eigentlich kein Platz? Mit einem Augenzwinkern verrät er schon jetzt so viel: »Das lag nicht nur an der Steuerschätzung.«

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