Corona: Dr. Susanne Wiese und Dr. Arno Schäfer mahnen zur Vorsicht und beklagen das Verhalten Einzelner
„Oft sorglos, teils rücksichtlos“

Steinhagen -

Coronatests am laufenden Band, die hohe Nachfrage nach Grippeschutzimpfungen, dazu ohnehin anstehende Patiententermine: Allgemeinmediziner arbeiten derzeit am Limit. Die Steinhagener Hausärzte Dr. Susanne Wiese und Dr. Arno Schäfer geben mit ihrem Praxisteam ihr Möglichstes – und ärgern sich über einige wenige uneinsichtige Patienten.

Freitag, 06.11.2020, 20:21 Uhr aktualisiert: 06.11.2020, 20:24 Uhr
Sabine Springer, Natalie Feuchtinger, Simone Kieskämper, Kerstin Lepper, Claudia Kersting, Dr. Susanne Wiese und Dr. Arno Schäfer (von links) am Tresen der Hausarztpraxis am Marktplatz. Auf dem Foto fehlen die Kollegen Susanne Schmiedeke, Clemens Schumacher und Laura Leismann. Foto: Volker Hagemann

 

Beide mahnen eindringlich, sich an die „AHA-Regel“ zu halten: Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske (Mund-Nasen-Bedeckung) tragen. „Obwohl diese einfachen Regeln momentan das einzige Bollwerk gegen das Virus sind, hält sich noch immer nicht jeder daran“, beklagt Dr. Arno Schäfer. „Da erwarte ich eine viel größere Disziplin!“ Er und seine Kollegin Dr. Susanne Wiese betonen, dass der überwiegende Teil ihrer Patienten sich aber „sehr coronakonform“ verhalte.

„Dennoch gibt es zunehmend Menschen, die uneinsichtig, auch unverschämt oder übergriffig werden“, berichtet Schäfer. Das reiche vom Herunterziehen der Maske beim Gespräch am Tresen bis hin zu regelrechter Dreistigkeit: „Es kam schon vor, dass sich jemand an wartenden Patienten vorbei drängelte, über den Beratungstresen beugte und, höflich von uns darauf angesprochen, auch noch ausfallend wurde“, erinnert sich Dr. Susanne Wiese.

Arno Schäfer denkt zurück: „In drei Jahren habe ich nur einmal jemanden des Hauses verweisen müssen – in den vergangenen zehn Tagen musste ich das gezwungenermaßen schon viermal tun.“ Es sei ja im Kleinen wie im Großen, vergleicht er: „Man kann sich vorstellen, welche Folgen unvorsichtiges Verhalten im größeren Rahmen hat, wenn etwa Gruppen ohne Abstand oder Maske zusammen feiern.“

„Es ist für unser achtköpfiges Team schon schwierig genug. Da sind wir sehr stolz auf unsere Mitarbeiterinnen, die mehr Arbeit und mehr Stress als sonst aushalten“, betont Susanne Wiese. Sie appelliert an das Verständnis ihrer Patienten: „Die Rezept-Hotline sollte man auch dafür nutzen, schließlich haben wir täglich etwa 40 Rezept-Anforderungen.“

Andersherum fürchtet sie, dass mancher Patient mit einem möglicherweise gesundheitlich dringenden Anliegen aus falscher Zurückhaltung oder aus Angst vor einer Infektion den Weg zum Hausarzt scheut; das sei zum Glück nicht nötig. „Doch man sollte sich möglichst kurz fassen“, bittet Wiese: „Denn wir absolvieren neben den sonstigen Terminen täglich 20 Abstriche in Vollmontur, das kostet Zeit und Kraft.“

Darüber hinaus würden verstärkt Grippeschutzimpfungen nachgefragt. „Etwa 1000 Patienten haben wir in dieser Saison bereits geimpft“, berichtet Dr. Susanne Wiese. Die georderte Menge an Dosen sei doppelt so hoch wie im Vorjahr. „Ein begrenztes Kontingent haben wir noch, haben aber bereits nachgeordert.“

Was die Corona-Testungen draußen betrifft, ist Dr. Arno Schäfer froh über die baulichen Voraussetzungen im noch jungen Ärztehaus: „Das klappt mit den bodentiefen Fenstern bislang ganz gut. Zumindest bei den bisher milden Temperaturen.“ Doch er zitiert den Spruch aus der TV-Reihe „Game of thrones“: „Winter is coming – der Winter naht. Und den kommenden Winter überstehen wir nur gemeinsam.“ Das sei keine Panikmache, sondern auf besorgniserregende Zahlen gestützt: „Allein von Donnerstag auf Freitag sind deutschlandweit rund 400 Corona-Patienten auf die Intensivstation gekommen. Dennoch haben viele Menschen noch immer nicht begriffen, dass unser Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt.“

Ihr eigenes Team sei glücklicherweise gesund durch die vergangenen Monate gekommen, berichten Dr. Arno Schäfer und Dr. Susanne Wiese. „Alle Mitarbeiter arbeiten zeitweise an und über der Belastungsgrenze. Und, um ehrlich zu sein: Wir haben auch Angst“, geben die beiden Hausärzte zu. „Denn das Risiko, sich zu infizieren, ist enorm.“

Und sie nennen weitere Zahlen: „Am Freitag war der erste Tag mit über 20.000 Corona-Neuinfektionen in ganz Deutschland. Als die Bundeskanzlerin 19.600 für Weihnachten prognostizierte, wurde sie ausgelacht. Wir sehen also die massive Fehleinschätzung in breiten Teilen der Politik und Bevölkerung. Doch wenn die jetzige Welle nicht abebbt, wissen wir nicht, wie es weitergeht.“ Die beiden Mediziner beklagen bei alldem: „Hausärzte sind nun mal die erste Front. Sie werden in der Diskussion um Alten- und Pflegeheime und Kliniken mit Pflegepersonal oft vergessen.

 

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