Musikkabarettist Matthias Ningel zu Gast bei den Steinhagener Kulturtagen
»Neofluxus« vom Meister der Schlusspointe

»Damit komme ich gut durch den November«, sagt der vielfach preisgekrönte Kabarettist, als ihm Bürgermeister Klaus Besser nach dem Auftritt eine Originalkruke mit Steinhäger Urbrannt überreicht. Die im Programmtitel gestellte Frage »Kann man davon leben?« wird coronabedingt wohl durch »wie lange noch?« ergänzt werden müssen. Matthias Ningel geht davon aus, dass der Auftritt in Steinhagen sein letzter in diesem Jahr war.

Sonntag, 01.11.2020, 20:13 Uhr aktualisiert: 01.11.2020, 20:34 Uhr
Matthias Ningel ist ein mehrfach ausgezeichneter Liedermacher und Humorist mit philosophischen Ansätzen und scharfer Beobachtungsgabe. Foto: Johannes Gerhards

Ein gutes Näschen und den richtiger Riecher haben dagegen die Organisatoren der Steinhagener Kulturtage bewiesen. Weil der kulturelle Lockdown erst ab Anfang der Woche gilt, können die Veranstaltungen noch über die Bühne gehen.

150 Gäste in der Aula des Steinhagener Schulzentrums nehmen dankbar noch einmal die Gelegenheit wahr, sich vor der angesagten Durststrecke mit musikalisch unterlegter philosophischer Kabarettkunst einzudecken. Neofluxus nennt Matthias Ningel seine Kunstform, die immer wieder mit überraschenden Schlusspointen aufwartet.

Am Piano bringt er weit mehr hervor als der von ihm besungene selbsternannte Profi, der sich vor allem darin gefällt, „Hänschen klein“ auf dem Steinway Flügel zu intonieren. Schließlich hat der 1989 geborene Musikkabarettist bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Klavierspiel begonnen und 2013 ein Schulmusikstudium in den Fächern Schlagzeug und Piano mit Auszeichnung abgeschlossen.

Als Trends der Zeit hat er vollautomatische Kaffeemaschinen und Beißschienen ausgemacht. Während man erstere nur nach einem Einführungsseminar mit einer Jungfernröstung in Betrieb nehmen kann, verzeichnen letztere derzeit Steigerungszahlen, die ansonsten nur dem Corona-Virus vorbehalten sind. Als Grund führt Matthias Ningel die zunehmende Verbissenheit in der Gesellschaft und die in der Arbeitswelt erforderliche Durchbeißermentalität an.

Helfen könnte hier ein Yogakurs unter dem Motto »Work hard, shut up and stay strong«, wie er als »Bester« in dieser Disziplin herausgefunden hat. Als aus der Eifel stammend bevorzugt er ansonsten die Entspannung im Wald, vor allem bei der Treibjagd.

Nun dreht er in seiner Version den Spieß um und lässt die Vertreter der heimischen Fauna genüsslich auf »lustige Menschenjagd« gehen. Überkonsum und Völlerei werden am »All you can eat-Buffet« aufs Korn genommen, weil auch 30 Tortensorten nicht beim Leben, sondern eher beim Sterben helfen.

Als besonderes Glückserlebnis stellt Matthias Ningel einen Kirmesbesuch im »Epizentrum des Frohsinns« vor, wo die Produkte entweder aus Plastik, Zucker oder einer Kombination von beiden bestehen und die vom Kreislauf und von übergewichtigen Kindern ausgelaugten Ponys nicht vor die Apotheke sondern dem Alleinunterhalter in den Nacken kotzen.

Ein Muttersöhnchen, das Mama vor allem als analoge Rundum-App nutzt, bekommt ebenso sein Fett weg, wie enttäuschte deutsche Touristen beim Whalewatching, denen der Grindwal nicht reicht. Es muss mindestens ein Killerwal sein.

Große Bewunderung hegt Matthias Ningel für Menschen mit hohem Allgemeinwissen, weil diese beim »Strip-Trivial Pursuit« immer noch ihre Kleidung am Leib haben, während der Rest bereits nackt ist. In »Du berührst mein Herz« schildert er süffisant die Ereignisse eines Lebensmüden, der unentwegt Suizidversuche unternimmt, um der geliebten Frau vom Roten Kreuz zu begegnen. Der Schlager über Freundin Ilona, »Du haust mich um so wie Corona« zieht gewagte Vergleiche und thematisiert nur am Rande und des Reims wegen die aktuelle Lage.

Nach mehreren Zugaben dürfen die Zuhörer noch Beethovens Neunte mitsummen – als Signal von Hoffnung und Zuversicht für den kommenden trüben November.

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