Pfarrer Matthias Storck berichtet über seine Zeit im DDR-Gefängnis
Abendmahl im Verhörraum

Steinhagen-Brockhagen  (WB). Wenn heute Menschen auf die Straße gehen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, dann kann Matthias Storck sie bis zu einem gewissen Grad verstehen. „Sich plötzlich an lauter Dinge halten zu müssen, die man sich nicht erklären kann, das kenne ich nur zu gut, was aber nicht heißt, das es in diesem Fall sinnlos ist“, sagte der evangelische Pfarrer am Dienstagabend bei einer Lesung in der St. Georgskirche in Brockhagen.

Donnerstag, 15.10.2020, 04:09 Uhr
Pfarrer und Autor Matthias Storck berichtete bei einer Lesung aus seinem Buch „Karierte Wolken“ in der St. Georgskirche über seine DDR-Vergangenheit. Zehn Jahre hat er als Verfolgter des Regimes im Gefängnis verbracht. Foto: Kerstin Panhorst

Der 64-Jährige weiß, wie es sich anfühlt in der eigenen Freiheit beschnitten zu werden. Er ist in der damaligen DDR aufgewachsen, als Kind eines Pfarrers und durfte noch nicht einmal das Abitur machen, weil er die Jugendweihe verweigerte. 1978 wurden er und seine spätere Frau wegen ihres Engagements gegen den Wehrkundeunterricht in der DDR unter dem Vorwurf des geplanten „ungesetzlichen Grenzübertritts“ verhaftet.

Matthias Storck berichtete nun als Gast beim Abendkreis der Ev. Kirchengemeinde Brockhagen vor 30 Besuchern in der St. Georgskirche von seinem Leben als Verfolgter eines diktatorischen Regimes.

Von einem Freund verraten

Storck wurde von einem Freund, dem Pfarrer Frank Rudolph, einem Stasi IM, verraten. Nach 14 Monaten Haft kaufte ihn die Bundesrepublik Deutschland frei. Daraufhin siedelte er nach Münster über und beendete sein Theologiestudium.

Nach 18 Jahren in Kirchlengern wurde er 2006 Pfarrer in Herford. Nach einem Burnout und Depressionen gab er im Oktober 2019 seine Stelle dort auf. Kurz vor dem Corona-Lockdown nahm er einen Beschäftigungsauftrag im Kirchenkreis Halle an und begann seine berufliche Wiedereingliederung mit einer Andacht zum Weltgebetstag der Frauen in Brockhagen.

Genau dort berichtete er nun von seiner Zeit im Gefängnis, die er auch in seinem autobiographischen Buch „Karierte Wolken“ verarbeitet hat. Zehn Monate dauerte die Untersuchungshaft in Berlin-Pankow. Material um ihn festzuhalten besaß die Staatssicherheit genug: „Ich hatte schon in der 10. Klasse eine Stasi-Akte“.

Der Glaube gab Halt

Alles, was er noch in seiner Zelle dabei hatte, war ein Neues Testament, der Glaube und Gottes Wort hielten ihn bei Verstand.

Als sein Vater ihn das erste Mal im Gefängnis besuchen durfte, feierte er im Verhörraum mit ihm mit Kuchen und Kaffee das Abendmahl. Das Psalmwort „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ bekam für Matthias Storck schon damals eine neue Bedeutung, auch wenn er noch nicht ahnte, das nicht nur der anwesende Staatsmitarbeiter im Dienst der Obrigkeit stand. Sein Vater, der Mann, der ihm beibrachte, wie man sich in einer Diktatur verhält, sich nicht von ihr unterkriegen lässt, entpuppte sich viele Jahre später bei Durchsicht der Stasi-Akten ebenfalls als IM der Stasi.

„Notwahrheit“ heißt der von Storcks Freund Wolf Biermann kreierte Neologismus, der treffend beschreibt, wie sich die Menschen das Leben in der Diktatur einrichten mussten. Aus Angst und Schwäche hatte sich Storcks Vater dazu erpressen lassen andere auszuspionieren, aber dennoch seinen Sohn zum Widerstand ermutigt.

„Erst da habe ich richtig verstanden, was es für eine große Gnade ist, wenn man in einem solchen Staat nicht zum Verräter wird . Das ist das große Geschenk, das mir Gott gemacht hat“, sagt Matthias Storck heute. Seinem Vater hat er inzwischen verziehen: „Vergebung ist das Schwerste und Kostbarste was es gibt.“

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