SPD: Messe in Steinhagen soll Schüler und Firmen zusammenbringen
Mehr Anreize zur Ausbildung erhofft

Steinhagen (WB). Ist die betriebliche Ausbildung immer weniger gefragt? Von den 75 Schülern des Zehner-Jahrgangs 2019/2020 der Steinhagener Realschule entschieden sich nur 22 für eine duale Berufsausbildung – 29 Prozent. Über die Gründe berichteten die Übergangscoaches der Realschule am Dienstag im Sozialausschuss. Gleichzeitig stimmte der Ausschuss mit knapper 9:6-Mehrheit für eine Ausbildungsinitiative, zu der künftig auch eine Ausbildungsmesse in Steinhagen gehören soll. Das hatte bereits im Juni die SPD beantragt.

Donnerstag, 10.09.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 10.09.2020, 05:06 Uhr
Es muss nicht immer gleich ein Studium sein: Handwerkliche Berufe – hier die Ausbildung zum Konditor – gibt es in großer Bandbreite. Das soll Steinhagener Schülern jetzt mit einer Ausbildungsinitiative vor Ort nähergebracht werden. Foto: Deutscher Konditorenbund

Immerhin: Früher entschieden sich nur 5 bis 15 Prozent der Realschul-Abgänger für eine Berufsausbildung; seit es seit 2014 an der Schule das Übergangscoaching gibt, ist der Anteil gestiegen. Geht es nach den Firmen, dürfte das Interesse gerne viel größer sein. Eines von vielen Beispielen ist Elektro Sötebier. Geschäftsführer Klaus Sötebier berichtet, dass es für das neue Ausbildungsjahr nicht eine Bewerbung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik gebe. Viele Firmen berichten Ähnliches.

Übergangscoaches sind weiter gefragt

Woran liegt’s? Schließlich bieten die Übergangscoaches Susanne Austermann und Vera Müncher den Realschülern eine umfassende individuelle Beratung. „Die wird auch gern in Anspruch genommen. Und Praktika und Praxiskurse bietet die Schule ohnehin regelmäßig an“, berichten sie. Probleme seien allerdings oft ein größeres Ausbildungsplatzangebot oder auch mangelnde Ausbildungsreife. Und selbst wenn mancher Neuntklässler nach einem Praktikum auf den Geschmack gekommen ist, ist die Sichtweise in der zehnten Klasse oft wieder anders: Abitur und Studium haben offenbar ein höheres Ansehen.

Zwar hat auch Corona für Einschränkungen gesorgt, etwa mit Schulschließungen, doch die Übergangs­coaches blieben erreichbar. Schulsprechstunden mit der Berufsberatung der Arbeitsagentur wurden dagegen im zweiten Schulhalbjahr ausgesetzt, und es gab weder die Berufsfelderkundung noch einen Berufsparcours, Werkstatttage oder Betriebsbesichtigungen. Allerdings berichten Susanne Austermann und Vera Müncher auch: Selbst die Veranstaltungen zur Berufsfelderkundung, die noch stattfinden konnten, erwiesen sich nicht immer als Besuchermagnete. Austermann nennt das Azubi-Speed-Dating im Oktober im OWL Event Center in Halle, wo sich Schüler bei Firmenvertretern ein Bild der jeweiligen Ausbildung machen konnten oder sogar eine Bewerbung abgeben konnten – wenn das denn genutzt worden wäre: „Es kamen leider sehr, sehr wenige Schüler.“

Nicht nur die Verwaltung heranziehen

Die Ausschussmitglieder sind sich einig: Es gilt, Schülern die berufliche Ausbildung schmackhaft zu machen. Das Angebot ist schließlich vorhanden, oft bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt. Ein Streit entzündete sich allerdings an der Vorgehensweise. Die SPD will eine Ausbildungsinitiative ins Leben rufen, ihr Antrag vom Juni wurde lebhaft diskutiert. Nach Wunsch der Sozialdemokraten soll die Gemeindeverwaltung gemeinsam mit Schülern und Übergangscoaches, mit ortsansässigen Unternehmen, Studien- und Berufswahlkoordinatoren der Schulen und Ausschussmitgliedern „die Erarbeitung eines Konzeptes für eine Ausbildungsinitiative koordinieren“.

Als einen Baustein dafür soll es eine Ausbildungsmesse in Steinhagen geben. Denn das sei ein Schlüssel für größeres Interesse der Schulabgänger und könne Hemmschwellen abbauen: „Es würde einen deutlich kleineren, viel persönlicheren Austausch zwischen Ausbildungsbetrieben und Jugendlichen ermöglichen, als es die bisherigen großen Messen dieser Art bisher bieten – die zudem für kleine Firmen oft so teuer sind, so dass sie gar nicht teilnehmen können“, erklären Ausschussvorsitzende Ina Bolte und ihre SPD-Fraktionskollegin, Bürgermeisterkandidatin Sarah Süß.

Zum Auftakt einen Runden Tisch

An der Formulierung störte sich Silke Wehmeier (FDP): „Die Initiative begrüßen wir, aber das Konzept von der Verwaltung erarbeiten zu lassen, ist der falsche Ansatz – das ist sowas von verwaltungsfern! Mit den richtigen Akteuren geht das auch ohne die Verwaltung.“ Auch Sozialamtsleiterin Birgit Pape gab zu bedenken: „Wir sind zwar sehr kreativ, aber das würde derzeit an unserer Personalnot scheitern.“ CDU-Bürgermeisterkandidat Hans-Heino Bante-Ortega wünscht sich zunächst mehr Zahlen: „Um wie viele mögliche angehende Azubis geht es künftig? Wir sollten erst einmal ein fraktionsübergreifendes Gremium bilden, ich sehe noch Diskussionsbedarf ohne Ende.“ Udo Bolte (SPD) mahnte zu mehr Tempo, erinnerte an Albrecht Pförtners (Gesellschaft pro Wirtschaft) Worte, es sei „fünf nach zwölf“.

Nach Beratung in einer Sitzungspause griff der Ausschuss den Vorschlag von Angelika Fritsch-Tumbusch (Grüne) auf, einen Runden Tisch zugunsten der Ausbildungsinitiative ins Leben zu rufen, und gab für den SPD-Antrag mit neun Ja-Stimmen und sechs CDU-Gegenstimmen grünes Licht. Die Übergangscoaches indes kümmern sich jetzt um die schnellstmögliche Erstberatung des neuen Zehner-Jahrgangs und wollen auch noch ausstehende Betriebspraktika nachholen.

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