Was macht Corona mit Jugendlichen? Stimmungsbild aus Steinhagen
„Bock auf Normalität“

Steinhagen (WB). Über Monate keine Schule, die Clubs und Discos nach wie vor zu, dafür allenthalben Maskenpflicht. Und wer ins Jugendzentrum will, der muss sich anmelden. Spontaneität? Null. Wie geht es den Jugendlichen in Steinhagen? Was macht Corona mit ihnen? Das WESTFALEN-BLATT hat sich im Jugendkeller und im Haus der Jugend Checkpoint umgehört.

Donnerstag, 03.09.2020, 03:00 Uhr
Berichten über Frust und Herausforderungen in der offenen Arbeit im Jugendkeller: (von links) Jugendreferentin Silja Hawerkamp-Bußmann, Auszubildende Arianna Bothfeld und Meike Heinze, hauptamtlich im Keller-Team. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Die Jugendlichen sind genervt: „Die Stimmung ist ambivalent zwischen Verständnis und Verärgerung. Sie haben einerseits Angst, dass jemand krank werden könnte, andererseits müssen sie im Bus, in der Schule, bei der Arbeit Maske tragen“, schildert Silja Hawerkamp-Bußmann, Jugendreferentin der Ev. Kirchengemeinde Steinhagen und für die offene Arbeit im Jugendkeller am Bonhoeffer-Haus zuständig. „Junge Leute haben Bock auf Normalität“, sagt sie. Erst Anfang Juni hat der Jugendkeller wieder aufgemacht unter Auflagen: begrenzte Besucherzahl (sieben plus ein Mitarbeiter), Anmeldung, Maskenpflicht, Getränke nur draußen, keine Speisen – und dann kam der zweite Lockdown im Kreis...

Jugendlichen ging viel verloren in dieser Zeit

Insbesondere die Wochenenden hätten sich sehr verändert, sagt Arianna Bothfeld (23), weil man nicht mehr ausgehe. Und große Veranstaltungen, auf die man sich lange gefreut hätte, fielen weg: Im Falle der Auszubildenden waren es etwa das Kulturevent Japan-Tag in Düsseldorf und die Messe Gamescom. Nichts ist wie sonst. Auch Feiern sind nicht möglich: „Die Kontakte reduzieren sich“, sagt Meike Heinze, hauptamtlich im Kellerteam. Und selbst, wenn man ein Eis essen oder ins Restaurant geht: „Man kann es gar nicht so unbefangen genießen.“

Jugendlichen geht viel verloren in dieser Zeit, das klingt allenthalben durch. Clara Terboven ist ein Beispiel. Ihren 18. Geburtstag konnte die Schülerin nicht feiern – dabei ist er doch ein wichtiger Meilenstein. Die damit verbundenen neuen Rechte konnte sie noch nicht auskosten. Und auch ihr Treffpunkt, der Jugendkeller, ist mit Hürden verbunden: „Man muss sich anmelden. Und den auch den Kellertoast gibt es im Moment nicht. Ich bleibe häufig auch zu Hause“, sagt sie.

Jugendarbeit steht hintenan

Clara Terboven gehört zum ehrenamtlichen Mitarbeiterkreis im Konfi-Team und in der Jungschar­arbeit. „Immer geht es um Schulen, die Jugendarbeit wird hintenangestellt“, sagt sie. Dabei sei es schwierig mit der Konfirmandenarbeit, weil immer wieder neue Regelungen gelten, die frisch aufgestellte Konzepte gleich wieder umstoßen – und alles ist furchtbar starr: „Normalerweise wechselt man in der Betreuung der Gruppen bei der Konfi-Arbeit. Jetzt bleibt man fest bei einer. Das heißt: Ich lerne viele gar nicht kennen“, sagt sie: „Schade, dass alles weggefallen ist, sogar die Freizeiten im Sommer.“ Und so haben die Jungschargruppen auch keinen neuen Zulauf von Kindern, die über die Freizeiten kommen.

Indes freut sich Jugendreferentin Andrea Melzer, dass es überhaupt Lockerungen und auch wieder mehr Resonanz gibt. So berichtet sie etwa vom Kanuausflug des Jugendkreises unlängst, der mit 22 Teilnehmern ausgebucht war. Normalität ist längst nicht erreicht, auch nicht im Gefühlsleben: „Kinder und Jugendliche brauchen Kontakte und Anlaufpunkte. Soziale Kontakte sind enorm wichtig.“

„Ich kriege nicht mehr mit, wie es den Jugendlichen geht“, sagt Silja Hawerkamp-Bußmann. Insbesondere viele jüngere Stammbesucher habe sie noch gar nicht wieder gesehen. Und vertrauensvolle Gespräche ergeben sich eben häufig aus der Situation heraus, müssten persönlich sein.

Checkpoint macht Studie mit

Roland Egert vom Haus der Jugend Checkpoint geht es ähnlich. „Es ist schwierig, die Jugendlichen zu erreichen“, sagt er. Maskenpflicht und Datenerfassung seien Hürden: „Und dabei leben wir ja gerade von der Niedrigschwelligkeit.“ Das Streetworking habe mehr Kontakt derzeit. Denn: „Cliquen treffen sich in privaten Räumen. Das hat etwas Autonomes. Vielleicht entsteht eine neue Jugendkultur.“ Ins Haus aber kommen die „Musikkabinen-Teams“, Jugendliche, die mit dem entsprechenden Equipment des Hauses ihre eigene Musik machen: „Früher waren die Texte oft recht hart. Jetzt geht es mehr in Richtung Ballade.“ Ist das Schwermut? „Nein. Aber wir leben in einer bleiernen Zeit. Auch Jugendliche denken mehr über sich nach“, sagt Roland Egert.

Wie Jugendarbeit in Zeiten von Corona überhaupt und ganz praktisch geht, das beschäftigt ihn derzeit im Rahmen eines Forschungsprojekts der Uni Hamburg mit der Hochschule Düsseldorf. 16 Einrichtungen aus NRW berichten über den „Neustart der offenen Kinder- und Jugendarbeit in der Coronakrise“. „Anfangs im Lockdown haben wir ja überhaupt kapieren müssen, wie wir die Kinder erreichen und was wir mit denen machen, die hier ihr zweites Zuhause haben.“ Spieleverleih, Rallyes, aber auch der Ausbau der digitalen Wege über Whatsapp, die Sozialen Medien und Youtube-Videos waren Antworten. Der Austausch mit Fachkollegen im Rahmen der Studie hilft laut Egert ungemein – und fördert die Kreativität: „Wir haben beispielsweise ein Video aufgenommen, in dem wir Gummitwist erklären. Das hatte über 300 Aufrufe“, so Egert. Trotz der schrittweisen Öffnung und erster Angebote: „Es ist frustrierend, dass man vieles nicht machen kann.“

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