Nach über 50 Jahren: SPD-„Urgestein“ Udo Bolte nimmt Abschied aus dem Gemeinderat
„Politisch nicht ins Schwimmen geraten“

Steinhagen  (WB). Wenn auf jemanden der Begriff „politisches Urgestein“ zutrifft, dann auf Udo Bolte. Seine großen Themen waren über Jahrzehnte der Kampf gegen die A33-Trasse durchs Dorf und die Flurbereinigung. Er war von 1967 bis 2000 SPD-Ortsvereinsvorsitzender, seit 1969 ist er Gemeinderatsmitglied – abgesehen von einer berufsbedingten Pause von 2004 bis 2009. Jetzt nimmt der 77-Jährige Abschied: Bei der Kommunalwahl tritt er nicht wieder an. Über fast 51 Jahre Kommunalpolitik hat WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold mit ihm gesprochen.

Mittwoch, 05.08.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 05.08.2020, 05:04 Uhr
Familienfoto mit Johannes Rau aus Boltes Fotoalbum: Ursula und Udo Bolte mit Tochter Ina im Gespräch mit dem NRW-Landesvater, mit dem sie über die politische Arbeit hinaus auch freundschaftlich verbunden waren. Foto: WB

 

Nach über 50 Jahren in der Kommunalpolitik, wie geht es einem, wenn man aufhört?

Udo Bolte: Ich kann loslassen. Ich bin mit dem, was ich bewirken konnte, zufrieden. Von daher ist da nicht große Wehmut. Es ist einfach ein Lebensabschnitt beendet.

 

Sie sind passionierter Schwimmsportler. Wenn wir das mal mit der Politik zusammenbringen. Hatten sie politisch immer festen Boden unter den Füßen oder sind sie auch mal ins Schwimmen gekommen?

Bolte: Ich bin politisch nicht ins Schwimmen gekommen. Aber ich war, was die große Politik betrifft, auch in Bonn im Hofgarten und habe gegen Mittelstreckenraketen und die Entscheidung von Helmut Schmidt opponiert. Ich war immer ein Teamplayer. Ich war Kapitän der Wasserballmannschaft des SCSA. Und das habe ich auch in der Familie, im Beruf, im Sport so gehandhabt: Teamplayer mit dem Anspruch oder der Selbstverständlichkeit, dass es auch Führung geben muss, aber vor allem Wertschätzung der anderen, Verlässlichkeit, Vertrauen und Offenheit.

 

Sie waren auch lange Fraktionsvorsitzender, Ortsvereinsvorsitzender, viermal Bürgermeisterkandidat der SPD...

Bolte: Der Beruf hat dann den Weg gezeigt. 1993 in der Vorbereitung auf die Kommunalwahl 1994 war ich regionaler Verkaufsleiter und habe mich gefragt: Was machst Du da? Du kandidierst für ein Ehrenamt mit vielleicht 500 D-Mark Aufwandsentschädigung, hast einen Sohn, der ins Studium geht, eine Tochter, die Abitur machen will und eine Frau, die auch Politik ehrenamtlich betreibt. Undenkbar. Wenn 1994 Direktwahl gewesen wäre, hätte ich bei einer Kandidatur gute Chancen gehabt. Ich habe den richtigen Entschluss gefasst, bin ja auch Verkaufsleiter für Deutschland geworden für den Bereich Gebäudetechnik bei KSB.

 

Was waren Ihre größten Erfolge?

Bolte: Das Thema Flurbereinigung war ein großer Erfolg für meine Frau Ursula und mich. Das ist Umweltschutz im weitesten Sinne. Manches ist, wenn man lange dabei ist, ein Revival: Ortskernsanierung, erstmals in den 70er Jahren. Wir waren daran beteiligt, in Steinhagen ein Gymnasium zu verwirklichen. Es ist uns gemeinsam gelungen, dass Mittel für den Neubau des Rathauses und den Bau der Spvg.-Cronsbachhalle zur Verfügung gestellt wurden. Jetzt ist sie abgerissen und befasst uns wieder. Der Erhalt von Düfelsieks Wald war damals schon wichtig für uns. Auch in der Minderheit haben wir Positionen durchsetzen können, auch die Einrichtung eines Jugend- und Sportausschusses und eines Umweltausschusses, lange bevor es Grüne in Steinhagen gab.

 

Die größten Niederlagen?

Bolte: Die größte Niederlage ist eindeutig, dass die A33 mitten durch Steinhagen führt, weil – und das ist schmerzhaft – so viel Lebenszeit eingebracht worden ist. Ich habe über 30 Jahre daran gewirkt, meine Frau und ich haben versucht, eine andere Trasse zu erreichen.

 

Gibt es Dinge, von denen Sie sagen würden, da habe ich mich besonders für die Steinhagener eingesetzt?

Bolte: Das klingt ein bisschen nach Selbstbeweihräucherung. Das möchte ich nicht. Aber drei Dinge, die ganz aktuell sind, fallen mir ein. Das eine ist das Thema Unfallschutz und die Petition zum Kreisverkehr am Hilterweg, die ich angeregt haber. Letztlich ist eine Ampel dabei herausgekommen, die wir aber nicht bezahlen. Dann habe ich angeregt, dass die SPD in den drei von der A33 betroffenen Kommunen gemeinsam einen Antrag auf Temporeduzierung stellt. Und genauso ist die Anregung zu nennen, sich mit dem Teutoburger Wald und der Patthorst zu befassen und der Frage: Was können wir tun, um das wichtige Refugium für uns zu erhalten und wie können wir die Feuerwehr ausrüsten etwa für Waldbrände?

 

Sie sind über die Ratsarbeit hinaus als Amshausen-Lobbyist als Initiator der Amshausen Fans und auch in Sachen Partnerstädte aktiv. Früher schon mit Woerden und Fivizzano, heute mit Rujiena in Lettland. Sind das Herzensanliegen?

Bolte: Es geht dabei immer um die Menschen, mit denen man konkret in Kontakt ist. Die Menschen in Amshausen brauchten damals jemanden, der ihre Interessen wahrnimmt. Daraus sind der Workshop und zwölf Jahre ganz fruchtbare Arbeit entstanden. Ein Highlight war der Bau des Jückemühlen Weges. Das nenne ich basisdemokratisch. Das andere ist, mit Menschen in anderen Ländern Kontakt aufzunehmen, und das nicht touristisch, sondern auf der persönlichen Ebene. Und dann ist auch noch ein bisschen „große“ Politik. Versöhnung mit den Holländern etwa. Ich bin das erste Mal 1955 als Zwölfjähriger in Woerden gewesen. In Fivizzano war ich inzwischen mehr als Mal, zuletzt 2019. Die Initiative in Rujiena hat meine Frau und mich besonders beflügelt: Nach der Annexion der Krim durch Russland hatten die Menschen in Lettland durchaus Befürchtungen, was der große Nachbar machen würde. Uns war wichtig, hinzufahren und zu zeigen: Wir stehen zu euch.

 

Was bleibt? Wo bleiben Sie engagiert?

Bolte: Wir sind eine tolle Familie mit drei fröhlichen Enkelkindern Frieda, Wilma und Emil, um die ich mich gerne kümmere. Ich würde auch gerne weiterhin das Sportabzeichen ablegen. Dafür ist es aber nötig, dass das Schwimmtraining wieder losgeht. Ich werde mich auch noch mal intensiv um die örtliche Geschichte der SPD kümmern. Da sind noch einige Lücken. Und kommunalpolitisch wird mich meine Tochter Ina auf dem Laufenden halten.

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