Steinhagener Eltern bemängeln Ungleichbehandlung bei der Kinderbetreuung
Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen

Steinhagen (WB). Viele Eltern sind es leid: Seit Monaten würden coronabedingte Einschränkungen vor allem auf dem Rücken der Kleinsten und Schwächsten – ihrer Kinder – ausgetragen, sagen sie. Im Hinblick auf den Lockdown im Kreis Gütersloh und die damit verbundene Schließung der Kindertagesstätten bemängeln sie eine mangelhafte, verwirrende Informationspolitik. Mehr als 60 Steinhagener Eltern haben daher jetzt eine Elterninitiative gegründet, um sich Gehör zu verschaffen. Kreisweit sind es inzwischen sogar mehr als 200 Eltern, die sich dem angeschlossen haben.

Freitag, 03.07.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 03.07.2020, 05:01 Uhr
Ein Junge spielt in einer Kindertagesstätte hinter einer Tigerfigur mit Bauklötzen und einem Spielzeugauto. Eltern auch in Steinhagen hoffen, dass sie ihre Kinder schnellstmöglich wieder in die – derzeit geschlossenen – Kindergärten bringen können. Foto: dpa

Kinder müssen Tönnies-Desaster ausbaden

Unter anderem wurden Brandbriefe an Bürgermeister, Landrat, Landtags- und Bundestagsabgeordnete geschickt, außerdem ist für Samstag eine Mahnwache geplant. „Warum sollen Kinder die unzureichenden Hygienemaßnahmen des Schlachthofs Tönnies ausbaden?“, fragen Initiatorin Nina Meseke und ihre Mitstreiter. Schulen und Kitas seien die ersten Institutionen gewesen, die am 17. Juni „von jetzt auf gleich geschlossen“ worden seien, eine fundierte Begründung hätten Landesregierung und Landrat nicht geliefert. Dabei gebe es Studien, dass ausgerechnet Kinder eben nicht für das größte Übertragungsrisiko des Coronavirus stünden.

Daniel Springer, Vater eines dreijährigen und eines drei Monate alten Sohnes, ärgert sich auch über die „mangelhafte Kommunikation“ der Gemeinde: „Bis 29. Juni hieß es auf der Homepage www.steinhagen.de, Schulen und Kitas seien ‚vorerst bis zum Ende der Sommerferien geschlossen‘. Als außer mir noch viele andere empört bei der Gemeinde anriefen, sagte man mir, das sei ein Fehler, und änderte den Eintrag schnell“, so Springer kopfschüttelnd. Aktueller Stand am Donnerstag: Steinhagens Kindertagesstätten sind „vorerst bis zum 3. Juli geschlossen. Eine erweiterte Notbetreuung wird weiterhin angeboten“, heißt es nun auf der Seite der Gemeinde.

Welches Kind kommt in die Notbetreuung, welches nicht?

Doch diese Notbetreuung sei ungerecht definiert, findet Springer: „Einen Anspruch haben ja nur Alleinerziehende oder Eltern, wenn ein Partner in einem systemrelevanten Beruf arbeitet. Und was ist mit den anderen? Die ihren Jahresurlaub schon komplett für die Betreuung aufgebraucht haben, wo beide Eltern arbeiten müssen? Viele nehmen notgedrungen schon unbezahlten Urlaub!“

Auch Nina Meseke fragt: „Wer legt denn fest, wer oder was als systemrelevant gilt? Welches Kind in den Genuss von Notbetreuung kommt, welches nicht?“ Denn eine weitere Möglichkeit für die Inanspruchnahme der Notbetreuung besteht, wenn das Kind im letzten Kita-Jahr vor der Einschulung steht. Daniel Springer fordert mehr Planbarkeit: „Wir Eltern müssen rechtzeitig mit Arbeitgebern sprechen, Ersatzbetreuung organisieren.“ Selbst manche Kitas bekämen Informationen nur bröckchenweise: „Dass die den Unmut erfahren, ist nicht in Ordnung. Das tut uns leid!“

Die Elterninitiative formuliert ihre Forderungen: Transparenz und offene, zeitnahe Kommunikation, Gleichbehandlung aller Kinder mit Öffnung der Kitas für alle Altersgruppen, Konzept eines Homeschoolings für Schulkinder, sofern dies weiter nötig ist, Aufhebung des Kontaktverbotes für Kinder sowie das Angebot einer Ferienbetreuung für alle Familien.

Mahnwache am 4. Juli

Von den von ihm angeschriebenen Politikern hat zumindest einer Daniel Springer geantwortet: Ralph Brinkhaus, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und gebürtig aus Rheda-Wiedenbrück, sagte seine Unterstützung zu. „Er hat noch am selben Tag die Klärung vieler offener Fragen beim Kreis Gütersloh für uns eingefordert“, berichtet Springer. „Das Wichtigste: Für die Wiederaufnahme des ‚eingeschränkten Regelbetriebs‘ soll dieses Mal eine zeitnahe Entscheidung fallen, damit die Eltern Planungssicherheit haben. Das hieße: Falls der Lockdown am 7. Juli endet, fände wohl ab dem 8. Juli wieder der eingeschränkte Regelbetrieb statt“, so die Hoffnung des Steinhageners.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, rufen Eltern aus dem gesamten Kreis Gütersloh für Samstag, 4. Juli, zu einer Mahnwache auf – von 15 bis 16 Uhr auf dem Konrad-Adenauer-Platz in Gütersloh. Zu dieser Mahnwache hat sich auch der CDU-Landtagsabgeordnete Raphael Tigges angekündigt, um mit Eltern zu diskutieren. Denn, so Nina Meseke: „Alle Kinder sind systemrelevant!“ Interessierte können sie per E-Mail kontaktieren: elterninitiative-steinhagen @web.de.

Wie geht es weiter?

Wann die Kindertagesstätten wieder öffnen, war am Donnerstag offiziell noch nicht zu erfahren. Bürgermeister Klaus Besser verwies auf die Vorgaben des Kreises Gütersloh, Kreissprecherin Beate Behlert sagte, man warte auf weitere Vorgaben des Landes. Nach WB-Informationen sollte die Kita-Schließung noch am Donnerstag bis zum 7. Juli verlängert werden.

Immerhin: Wie in den vergangenen drei Monaten müssen Eltern auch im Juli keine Beiträge für die Kinderbetreuung in Kitas, Kindertagespflegen oder Spielgruppen zahlen. Die Regelung gilt auch für Familien, die eine Notbetreuung in Anspruch nehmen.

 

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