Steinhagens Gleichstellungsbeauftragte über Gehaltsunterschiede und starre Rollenmuster Wie die Krise besonders Frauen fordert

Steinhagen (WB). Die Corona-Krise fordert insbesondere die Frauen – als Kassiererin im Supermarkt, als Krankenschwester, aber auch in der Doppelrolle zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung.

Eine Doppelbelastung für viele Frauen, gerade in Zeiten von Corona: Die Mutter des sechsjährigen Jakob und des vierjährigen Valentin arbeitet zu Hause am Laptop, während ihre Kinder neben ihr malen und ein Buch ansehen.
Eine Doppelbelastung für viele Frauen, gerade in Zeiten von Corona: Die Mutter des sechsjährigen Jakob und des vierjährigen Valentin arbeitet zu Hause am Laptop, während ihre Kinder neben ihr malen und ein Buch ansehen. Foto: dpa

Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, hat in der Talkshow von Anne Will sogar die Befürchtung geäußert, dass Frauen durch die Corona-Krise zurückgeworfen werden in traditionelle Rollen – und das um gleich drei Jahrzehnte. Was macht Corona mit uns Frauen? Wie kann man Rollenklischees auflösen? Darüber hat WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold mit der Steinhagener Gleichstellungsbeauftragten Bettina Ruks gesprochen.

Was bedeutet die Corona-Krise insbesondere für Frauen?

Bettina Ruks: Das fängt beim Kurzarbeitergeld an. Nach einer Einschätzung der Hans-Böckler-Stiftung ist der Unterschied nach Einkommensgruppen und Geschlecht groß. Frauen und Männer sind zwar ungefähr im gleichen Maße von Kurzarbeit betroffen, doch bei Frauen wird das Kurzarbeitergeld etwas seltener aufgestockt. Das könnte zum einen an der Einkommenshöhe liegen, zum anderen dürfte sich dieser Unterschied auch darauf zurückführen lassen, dass Frauen häufiger in kleineren Dienstleistungsbetrieben ohne Tarifvertrag arbeiten.

Ein weiteres Stichwort ist unzweifelhaft das Thema häusliche Gewalt. Jede vierte Frau ist in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen. Durch die Isolation aufgrund der Corona-Pandemie kann die Gewalt in Paarbeziehungen wesentlich schneller eskalieren, und die Gefahr für Frauen in gewalttätigen Beziehungen steigt drastisch. Mittlerweile gibt es mehrere Initiativen, um hier Abhilfe zu schaffen. Zum Beispiel stehen gleich vorne auf der Internetseite der Gemeinde Steinhagen unter dem Stichwort „Häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch… wenn das eigene Zuhause nicht mehr sicher ist“ Telefonnummern, die weiterhelfen können. Auch hat Ministerin Franziska Giffey mit Supermärkten die Aktion „Zuhause nicht sicher?“ gestartet. Mit Plakaten und Abrisszetteln an Schwarzen Brettern, Hinweisen auf Displays bzw. Produkten oder bedruckten Kassenbons wird deshalb bundesweit in über 28.000 Märkten auf www.stärker-als-gewalt.de aufmerksam gemacht.

Auch eine ungewollte Schwangerschaft stellt Frauen in Corona-Zeiten vor große Probleme. Hürden wie die Wahrnehmung von mehreren Terminen unter Kontaktsperre und zum Beispiel Homeoffice ohne Kinderbetreuung müssen genommen und die Pflichtberatung per Telefon oder Videochat absolviert werden. Der Beratungsschein kommt womöglich Tage später per Post, die Kostenübernahme kann sich wegen geschlossener Krankenkassen verzögern. Einen Ort zu finden, an dem der Schwangerschaftsabbruch dann stattfinden kann, ist noch schwieriger als sonst.

Die Berufe, die sich jetzt im Gesundheitswesen, in der Lebensmittelversorgung, in der Kinder(not)betreuung als systemrelevant erweisen, werden zumeist von Frauen ausgeübt, waren bisher aber wenig wertgeschätzt und unterbezahlt, was den Gender Pay Gap noch vergrößert. Was muss sich ändern? 

Ruks: Um dies beantworten zu können, ist es erst einmal notwendig, sich die Zahlen genauer anzugucken. Auch hierzu hat die Hans-Böckler-Stiftung eine aktuelle Studie veröffentlicht, in der es heißt: „Die Gehaltslücke lässt sich zum Teil damit erklären, dass die Entgelte in Berufen mit einem hohen Frauenanteil oft geringer ausfallen als in traditionellen Männerdomänen.“ Hier wäre ein Ansatzpunkt, geschlechterstereotype Berufswahlverhalten in Frage zu stellen, und Initiativen zu ergreifen, die diese auflösen könnten. Dies ist ja bereits intensiv betrieben worden – mit mehr oder weniger großem Erfolg.

Jetzt kommt ein Punkt in der Studie, der mir auch neu ist, nämlich: „...auch wenn es keine Unterschiede in puncto Berufswahl und Erfahrung gibt, verdienen Frauen oft weniger.“ Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung von über 57.000 Datensätzen des WSI-Lohnspiegels. Besonders groß ist die Diskrepanz mit 18 Prozent bei Filial- oder Verkaufsstellenleiterinnen und -leitern: Hier verdienen Männer mit 38-Stunden-Woche und zehn Jahren Berufserfahrung durchschnittlich 3220 Euro brutto im Monat, Frauen hingegen nur 2640. Ich kann adhoc keine Strategie aus dem Ärmel schütteln, stelle mir aber vor, dass, um hier Abhilfe zu schaffen, auf jeden Fall Gewerkschaften und Berufsverbände eine ganz wichtige Rolle spielen.

Warum werden diese Berufe überhaupt zumeist von Frauen ausgeübt?

Ruks: Ich denke, hier spielt die Sozialisation von Kindern eine ganz große Rolle. Hier ist leider zu beobachten, dass – auch ganz extrem beeinflusst von der Spielzeug- und Bekleidungsindustrie – in den letzten zehn Jahren in der Kindererziehung wieder sehr auf den „Rosa-Hellblau-Kodex“ geachtet wird.

Wenn man etwas ändern will, muss man dann nicht schon mit Bewusstseinsbildung bei der nächsten Generation anfangen?

Ruks: Das sehe ich auch so; es ist ganz wichtig, die starren Rollenmuster aufzuheben, und zwar als Angebot an die Kinder, sich für die Verhaltensweisen zu entscheiden, die ihrem Typ und nicht ihrem Geschlecht entsprechen. Das ist meiner Meinung nach ganz wichtig: nicht einfach „den Spieß umdrehen“, sondern jedem Kind wesentlich mehr Handlungsoptionen zu ermöglichen ohne die Einschränkungen der Geschlechterstereotype. In diesem Jahr hat die Gleichstellungsstelle zusammen mit mehreren Kooperationspartnerinnen eine pädagogische Fachveranstaltung für Kitas geplant, in der genau dieses stereotype Rollenverhalten thematisiert werden sollte. Ein gutes Grundlagenwerk dafür ist das Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“.

Bei der Berufswahl heißt es in den Infoveranstaltungen immer auch, gegen alte Rollenmuster und gegen die Prägung auf klassische Frauenberufe anzukämpfen, sprich: beim Girls’ und Boys’ Day Mädchen für MINT-Berufe, Jungen für soziale Berufe zu interessieren. Nutzt das überhaupt etwas?

Ruks: Der Erfolg ist eher mäßig. Aber gut ist, dass das Thema ins Bewusstsein kommt und öffentlich diskutiert wird. Die Entscheidung treffen dann aber letztendlich die Mädchen und Jungen selbst.

Machen nicht am Ende die Mädchen alles richtig, wenn wir nach der Systemrelevanz gehen? Dann wählen sie doch die richtigen Berufe. Sollte man sie nicht geradezu bestärken, wenn man gleichzeitig dafür sorgt, dass diese Berufe auch angemessen bezahlt werden und in der gesellschaftlichen Anerkennung steigen?

Ruks: Dass es systemrelevante Berufe und solche, die sie ausüben, geben muss, ist sehr wichtig – unabhängig vom Geschlecht derer, die diese Berufe ausüben. Eine angemessene Bezahlung würde sicherlich dazu führen, dass auch mehr Jungen in Richtung dieser Berufe gehen.

Und dennoch die Frage: Wie kommt man zu der Gender-Durchmischung auch in anderen Berufssparten? Also zum Beispiel in der Technik, die in vielen Bereichen ja auch systemrelevant ist.

Ruks: Es gibt ja viele Projekte, die in diese Richtung gehen. Ich denke, es ist eine Mischung von allem Genannten und nicht so einfach durchzusetzen. Vielleicht braucht es noch ein oder zwei Generationen, bis alle „mitgenommen“ werden können. Gewisse gesellschaftliche Strömungen lassen mich jedoch auch manchmal befürchten, ob es nicht sogar eine weitere Rückwärtsentwicklung geben wird.

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