Am 3. April 1945 zogen in Steinhagen die Alliierten ein Weiße Fahnen und ein Hinterhalt

Steinhagen (WB). Der Gemeinderat schickte Bürgermeister Carl-Gustav Meyer mit weißer Fahne den Amerikanern entgegen. Und diese wehte auch an fast jedem Haus in Steinhagen, als die amerikanischen Alliierten am 3. April 1945 in Steinhagen einrückten. Und dennoch kam es noch zu einer kriegerischen Auseinandersetzung, bei der zwei amerikanische und sechs deutsche Soldaten ihr Leben verloren. An diesem Freitag jährt sich die Befreiung der Gemeinde Steinhagen zum 75. Mal. Ein Rückblick, der sich an dem 2018 erschienen Buch „Steinhagen im Nationalsozialismus“ des Bielefelder Historikers Dr. Jürgen Büschenfeld orientiert.

Von Annemarie Bluhm-Weinhold
Foto: Sammlung Kai-Uwe von Hollen

Amerikaner ziehen „wild umherschießend“ ein

Vier Panzersperren hatten SS-Einheiten noch in Steinhagen und am „Vierschlingen“ angelegt, bevor sie kurz vor dem Einzug der Amerikaner durch eine „Ersatztruppe“ aus ganz jungen unerfahrenen Soldaten abgelöst wurde. Und diese hätten sich zwar kleinere Schusswechsel, aber keinen echten Kampf mehr geliefert. Dennoch sei bei einem dieser Scharmützel ein deutscher Soldat getötet worden. Danach seien die Amerikaner „wild umherschießend“ in den Ort eingezogen. So berichtet es der Lehrer und Lokalhistoriker Heinrich Meise später.

Meise, als Propagandaleiter in Amshausen der Nazi-Zeit letztlich von etwas zweifelhaftem Ruf, hat in der historischen Aufarbeitung der Kriegsereignisse den ehemaligen Divisionskommandeur Friedrich-Karl Kühlwein bei einem vom Historischen Verein für die Grafschaft Ravensberg 1947 beauftragten Bericht unterstützt.

17 Panzer rollen ein

Meise schilderte unter anderem, dass der Volkssturm für Brockhagen, Steinhagen und Amshausen lediglich mit wenigen, zum Teil schadhaften Karabinern, einigen Handgranaten und Panzerfäusten bewaffnet gewesen sei, die zusammen mit acht Panzersperren und einer Baumsperre den Vormarsch der Amerikaner hätten stoppen sollen. Ein Leutnant der Waffen-SS hat laut Meises Schilderungen sogar noch den Einsatz des Volkssturms verlangt – während die Bevölkerung die Öffnung der Panzersperren und die Übergabe des Ortes forderten.

Auch der Gemeinderat ging davon aus, „dass die Verteidigung des Ortes ohne jeden Vorteil für die Gesamtlage sein würde“. Also verhandelte der Bürgermeister mit den US-Truppen. Doch die ausgehandelte Frist, um alle Panzersperren zu beseitigen, konnten die Steinhagener nicht einhalten. Lehrer Schröder wurde, wiederum mit der weißen Fahne, losgeschickt, um um Aufschub zu bitten. Doch schließlich waren die Amerikaner da – mit 17 schweren und leichten Panzern.

Hof Detert in Brand geschossen

Und dann kam es auf Höhe des Hofes Detert an der Bahnhofstraße zu einem Hinterhalt: Ein Spähwagen der Amerikaner wurde dabei von einer Panzerfaust getroffen und zerstört. Zwei amerikanische Soldaten starben. Der Hof Detert wurde daraufhin von den US-Truppen in Brand geschossen. Auch sechs deutsche Soldaten starben. Jürgen Büschenfeld beziffert die Zahl der deutschen Soldaten in Steinhagen bei Kriegsende noch mit etwa 100.

In Brockhagen waren es wohl die Bauern Consbruch, Reckmeyer-Fülling und Böwing, die die Panzersperren auf der Harsewinkeler Straße eigenmächtig öffneten, um den Beschuss durch amerikanische Panzer zu verhindern. „Dabei handelte es sich auch insofern um eine mutige Tat, weil die ehedem so mächtigen Befehlshaber in Partei und Polizeibehörden noch nicht ganz aufgegeben hatten“, weiß Jürgen Büschenfeld aus einem Zeitzeugenbericht in der Brockhagener Dorfchronik.

Auch für den Steinhagener Bürgermeister Meyer wurde es brenzlig, hatte er doch gegen den Befehl von Wehrmachtsoffizieren mit einer weißen Fahne kapituliert. Ein Standgericht des Militärs hatte ihn offenbar zum Tode verurteilt. Meyer konnte sich aber so lange auf dem Hof Menkhoff verstecken, bis die Amerikaner Steinhagen endgültig besetzt hatten, heißt es in der Chronik zum 750-jährigen Gemeindejubiläum.

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