Nach schlimmen Erlebnissen in Steinhagen: Unterstützung für Angehörige und Helfer
Ersthelfer für die Seele

Steinhagen (WB). PSU, also die Psychosoziale Unterstützung, und Notfallseelsorge: zwei Begriffe, die seit dem schweren Unfall am 17. Dezember 2019 auf der Isselhorster Straße, bei dem eine junge Mutter starb, häufig zu hören sind. Was verbirgt sich dahinter? Das WESTFALEN-BLATT hat mit den Ersthelfern für die Seele gesprochen.

Freitag, 06.03.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 06.03.2020, 05:01 Uhr
Klaus Heinrich, André Könitzer und Matthias Köpp (von links) arbeiten im PSU-Team mit.                      

Stephan Kaiser (38) ist Löschzugführer in Brockhagen und Notfallseelsorger. Seit 20 Jahren gibt es ein Team im Kreis Gütersloh, das immer dann zur Stelle ist, wenn Angehörige Todesnachrichten aufzunehmen haben oder wenn Ersthelfer oder Zeugen an einer Unfallstelle das Unfassbare, das sie gesehen haben, verarbeiten müssen. „Ich will von Natur aus anderen Leuten helfen. Deshalb bin ich auch bei der Feuerwehr“, sagt Stephan Kaiser zu seiner Motivation. Seit 25 Jahren ist er im Löschzug, seit zehn Jahren zusätzlich Notfallseelsorger. Diese Seelsorge hat nicht unbedingt etwas Kirchliches, obwohl auch Pfarrer der Gruppe angehören – ebenso wie Polizisten, Feuerwehrleute, Hausfrauen, Rentner...

Schweigen tut nicht gut

Trauernden Menschen verdeutlichen, was passiert ist – Stephan Kaiser weiß, dass das Angehörigen helfen kann. Er weiß auch: „Es erleichtert sie, mit Menschen zu sprechen, die sie nicht kennen.“ Jeder trauere anders. Und mitunter löse der Verlust eines nahen Menschen auch Aggressionen aus, so Kaiser. Die Notfallseelsorger wissen auch damit umzugehen. „Das schlimmste ist, wenn jemand schweigt. Man sollte reden.“

Erste Hilfe für die Seele, nennt er seine Arbeit deshalb. Sie sind immer zu zweit. Mitunter bleiben sie auch zwei, drei Stunden in der Familie: „Man sitzt zusammen, trinkt Kaffee, lacht vielleicht sogar, erzählt, schaut Familienbilder an... Dabei bekommen wir schon ganz intime Einblicke“, so Kaiser.

Gesicht wird wieder gelöscht

Dennoch erkennen ihn viele später nicht wieder, selbst wenn man sich noch einmal über den Weg läuft: „Trauernde in dieser Situation nehmen mich nicht wahr. Das Gesicht wird wieder gelöscht.“ Aber es gibt die Assoziation zwischen der Todesnachricht und seiner Person. Und deshalb begleite er Menschen, die er kenne, grundsätzlich nicht, sagt er.

Regelmäßig stehen für die Notfallseelsorger Schulungen an – einmal pro Monat eine Supervision, einmal pro Jahr ein Seminar zu speziellen Themen. Am schwersten zu ertragen für den Notfallseelsorger Kaiser, selbst Familienvater, sind Todesnachrichten an Kinder, wenn ein Elternteil verstorben ist. Dennoch: „Man sollte Kinder schnell informieren und ihnen auch die Wahrheit sagen.“ Stephan Kaiser spricht auch zu Hause über das, was er erlebt. „Meine Frau kann gut zuhören. Ich weiß aber auch, dass ich aufhören würde, wenn mir das nachts aufs Bett kommt.“

Was aber, wenn Helfer selbst Hilfe brauchen? Wenn Feuerwehrleute etwa die grauenhaften Bilder von Opfern eines schweren Verkehrsunfalls verarbeiten müssen? Dafür gibt es das PSU-Team, eine Anfang 2018 gegründete Einheit des Kreisfeuerwehrverbandes Gütersloh. Diese Erfahrung hatte man spätestens seit Großschadensereignissen wie dem ICE-Unglück von Eschede und der Massenpanik bei der Loveparade: Auch Helfer können traumatisiert aus einem Einsatz herausgehen.

Reden hilft am meisten

Zugrunde liegt der Psychosozialen Unterstützung zum einen ganz technisch und formal der Aspekt der Arbeitssicherheit – wie in jedem Unternehmen und in jeder Branche, wie Matthias Köpp, PSU-Assistent der Feuerwehr Rheda-Wiedenbrück, erklärt. Für die Feuerwehr heißt das: Jeder muss sich im Einsatzfall auf jeden verlassen können, damit das Team voll handlungsfähig ist. „Wir sind die Starken und wollen das auch sein. Für die Bevölkerung, aber auch nach unserem eigenen Selbstverständnis“, sagt der 56-Jährige, seit 30 Jahren in der Feuerwehr, zudem auch Notfallseelsorger. Also: „PSU ist ein Einsatzmittel der Feuerwehr.“

Zum anderen nimmt der PSU-Gedanke einen eigentlich natürlichen Reflex auf, der früher in der Feuerwehr geradezu gepflegt wurde: „Das Reden miteinander nach einem Einsatz, ist das, was uns am meisten hilft“, sagt André Könitzer (33), Leiter des PSU-Teams­ im Kreisfeuerwehrverband Gütersloh. Früher, da saßen Feuerwehrleute ständig bei­einander, doch in Zeiten, in denen jeder noch zahlreiche andere Verpflichtungen und Interessen hat, ist das nicht mehr so selbstverständlich und intensiv. Daran orientiert sich die PSU-Struktur.

Traumatische Erlebnisse schnell aufarbeiten

Klaus Heinrich (65) ist dank seines Religionspädagogikstudiums, beruflicher „Vorbelastung“ und spezieller Ausbildung zum Fachberater Seelsorge in der Feuerwehr Steinhagen ernannt worden. Nach schweren Einsätzen bietet er eine Nachbesprechung, ein Gruppengespräch im Gerätehaus an: „Um erst einmal einen Deckel auf das Erlebte zu setzen und zu schauen, wie die Jungs wieder ins Tagesgeschäft kommen.“ Ebenso wichtig ist aber, etwa am Abend noch einmal zusammenzukommen, den Tag Revue passieren zu lassen. „Entscheidend ist, traumatische Erlebnisse schnell aufzuarbeiten.“

Und natürlich sind die Einsatzkräfte dagegen nicht gefeit: Wenn Matthias Köpp von seinem schlimmsten Einsatz erzählt, einem Verkehrsunfall mit fünf toten jungen Menschen in Rheda-Wiedenbrück im August 2005, dann ist doch klar, dass sich die schrecklichen Bilder bis in die tiefste Seele bohren.

Und auch André Könitzer hat seine persönliche traumatische Situation, die Impuls war, dass er sich zum PSU-Assistenten ausbilden ließ: Der Versmolder war bereits Mobiler Retter, das sind ausgebildete Ersthelfer, die regis­triert sind und per App gerufen werden, wenn sich in ihrer Nachbarschaft ein Notfall ereignet. „Die Nachricht lautete ‚blutender Tumor an der Halsschlagader‘‘‘, berichtet er. Ein Mann war im Treppenhaus zusammengebrochen. André Könitzer konnte mit dem Rettungsdienst helfen – und er hat sein Erlebnis erst mit dem Nachsorgeteam der Mobilen Retter, später mit dem Versmolder Pfarrer Dirk Leiendecker, der als Fachberater Seelsorge im PSU-­Team ist, aufgearbeitet.

Erst Tunnel-, dann Weitwinkelblick

Klaus Heinrich weiß: „Jeder Mensch hat ein bestimmtes Weltbild. Bei uns bei der Feuerwehr ist das durch Ausbildung und Einsatzerfahrung durchaus erweitert. Aber richtig schlimm ist es immer, wenn etwas passiert außerhalb dieses Weltbildes.“ Wie fünf Tote junge Menschen, die unter Alkoholeinfluss und unangeschnallt in einem Auto am Chausseebaum zerschellen...

„Während des Einsatzes hat man einen Tunnelblick und tut das, was zu tun ist“, sagt André Könitzer. „Aber wenn Ruhe an der Einsatzstelle einkehrt, kommt man in einen Weitwinkelblick. Und dann stellt man vielleicht fest, dass man Hilfe braucht.“ Matthias Köpp fuhr damals noch einmal zurück zur Unglücksstelle und ließ die Gedanken beim Blick auf die Spuren am Baum und die Kerzen davor fließen.

Die Strukturen des PSU-Teams sind gewachsen – und verankern sich nun allmählich weiter in den Löschzügen des Kreises. André Könitzer weiß aber auch, dass da mitunter noch Aufklärungsarbeit zu leisten ist, Hemmschwellen abzubauen sind. Deshalb will der Kreisfeuerwehrverband Gütersloh mit dem PSU-Team nach und nach in jedem Löschzug PSU-Helfer ausbilden: „Unsere Antennen spüren, falls jemand Hilfe braucht, der sich vielleicht nicht von selbst meldet.“ Das PSU-Team bewahrt absolutes Stillschweigen, kein Protokoll, keine Information an Vorgesetzte. Könitzer weiß auch: „Je besser die Kameradschaft in einem Löschzug, umso besser gelingt es, den einzelnen zu erreichen.“

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