Digitalisierung: Neurobiologin erläutert in Steinhagen die Gefahren für das Gehirn
„Tablets raus aus der Schule“

Steinhagen (WB/anb). Ihre Forderung ist radikal: „Tablets müssen raus aus den Schulen“, sagte Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt jetzt bei einer Veranstaltung des Vereins zur Förderung der Umwelt- und Lebensqualität in Steinhagen. „ Digitale Medien – Gefahr für das Gehirn?“ hieß der Vortrag, zu dem sich 70 Zuhörerinnen und Zuhörer im Ratssaal eingefunden hatten.

Dienstag, 03.03.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 03.03.2020, 05:01 Uhr
Vereinsvorsitzende Annette Lechthoff (rechts) begrüßt Prof. Dr. Getraud Teuchert-Noordt in Steinhagen Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Die Neurobiologin, früher an der Uni Bielefeld, jetzt im Ruhestand, beantwortet die Frage eindeutig mit Ja: Sie sieht erhebliche Gefahren speziell für Kinder und Jugendliche in der Digitalisierung – und das begründet sie mit Ergebnissen aus ihrer Forschung, die schon lange vor Smartphone, Tablet und Co. da war: „Als wir angefangen haben, psycho-kognitive Funktionsstörungen zu erforschen, ging es uns um die Frage, wie sich Stress auswirkt. Dass unsere Erkenntnis auch in puncto Digitalisierung greifen, war uns damals nicht klar.“

Nur langsames Denken ist fehlerfrei

Im Mittelpunkt ihre Vortrages standen die unterschiedlichen Frequenzwellen, die in den Gehirnarealen unterschiedliche Wahrnehmungs- und Lernprozesse anstoßen – kleine Regelkreisläufe wie in der Kybernetik. Daraus leitet sie die Erkenntnis ab: „Wir können gar nicht anders als in Raum-Zeit-Zusammenhängen denken.“ Doch die Taktung im Gehirn ist eine andere als die des Smartphones: „Die Kooperation der Module beim Denkprozess braucht seine Zeit“, so Teuchert-Noordt. Deshalb: Schnelles Denken sei voller Fehler, nur langsames Denken fehlerfrei.

Sitz des Lernsystems ist das Stirnhirn, wie Gertraud Teuchert-Noordt erläuterte – eine Hirnregion, die der Homo Erectus vor 1,5 Millionen Jahren langsam entwickelte, um überleben zu können: „Er konnte noch nicht strategisch denken. Doch die Raum-Zeitverrechnung, die das Denken im Gehirn vermittelt, war die Lösung.“ Und dafür musste das Stirnhirn erst einmal ausgebildet werden. Gertraud Teuchert-Noordt zeigte, wie sich über die Jahrtausende die Stirnwölbung und überhaupt die Kopfform änderte. Im Stirnhirn sind unter anderem Willensbildung, Sozialverhalten, historisches Bewusstsein, Konfliktbewältigung und das Arbeitsgedächtnis angesiedelt.

Smartphones verhindern das Denken in Raum und Zeit.

Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt

Doch das Denken in Raum und Zeit müssen Kinder erst einmal lernen und brauchen, wie die Neurobiologin ausführte, etwa 18 bis 20 Jahre, bevor diese Entwicklung abgeschlossen ist: „Smartphones verhindern das Denken in Raum und Zeit“, fordert sie auch ein Mindestalter fürs Handy – den „Handy-Führerschein ab 18“.

„Meine große Befürchtung ist, dass die junge Generation zurückgeht und ein Stirnhirn entwickelt mit weniger Kompetenzen, wenn sie weiterhin digital unterwegs ist“, sagte Teuchert-Noordt.

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