Kulturwerk Steinhagen: Dominique Horwitz und das Jourist Quartett fesseln bis zum Schluss Im Tango durch eine dekadente Welt

Steinhagen (WB). Der unter dem Titel „Liebe und andere Unglücksfälle“ angekündigte Rezitationsabend mit Dominique Horwitz und dem Jourist Quartett gab zunächst Rätsel auf. Der ironische Unterton schien ebenso wenig zur tragischen Liebe zu passen wie der erotische Tango, der die Erzählungen des russischen Dichters Iwan Bunin begleitete.

Von Armin Kansteiner
Passend zu Jakob Neubauers (links) sehnsuchtsvollen Melodien auf dem russischen Bajan entführt Schauspieler Dominique Horwitz das Kulturwerk-Publikum in die oft realitätsferne Welt der gehobenen Gesellschaftsschicht.
Passend zu Jakob Neubauers (links) sehnsuchtsvollen Melodien auf dem russischen Bajan entführt Schauspieler Dominique Horwitz das Kulturwerk-Publikum in die oft realitätsferne Welt der gehobenen Gesellschaftsschicht. Foto: Hans Kansteiner

Konzerttangos in kunstvoller Verfeinerung

Der um 1900 in den Vororten von Buenos Aires entstandene Tango Argentino war nicht nur Gesellschaftstanz, sondern auch Ausdruck für die Leiden einer zu kurz gekommenen Bevölkerungsgruppe. Eine europäische Blütezeit hatte er in Russland zwischen 1920 und 1940. Der russische Komponist Efim Jourist schrieb Konzerttangos, die dem Geist der Buninschen Novellen insofern entsprechen, als sie in ihrer kunstvollen Verfeinerung der dekadenten Welt des untergegangenen russischen Adels entsprungen zu sein scheinen.

Das Jourist Quartett spielte sie in einer beeindruckenden Weise. Geiger Edouard Tachalow wahrte die Balance zwischen technischer Perfektion und Salonatmosphäre. Jakob Neubauer entlockte dem Bajan, der russischen Variante des Bandoneons, glitzernde und perlende Läufe und Figuren im Wechsel mit sehnsuchtsvollen Melodien, während Gitarrist Andreas Dopp für besondere Akzente sorgte.

Der Kontrabassspieler und musikalische Leiter Johannes Huth war auch für die geschickten Arrangements verantwortlich, die als Begleitmusik die Stimmung ausmalten. Besonders eindrucksvoll war das Zitat des Brahms-Liedes „Meerfahrt“ auf Worte von Heinrich Heine. Der trostlose Schluss gab der dritten Novelle „Der Sohn“ besondere Tiefe.

Um die Morbidität zu veranschaulichen, muss Horwitz eine gewisse Distanz aufbauen

Im Mittelpunkt: Dominique Horwitz. Seine Aufgabe bestand darin, die von ihm ausgesuchten, für die Bühne bearbeiteten und doch wohl hoch geschätzten Texte so wiederzugeben, dass der Zuhörer und erst recht der Zuschauer die der Realität enthobene Welt der gehobenen Gesellschaftsschicht erleben konnte.

Zugleich musste der Künstler Distanz aufbauen, um die Morbidität dieser Welt zu veranschaulichen – ohne die dargestellten Figuren lächerlich zu machen, denn sonst stünde die Frage im Raum: „Warum lässt man diese Menschen überhaupt hier erscheinen?“

Mit überaus drastischem Mienenspiel bis an die Grenze des Erträglichen

In der ironisch gebrochenen Rezitation erkannte der Zuhörer, dass etwa die Frau in „Der mordwinische Sarafan“ auch nur Opfer einer Gesellschaft ist, in der Frauen keine Rolle spielen und sich bei allem Reichtum zu Tode langweilen. Mit seinem überaus drastischen Mienenspiel ging Horwitz bis an die Grenze des Erträglichen. In „Der Sonnenstich“ nahm er Gestik und Mimik deutlich zurück, so dass die Personen in ihrer Liebenswürdigkeit glaubhaft blieben. Dem Mann und der Frau nahm man ab, dass sie für kurze Zeit echte Liebe erfahren hatten.

Die dritte Erzählung, „Der Sohn“, war wohl die schwierigste in der Darstellung. Ein Vertreter des Kulturwerks fühlte sich an Goethes „Werther“ erinnert. Die in Bunins Novelle beschworene Welt hatte allerdings fast nur hyperempfindsame und exzentrische Gestalten. Die exzellente schauspielerische Leistung fesselte das Publikum bis zum Schluss.

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