300 Besucher: Theaterkompagnie Stuttgart präsentiert »Jedermann« beim Kulturwerk Steinhagen
Am Ende siegt der Glaube

Steinhagen (WB). Eine besondere Premiere war das Gastspiel der Stuttgarter Theaterkompagnie für zwei Nachwuchsschauspielerinnen aus Steinhagen: Lina und Alina (beide 8 Jahre) durften mitspielen und dem arroganten Jedermann sogar mutig »an die Wäsche gehen«.

Montag, 04.11.2019, 03:00 Uhr aktualisiert: 04.11.2019, 05:00 Uhr
Zwei Steinhagener Nachwuchsschauspielerinnen mit auf der Bühne des Kulturwerks: Des Schuldknechts Kinder (Alina und Lina; rechts) gehen auf Jedermann (Till Schneidenbach) los, weil er sich allzu herzlos zeigt. Foto: Johannes Gerhards

Kulturwerk Steinhagen zeigt »Jedermann«

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Foto: Johannes Gerhards
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»Für diese Nebenrollen suchen wir uns immer Kinder vor Ort«, erklärt Anetta Dick im Anschluss an die energiegeladene 90-minütige Aufführung. Wie alle anderen Schauspieler steht sie noch im Kostüm beim Umtrunk im Foyer des Schulzentrums. Weil eine Pause im Stück nicht vorgesehen war, haben die Zuschauer nun exklusiv Gelegenheit, einmal mit dem Teufel oder Gott dem Herrn ein Bier zu trinken. Dazu hatte Adelheid Meyer-Hermann vom Kulturwerk die etwa 300 Gäste bereits zu Beginn eingeladen.

Das Mysterienspiel »Jedermann« als das bekannteste Stück Hugo von Hofmannthals wurde 1911 uraufgeführt. 100 Jahre später hat die Theater-Kompagnie-Stuttgart eine turbulente Neuauflage inszeniert, die sich weitgehend am Original mit gereimten Knittelversen orientiert. Den Kerngehalt des Stoffes bezeichnet von Hofmannsthal als zeitlos, allgemein-menschlich und »nicht einmal mit dem christlichen Dogma unlöslich verbunden«.

Tod, Mammon und Glaube ergänzen die menschlichen Rollen

Neben Gott und dem Teufel treten abstrakte Begriffe wie Tod, Mammon und Glaube als Personifikationen auf und ergänzen die menschlichen Rollen. Jedermann prahlt mit seinem Reichtum und hat jede Bodenhaftung verloren. Mitleid und Empathie sind ihm fremd, sein persönlicher Lustgewinn bei Festen und Gelagen mit Buhlschaft und Gefolge bilden den zügellosen Sinn seines ausschweifenden Lebenswandels. Mahnende Worte seiner Mutter etwa über die in ein Heiligtum umgewandelte Wollust ignoriert er so lange, bis Gott ihm den Tod schickt, um ihn abzuholen.

Plötzlich verunsichert der ehemals »jung im Herzen und wohlgesunde« Jedermann mit unheilvollen Ahnungen die sich in Feierlaune wähnenden Gäste. Gott will mit Jedermann abrechnen, dieser sieht sich am Ende von allen scheinbaren Freunden verlassen. Freundschaft gilt nichts mehr, und auch die Verwandtschaft macht sich aus dem Staub. Selbst Mammon verweigert die Gefolgschaft und verschwindet, nicht ohne die Frage nach Herr und Knecht aufzuwerfen.

Der Teufel war sich Jedermanns Seele bereits sicher

Der Verzweiflung nahe vernimmt Jedermann die zarte Stimme einer vollkommen geschwächten Person, die sich als seine guten Werke entpuppt. In Verbindung mit ihrer Schwester Glaube gelingt es, bei Jedermann endlich tiefgehende Reue zu erzeugen. Statt eines Rächers stellt sich Gott nun als barmherziger Verzeiher dar und vergibt ihm – zum Verdruss des Teufels, der sich Jedermanns Seele bereits sicher war.

Die temporeiche Inszenierung spielt mit dem Kontrast ausgelassener und farbenprächtiger Massenszenen zu nachdenklich stimmenden Dialogen. Fast alle Schauspieler treten in mehreren Rollen auf. Im Foyer mischen sie sich für Fragen und Smalltalk unters Volk.

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