300 Besucher: Christian Berkel liest in Steinhagen aus seinem Debütroman
Lebendiges Epos deutscher Geschichte

Steinhagen (WB). »Die Zeit, nach der ich suchte, begann sich vor meinen Augen aufzulösen.« Es sind Sätze wie dieser, die den Unterschied machen – voller Bildgewalt und Poesie. Der Schauspieler Christian Berkel hat ein Buch geschrieben, das Daniel Kehlmann als »lebensgesättigtes großes Epos der deutschen Geschichte« bezeichnet.

Dienstag, 01.10.2019, 09:00 Uhr
Schauspieler und Autor Christian Berkel liest in der Aula des Steinhagener Schulzentrums aus seinem Debütroman »Der Apfelbaum«. Foto: Johannes Gerhards

Der Autor begibt sich innerhalb seiner Familie auf eine Spurensuche, die ihn durch mehrere Länder führt. Und er findet die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Mehr als 300 Zuhörer haben sich auf Einladung der Volkshochschule Ravensberg in der Aula der Realschule versammelt und wollen Christian Berkel live erleben. Bekannt ist er vor allem als vielseitiger Schauspieler: Häftling Nr. 38 im Kinofilm »Das Experiment«, SS-Arzt in »Der Untergang« oder »Der Kriminalist« im ZDF gehören zu einigen seiner zahlreichen Rollen in nationalen und internationalen Produktionen.

Mit dem Aufnahmegerät besucht Berkel seine inzwischen 91-jährige Mutter, um Dinge zu erfahren, die bisher unter dem Mantel der Verschwiegenheit versteckt gehalten wurden. Sie eröffnet ihm, wieder geheiratet zu haben. »Aber keine Angst, er ist schon wieder tot«, fährt sie fort. Allerdings habe Karl Benz ihr über zwei Millionen hinterlassen, die sie nun aufzuteilen gedenke »an dich und deine Schwester«. Verwirrend ist dann der folgende Satz: »Dein Vater passte ja gar nicht zu mir«.

Vater kommt in einem Kreuzberger Hinterhof zur Welt

In Rückblenden blicken wir zurück in den Mai 1915, als Christian Berkels Vater Otto in der Parterrewohnung eines dritten Kreuzberger Hinterhofes zur Welt kommt. »Das einzige, was ich in meinem Leben richtig gemacht habe«, sagt Ottos Mutter Anna später über ihren Sohn, der sich 1932 in die vier Jahre jüngere Sala verliebt hat. Als »Halbjüdin« muss diese vor den Nazis fliehen, findet Unterschlupf bei einer Tante in Paris, während Otto als Sanitätsarzt mit der Wehrmacht in den Krieg ziehen muss.

Als die Nazis Paris erobern, kommt Sala in das Gefangenenlager Gurs in den französischen Pyrenäen, wo rund 20.000 Frauen unter katastrophalen hygienischen Bedingungen leben. Wer Hunger und Seuchen überlebt, wird schließlich nach Auschwitz deportiert, wobei sich die Nazis den Transport der Gefangenen mit 850 Reichsmark pro Person bezahlen lassen. Bei derartigen Schilderungen verschlägt es Christian Berkel kurz die Sprache. Nachdem er seinen Faden wieder gefunden hat, beendet er seine Lesung schließlich gekonnt mit einem Cliffhanger.

Bundesrepublik ist laut Berkel »im Wesentlichen von hochrangigen Nazis mit gegründet worden«

»Wer wissen möchte, wie es weitergeht, kann im Buch nachlesen«, teilt er seinen Zuhörern mit und trifft offensichtlich genau ins Schwarze. Die Schlange derer, die sich in der Pause ein Exemplar signieren lassen wollen oder um ein Selfie bitten, scheint nicht abzureißen. Geduldig und freundlich erfüllt Christian Berkel jeden dieser Wünsche. Seine Lesung kommt unaufgeregt, aber fesselnd daher, zwischendurch überbrückt er mit erklärenden Schilderungen, aus denen seine Einstellung klar zum Vorschein kommt, die sich in hohem gesellschaftlichen Engagement niederschlägt.

Die Bundesrepublik ist nach seinen Worten im Wesentlichen von hochrangigen Nazis mit gegründet worden, die nach Erkenntnis der Amerikaner »zumindest Ahnung von Struktur« hatten. Das deutsche Wirtschaftswunder sei auch deswegen im benachbarten Ausland so skeptisch beurteilt worden, weil es den Anschein erweckte, als ob der Krieg doch noch gewonnen wurde.

Nationalsozialismus ist nicht mit kurzem Abwischen wieder zu beseitigen

Vor diesem Hintergrund findet Berkel Gaulands Vogelschiss-Zitat besonders schlimm und zynisch. Der Nationalsozialismus sei eben nicht zufällig von oben herab gefallen und ebensowenig mit kurzem Abwischen wieder zu beseitigen.

Bei einigen Nebenfiguren im Buch erkennt er zudem deren »rücksichtslosen Verdrängungswillen« unter dem Motto »Irgendwann muss doch auch mal Schluss sein«. Derartige Äußerungen kommen nicht von den Opfern und ihren Nachfahren, für die jegliche Erinnerungen ein großes Wagnis bedeuten. Christian Berkel selbst sei nach Aussagen seiner Mutter eben auch ein bisschen jüdisch und nicht ganz deutsch – wobei »nicht ganz« in seinem Kinderdenken eben gleichbedeutend mit »kaputt« war.

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