Steinhagener Unternehmen Plasmatreat stellt mobile Dekontaminationsanlage vor
Ohne Chemiekeule gegen Viren

Steinhagen (WB). Regelmäßig müssen Krankentransportwagen von Viren und Bakterien befreit werden. Und in Seuchengebieten sind die Rettungskräfte von Krankheitserregern gefährdet, wenn sie nach Einsatzende ihre Schutzanzüge ablegen. Um auf Chemikalien zur Desinfektion verzichten zu können, entwickelt Plasmatreat derzeit eine Alternative.

Mittwoch, 31.07.2019, 07:30 Uhr aktualisiert: 01.08.2019, 15:34 Uhr

Plasmatechnologie soll das Zauberwort heißen. Die setzt das 1995 gegründete Steinhagener Unternehmen Plasmatreat bisher vor allem für die Oberflächenbeschichtung in der Automobil-, Elektro- und Verpackungsindustrie ein. Im aktuellen Projekt nützt die Technologie der Entkeimung.

Das chemiefreie Dekontaminationssystem soll einfach zu bedienen und mobil einsetzbar sein.

Dr. Alexander Knospe, Leiter Innovationsmanagement bei Plasma­treat

»Unsere Idee ist ein chemiefreies Dekontaminationssystem, das einfach zu bedienen und mobil einsetzbar ist«, beschreibt Dr. Alexander Knospe, Leiter Innovationsmanagement bei Plasma­treat, die Ziele. Denn bislang sähen die erforderlichen Maßnahmen anders aus: »Vor allem Essigsäure und Wasserstoffperoxyd kommen beim Desinfizieren von Rettungswagen oder Schutzanzügen zum Einsatz.« Das sei aufwändig, teuer in der Bevorratung und bei der Entsorgung stark umweltbelastend.

Bundesforschungsministerium fördert das Projekt

Um eine leichter einsetzbare, umweltfreundliche und schneller wirkende Methode zu entwickeln, hatten sich im September 2016 drei Verbundpartner zusammengeschlossen: neben Plasmatreat auch das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung und die m-u-t GmbH aus Wedel. »MoPlasDekon« heißt ihr Forschungsprojekt – Mobile Plasma-Dekontamination. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Millionenprojekt mit aktuell 779.000 Euro.

Am Dienstag stellten die Verbundpartner nun einen Prototypen vor: Die Plasmaanlage in Form einer Box wiegt 23 Kilogramm und arbeitet mit elektrischer Energie und feuchter Luft als Prozessgas. »Luft, Wasser und ein Verdampfer führen zu plasmaaktiviertem Wasserdampf. Dieser tötet die Erreger«, erklärt Sebastian Guist von Plasmatreat. Plasma, so erklärt er, sei ein ionisiertes Gas mit elektrischer Leitfähigkeit. Das vollautomatisierte System kann auch mit einem Akku betrieben werden. »Die Bedienung ist einfach, Rettungskräfte benötigen nur eine kurze Einweisung«, sagt Dr. Alexander Knospe.

Rotes Kreuz und Feuerwehr stehen beratend zur Seite

Von Anfang an beratend mit im Boot sind das Bayerische Rote Kreuz (BRK), die Feuerwehr Essen und das Robert-Koch-Institut Berlin. »Unsere Anwendungsgebiete erweitern sich ständig, und es gibt bei Viren immer mehr Resistenzen. Daher hat das Projekt für uns große Bedeutung«, sagt Thomas Stadler von der BRK-Landesgeschäftsstelle München. Wichtig für die Einsatzkräfte: »Bisher benötigen wir zur Desinfektion eines Krankentransportwagens mehr als eine Stunde. Diese Ausfallzeiten können durch das neue Plasmasystem verkürzt werden«, freut sich Stadler.

Bis zur Serienreife und Zulassung des Systems dauert es allerdings noch: »sicher zwei Jahre«, schätzt Plasmatreat-Geschäftsführer Christian Buske.

Erfolgreiches Steinhagener Unternehmen

Diplom-Ingenieur Christian Buske, ausgebildeter Elektroingenieur, gründete Plasmatreat 1995. Anfangs mit drei Mitarbeitern in Oerlinghausen, eineinhalb Jahre später zog die Firma an den Bisamweg nach Steinhagen um.

Im März 2018 folgte der Spatenstich für das neue Technologie- und Kundenzentrum an der Queller Straße. Die Fertigstellung ist für Herbst 2019 geplant.

Die Plasmatreat-Technologie kommt vor allem in der industriellen Feinreinigung und der Oberflächenbeschichtung zum Einsatz – vom Handy bis zum Automobil. Oder wie Christian Buske es ausdrückt: »Jede Oberfläche ist eine Plasmatreat-Oberfläche.« Heute hat Plasmatreat weltweit 240 Mitarbeiter, 140 davon in Steinhagen, und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 46,1 Millionen Euro.

 

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