»Herr der Fliegen«: Im Realschul-Theater geht’s um Demokratiefragen – mit Video
Wenn das Faustrecht siegt

Steinhagen  (WB). Eine einsame Insel. Eine Gruppe gestrandeter Jugendliche. Und die zentrale Frage: Wie bilden sich gesellschaftliche Strukturen? Kann Faustrecht ein demokratisches humanistisches System besiegen?

Donnerstag, 06.06.2019, 03:00 Uhr
Viel Action: Marc Beckamp (vorne rechts) hat mit seiner Theatergruppe Goldings »Herr der Fliegen« einstudiert. Foto: Bluhm-Weinhold

Die Steinhagener Realschule erörtert das auf der Bühne: »Herr der Fliegen« von William Golding ist in diesem Jahr das ambitionierte Stück des Theaterkurses der zehnten Klassen im Wahlpflichtbereich. Die Aufführungen beginnen am Freitag, 14., und Samstag, 15. Juni, jeweils um 18 Uhr in der Aula. Karten gibt es im Sekretariat und an der Abendkasse.

Das ganze Schuljahr haben sich die Schülerinnen und Schüler im Unterricht bei Marc Beckamp mit dem Klassiker aus dem Jahr 1954 beschäftigt. Auf Grundlage des Buches und des aktuellsten, wenn auch schon fast 30 Jahre alten Films haben sie ihre Bühnenfassung geschrieben. Dabei haben sie die Story ins Hier und Heute transformiert. Eigentlich sind die Hauptpersonen Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren aus einer militärisch geführten Eliteschule. Die Steinhagener machen aus ihnen Mädchen und Jungen einer Realschulklasse und nehmen dem Stoff auch die religiöse Symbolik, die Golding schon in die Namen seiner Figuren interpretierte: Hier stehen nicht Ralph, Simon und Roger, sondern Lennard, Anna und Ahmet auf der Bühne.

Stück auf Kernaussage reduziert

»Wir wollten weg von den religiösen Aspekten, hin zu allgemeinen gesellschaftlichen Werten«, sagt Marc Beckamp. Und weiter: »Wir wollten das Stück auf seine absolute Kernaussage reduzieren: ›Passt auf, dass man den Dingen nicht einfach seinen Lauf lässt.‹« Denn dann tritt an die Stelle von Zivilisation und Gesetz Anarchie und das Recht des Stärkeren.

Gibt es eine angeborene Gewaltbereitschaft im Menschen? Offenbar ja, denn die Schüler spalten sich alsbald in zwei Gruppen aus. Die eine plädiert für demokratische Strukturen, will planvoll das Leben in der Wildnis gestalten und die Rettung in die Wege leiten. Sie bestimmt Lennard (dargestellt von Justin Pettau) zu ihrem Anführer – »ohne Regeln gibt es nur Chaos«, heißt es. Deutlich wird gesagt: Schon die alten Griechen wussten, dass nur eine Demokratie funktionieren kann. Die andere Gruppe, angeführt von Tim (Egor Tretjakov), verweigert genau diese Regeln, lebt in Anarchie. Es kommt zu Machtkämpfen, die bis zum Tod und ins Inferno führen. Auch Goldings Monster nimmt eine zentrale Rolle ein.

1990 im Englisch-Leistungskurs gelesen

Marc Beckamp hat »Herr der Fliegen« schon 1990 im Englisch-Leistungskurs gelesen. Und war so beeindruckt, dass es ihm auch als Leiter der Theatergruppe nicht aus dem Kopf ging – wegen der Betonung gesellschaftlicher, demokratischer Werte. Weil das Stück stark auf actionreiche Szenen ausgerichtet ist, hat er den Bühnenkampftrainer Hermann Kloos engagiert. Und nicht zuletzt ist die Realisierung der Aufführung auch der finanziellen Unterstützung des Fördervereins und durch den »Laden« zu verdanken.

Da nicht zuletzt wegen der Kampfszenen auf Headsets verzichtet werden muss, wird den Zuschauern empfohlen, sich möglich weit vorne Plätze zu sichern.

Kommentar

Das Thema könnte angesichts der derzeit vielfältigen Angriffe auf die freiheitliche Grundordnung aktueller kaum sein: Nur nach demokratischen Regeln kann eine Gesellschaft funktionieren, Anarchie dagegen führt in den Untergang. Das zeigen die Steinhagener Realschüler sehr eindrücklich und höchst dramatisch auf der Bühne. In ihrer Fassung von »Herr der Fliegen« geht es handfest zur Sache. Mit viel Action. Umso besser kommt die zentrale Botschaft des Stückes an. So muss Schultheater sein: zeitgemäß. Das ist politische Bildung und Wertevermittlung im besten Sinne. Annemarie Bluhm-Weinhold

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