Pfarrer Ulrich Potz geht in Ruhestand und spricht über die kleiner werdende Kirche
»In Steinhagen war ich der Bewahrer«

Steinhagen (WB). Pfarrer Ulrich Potz wird am 13. April 64 Jahre alt – einen Tag später verabschiedet ihn die Evangelische Kirchengemeinde Steinhagen in den Vorruhestand. Ein Schritt, den er selbst gewählt hat: »Ich habe gemerkt, dass ich meinen eigenen Maßstäben, die ich an meine Arbeit anlege, bei sich immer schneller verändernden Anforderungen nicht mehr ausreichend genügen kann«, sagt Ulrich Potz im Interview mit Westfalen-Blatt-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold.

Samstag, 02.03.2019, 11:30 Uhr
Pfarrer Ulrich Potz wird am 14. April, 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Dorfkirche verabschiedet. Foto: Bluhm-Weinhold

Fast 29 Jahre lang waren Sie Gemeindepfarrer in Peckeloh, im Mai 2012 sind Sie nach Steinhagen gekommen und sprachen damals vom Aufbruch zu neuen Horizonten. Hat sich das erfüllt?

Ulrich Potz: Das hat sich durchaus erfüllt, denn man lässt sich ja auf eine andere Gemeinde und andere Menschen ein. Und obwohl westfälische Gemeinden alle nach einem ähnlichen Muster organisiert sind, hat jede ihre eigene Geschichte und Mentalität, ihr eigenes Bild und ihre eigenen Menschen. Die Steinhagener ticken anders als die Peckeloher. Es kam hier allerdings dazu, dass ich schon nach den ersten drei Monaten Presbyteriums-Vorsitzender wurde und das auch bis zum Sommer 2018 geblieben bin.

 

Damit sind Sie so etwas wie ein Geschäftsführer der Gemeinde?

Potz: Ja. Ich hatte mit dem Presbyterium ein starkes Team an meiner Seite. Ohne den Finanzkirchmeister, den Bauausschuss, Kantorin, Küster und viele mehr läuft nichts in einer Gemeinde. Aber ich habe als Vorsitzender das Gefühl gehabt, 75 Prozent meiner Arbeitszeit mit der Gemeindeleitung verbringen zu müssen und nur 25 Prozent mit der Gemeindearbeit. Insofern entstand der Eindruck, nie wirklich in meinem Pfarrbezirk angekommen zu sein.

 

Haben Sie trotz der Leitungsfunktion auch inhaltlich Ihre Vorstellungen umsetzen können?

Potz: Jeder hat einen Traum von Kirche, Visionen für die er sich Bundesgenossen sucht. Als meine Frau und ich in Versmold anfingen, fand gerade ein Generationswechsel bei den Pfarrern statt. Wir beide mit dem Hintergrund der 68er hatten eine bestimmte Vision von Lebendigkeit und Weltoffenheit, von Kirche ohne eine starke Dogmatik. Das hat uns durch die Versmolder Zeit getragen und mit unseren Kollegen verbunden. In Versmold hatte ich das Gefühl, visionär arbeiten zu können. In Steinhagen hatte ich eine Art Bewahrer zu sein, der den Laden am Laufen hält. Das hat mir zu schaffen gemacht.

 

Wie agiert man als Pfarrer in einer kleiner werdenden Gemeinde?

Potz: Genau wie vorher. Die Reduktion, die Komprimierung hat ihre Vorteile. Vorher waren es viele, die aus bürgerlichen Konventionen heraus in der Kirche waren. Diejenigen aber, die jetzt bleiben, tun das aus starker Überzeugung und viel bewusster. Ihr Bekenntnis ist viel substanzieller. Daraus resultiert viel Engagement: Wir haben eine große Zahl von Ehrenamtlichen. Das ist der Hammer. Man sollte nicht Frust oder Angst vor dem Kleinerwerden haben, sondern das Profil, das christliche Selbstbewusstsein schärfen. Allerdings verteilt sich die Arbeit auf immer weniger Schultern. Und: Bislang haben wir keinen finanziellen Mangel gehabt, weil auch gut gewirtschaftet worden ist. Aber der kommt dramatisch. Und der Pfarrermangel ist schon da.

 

Was ist nötig, um die Gemeinde auf Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten?

Potz: Sich zu sagen, es ist nicht unsere, sondern Gottes Kirche und sich zu begrenzen mit der Frage: Was braucht eine Gemeinde primär, um Gemeinde Jesu Christi zu sein.

Was waren die besonderen Herausforderungen Ihrer Arbeit in Steinhagen. Sie haben gerade in der jüngeren Vergangenheit schwierige Personalentscheidungen und unpopuläre Entscheidung, wenn man an die Umwidmung des Friedrich-von- Bodelschwingh-Hauses denkt, treffen müssen.

Potz: Die Herausforderung war insbesondere, gelassen zu bleiben, wenn man nicht gerade ein geduldiger Mensch ist. Und Entscheidungen trifft nicht nur ein Mensch, die kann man nur mit einem guten Team bewältigen. Aber natürlich können sich Ehrenamtliche schneller zurückziehen und Hauptamtliche stärker in die Pflicht nehmen. Aber wenn die Arbeitslast nicht mehr sachgerecht proportional verteilt werden kann, dann ist etwas faul im Hause Kirche. Im Gegensatz zu freien Gemeinden können wir uns nicht nur auf den Gottesdienst fokussieren, sondern haben einen riesigen Apparat mit Diakonie, Kirchenmusik und vielem mehr. Bis man so einen Tanker zu Kurskorrekturen gezwungen hat, ist die Welle, der man ausweichen wollte, längst durchgezogen, hat aber Turbulenzen hinterlassen.

 

Also schlanker werden?

Potz: Sich bedarfsgerecht verändern, die Leute wissen lassen, wofür man als Gemeinde steht und wofür nicht. Was zum Beispiel eine Menge Arbeit aus den Gemeinden nimmt, ist die Gründung des neuen Kita-Trägervereins auf Kirchenkreisebene.

 

Sie waren für jeden Spaß zu haben, zum Beispiel beim Badewannenrennen in Brockhagen, Sie waren aufgeschlossen für etwa neue Gottesdienstformen oder auch die Pilgerreise mit dem Motorrad...

Potz: Weniger weil ich krampfhaft Neues wollte, vielmehr war es der vibrierende Versuch, die wunderbare Botschaft von der Liebe Gottes in die heutige Zeit zu tragen. Wenn Kirche etwas geschafft hat, ist es, sich auf unterschiedliches Klientel einzulassen. Wir sind nicht hinter anderen gesellschaftlichen Kräften zurückgeblieben. Viele Beratungsstellen und soziale Einrichtungen, auch die häusliche Pflege etwa sind im kirchlichen Raum entstanden. Und die Motorradtouren sind aus der Männerarbeit heraus entstanden. Ein tolles Erlebnis: zwei Fahrten mit 20 Männern mit ganz unterschiedlicher Nähe zur Kirche, vom Friedhofsgärtner bis zum Topmanager. Und die kommen miteinander ins Gespräch über ganz existenzielle Dinge und verlangen schließlich nach Andacht und Gebet. Das ist gut gelaufen.

 

Was kommt bei Ihnen als Nächstes? Wie sehen Ihre neuen Horizonte im Ruhestand aus?

Potz: Ich bleibe in Steinhagen. Meine Frau ist ja auch noch vier Jahre im Dienst. Aber ich habe mir erst einmal eine zwölfmonatige kirchengemeindliche Abstinenz verordnet. Ich möchte nicht die graue Eminenz sein. Als Christ bleibe ich der Gemeinde als Gemeindeglied erhalten. Was ich genau mache, das entscheide ich zu gegebener Zeit. Ich genieße es erst einmal, nicht mehr termingebunden zu sein. Beschäftigung habe ich genug: Wir haben drei erwachsene Kinder und ein Enkelkind. Ich werde mit dem Hund spazieren gehen, den Sport, das Mountainbiking im Berg, intensivieren und viel in unserem Haus in Schweden sein. Und vielleicht fange ich ja auch mit der Reiterei wieder an...

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