Nationalsozialismus: Vortrag mit Historiker in Steinhagen hervorragend besucht – intensive Diskussion
»Eine gute Erinnerungskultur«

Steinhagen (WB). »Steinhagen im Nationalsozialismus« – die wissenschaftliche Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels der Ortsgeschichte treibt die Bürger offenbar um. 140 Zuhörer, viel mehr als erwartet, kamen zum Vortrags- und Diskussionsabend mit dem Bielefelder Historiker Dr. Jürgen Büschenfeld ins Rathaus.

Donnerstag, 07.02.2019, 07:30 Uhr
Die Hitlerjugend steht Spalier, Brockhagen ist bereit für die Ankunft der »Alten Garde«, Hitlers älteste Getreue, die 1939 auf »Westfalenfahrt« sind. Doch der Kontakt mit der breiten Bevölkerung bleibt aus. Die »Alte Garde«, die doch eigentlich durch ihre Präsenz den Führerkult stärken sollte, bleibt unter sich und fährt gleich weiter nach Steinhagen zur Brennerei Schlichte. Foto: Heimatverein Brockhagen

Und sie hatten viele Fragen – zu den historischen Ereignissen und zum heutigen Umgang mit der Vergangenheit. Jürgen Büschenfeld bescheinigte ihnen gute Erinnerungskultur: »Es besteht hier Konsens über die Sympathie für die Demokratie«, sagte er im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT mit Blick auf die intensive sachliche Diskussion nach seinem 75-minütigen Vortrag.

Gauland und Weidel kann man ruhig mal über den Mund fahren.

Historiker Dr. Jürgen Büschenfeld über manche heutige Diskussion

Büschenfeld hatte eingangs deutlich Stellung bezogen zum heutigen Umgang mit der Vergangenheit: Es werde oftmals versucht, unfassbare Verbrechen zu relativieren, und das Gedenken an die Opfer in Frage gestellt. Erkenntnisse werden immer wieder angezweifelt: »Das ist geradezu bösartig«, sagte er. Und so riet er auf die Frage von Zuhörerin Marion Ernsting, wie man künftig das Entstehen solcher Strukturen verhindern könne: »Immer gegenhalten gegen solche Zumutungen. Wenn sich Tausende in Bielefeld gegen Unterstützer von Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck versammeln, ist das wunderbar. Und Gauland und Weidel kann man ruhig mal über den Mund fahren.« Das brachte ihm spontanen Applaus.

Erinnerung an Brandanschlag und Hinrichtung

Denn Jürgen Büschenfeld hat eindrücklich gezeigt, wie die Nazis in Brockhagen, Steinhagen und zuletzt auch Amshausen Fuß fassen konnten, hat den Druck geschildert, den sie aufbauten. Er schilderte die Vereinnahmung aller Lebensbereiche – und die Verbrechen wie den Brandanschlag auf das Haus der jüdischen Familie Hurwitz in der Pogromnacht oder die minutiös angeordnete Hinrichtung eines polnischen Zwangsarbeiters 1941.

»Wie gewöhnlich oder außergewöhnlich war das, was in der Gemeinde passiert ist?«, fragte Zuhörer Ralf Engelhardt. »Man kann schon von einem hohen Maß an Normalität sprechen. Außergewöhnlich ist die Zeit nach 1945«, sagte Jürgen Büschenfeld. Als Beispiel nannte er den Prozess gegen die Brandstifter des Hauses Hurwitz. Den Anstifter, Heinrich Pohlmann, habe man gekannt. Er starb 1946 im französischen Internierungslager. Auch die ausführenden Täter seien schnell klar gewesen. »Bisher war nur ein Prozess bekannt«, so Büschenfeld. Tatsächlich hat es, wie er herausfand, aber zwei Revisionsverfahren gegeben – der Angeklagte Büteröwe wurde am Ende mangels Beweises freigesprochen. Und Julie Genuit, einzige Überlebende der Familie Hurwitz, kämpfte noch bis in die 60er Jahre um Entschädigung für das abgebrannte Elternhaus.

»Ganz besondere Regeln« bei der Entnazifizierung

Heinrich Pohlmann war indes bei der Entnazifizierung als »Mitläufer« eingestuft worden – was in Brockhagen laut Büschenfeld größte Entrüstung auslöste. Ganz besondere Regeln machte Büschenfeld bei diesen Verfahren aus. So wurde auch Ernst Kienker, Ortsgruppenleiter, Orts-, Kreis- und Landesbauernführer sowie SA-Mann, zwar zunächst inhaftiert, kämpfte sich dann aber in die Kategorie IV »Mitläufer«. »Jüdische Opfer schlugen die Hände über dem Kopf zusammen: Kienker war doch der schlimmste Nazi. Aber er hatte viele gute Leumundszeugnisse. Und 1947, als sein Verfahren begann, hatte man kaum noch Interesse daran.«

Zuhörer Heinrich Bittner sagte mit Bezug auf die vorangegangenen Vorbehalte der Steinhagener CDU gegen Namensnennung: »Bei jedem Befassen mit dieser Zeit müssen Namen genannt werden.« Klaus Besser unterstrich, die Namen seien ohnehin bekannt und öffentlich in Archiven zugänglich. CDU-Ratsherr Hans-Heino Bante-Ortega aus Brockhagen betonte: »Das Buch ist deckungsgleich mit dem, was ich von meinen Eltern über die Ereignisse weiß. Bei uns wurde darüber offen gesprochen.«

Erst einmal keine Stolpersteine – für 2020 ist eine Ausstellung geplant

Wären Stolpersteine, die kleinen Gedenktafeln im Straßenpflaster, geeignet, um in Brockhagen an die jüdische Familie Hurwitz zu erinnern? Diese Frage kam in der Diskussion auf. Bürgermeister Klaus Besser sagte: »Wir haben darüber nachgedacht, aber davon abgesehen. Denn die Nachfahren der Opfer leben in Brockhagen und wollen nicht täglich an das Leid erinnert werden. Das muss man akzeptieren.« Zu gegebener Zeit werde man sicherlich Stolpersteine installieren.

Nach dem Vortrag ist für 2020 eine Ausstellung vorgesehen. Diese wird von Master-Studenten Büschenfelds vorbereitet.

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6374364?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516077%2F
Hart, aber unvermeidbar
Auch im Sport gelten von Montag an extreme Einschränkungen. Foto: Klaus Münstermann
Nachrichten-Ticker